Saab-Werkstuning Auf den Hirsch gekommen
BMW hat die M GmbH, Audi die Quattro-Abteilung und Mercedes seine AMG-Truppe. Aber Saab? Die gebeutelte GM-Tochter hat derzeit ganz andere Probleme und kann sich ein Werkstuning kaum leisten. Weil es aber nach Aussage des deutschen Geschäftsführers Knuth Sexauer insbesondere in Deutschland und in der Schweiz einen Markt für noch mehr Muskeln gibt, lassen sich die Schweden von einem Schweizer helfen: René Hirsch.
Mit dem Segen des Werks ändert dessen "Performance-Division" die Programmierung der Motorsteuerung, modifiziert Turbolader und Abgasführung und kitzelt so mehr Leistung aus den schwedischen Motoren. Und mit weniger Bodenfreiheit, einem strammeren Fahrwerk und einem aufgewerteten Innenraum sorgt er für eine schnittige Optik, ohne dass das von den Saab-Kunden angeblich so geschätzte Understatement auf der Strecke bleibt.
Diese Pakete kommen so gut an, dass die Kooperation nun in die nächste Runde geht und Saab neben den Bausteinen für Neu- und Gebrauchtwagen erstmals auch Komplettfahrzeuge unter dem Label "Performance by Hirsch" in die Preisliste aufnimmt. Sie stehen laut Saab-Chef Sexauer noch über dem Aero an der Spitze der jeweiligen Baureihe. Zum Beispiel lockt Sexauer nun mit einem 9-3, dessen Leistung auf 275 PS gestiegen ist, und einem 9-5, der jetzt mit 300 PS punkten kann. Allerdings muss man dafür auch tief ins Portemonnaie greifen: Weil die Hirsch-Pakete auch an zusätzliche Ausstattung geknüpft sind, kosten die Komplettfahrzeuge zwischen 8000 und 14.000 Euro mehr als die Saab-Aero-Versionen.
Die Keimzelle der sportlichen Modelle liegt im schweizerischen St. Gallen. Dort hat René Hirsch vor einigen Jahren von seinem Vater den größten Saab-Betrieb der Eidgenossenschaft übernommen und schon früh damit begonnen, díe Motoren zu tunen. Bereits 1999 bündelte Hirsch die Veredlung in der neuen "Hirsch Performance AG". Weil die Autos in der Schweiz einen Ruf wie Donnerhall haben, wurde auch Saab auf Hirsch aufmerksam, schaute sich die Fahrzeuge an und war offensichtlich beeindruckt von der Gründlichkeit, mit der Hirsch den Elchen zu Leibe rückt.
So kam es 2002 vor allem auf Drängen des deutschen Marktes zu einer "exklusiven Partnerschaft": Hirsch wurde zum einzigen offiziellen Saab-Tuner, und Saab zum einzigen Kunden der "Hirsch Performance AG". Seitdem arbeiten 15 Mitarbeiter in St. Gallen daran; die Autos aus Trollhättan noch stärker, schneller und schöner zu machen. Insbesondere wer sich für eines der neuen Komplettfahrzeuge entscheidet, bekommt mehr als reines Chiptuning, sagt Saab-Chef Sexauer. Natürlich entfällt ein Löwenanteil der Leistungssteigerung auf die Modifikation an der Motorelektronik. Doch dazu gibt es zum Beispiel beim 9-5 auch ein neues Ansaugsystem und eine neue Auspuffanlage. Außerdem bekommen alle "Performance by Hirsch"-Modelle ein tiefer gelegtes Fahrwerk und standfestere Bremsen.
Nur beim optischen Zierrat hält sich auch der Tuner zurück. Weil der Saab-Fahrer den Pelz lieber nach innen trägt, sind die Hirsch-Modelle von außen nur an der verringerten Bodenfreiheit, den speziellen Felgen und den armdicken Auspuff-Endrohren von der ohnehin schon sportlichen Aero-Version aus der Grosserie zu unterscheiden. Auch innen muss man schon genau hinschauen, um die Individualisierung zu erkennen. Währen da nicht die Alupedale mit den Gumminoppen, würde man das Leder auf dem Armaturenbrett des 9-3 und die paar zusätzlichen Chromelemente in allen Hirsch-Modellen leicht übersehen.
Mit schwerem Fuß die Automatik bei Laune halten
Doch auch wenn man es ihm nicht auf den ersten Blick ansieht. Spüren kann man den Kraftzuwachs etwa beim 9-3 Sportkombi auf Anhieb. Zwar ist schon der normale Aero mit dem 2,8 Liter großen Turbo-V6 und den 250 PS kein Schwächling. Doch bringt es der Wagen nach dem Hirsch-Training jetzt auf 275 PS. Weil gleichzeitig das maximale Drehmoment um 15 Prozent auf 400 Nm stieg, hängt der Lastenträger nun noch besser am Gas, sofern die Automatik mit einem schweren Fuß bei Laune gehalten wird. In 6,7 Sekunden erreicht er Tempo 100, den Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h schafft er in 6,5 Sekunden, und ein Ende findet die Beschleunigung nun erst bei 255 km/h.
Das allerdings wird der Saab-Fahrer laut Sexauer nur im Stillen genießen. "Denn wichtiger als die reine Sportlichkeit ist ihm die Souveränität", sagt der Deutschlandchef und macht die Leistung sogar zu einem Element der passiven Sicherheit. "Es kommt weniger auf die Endgeschwindigkeit an, als auf die Spritzigkeit etwa wenn man auf einer schmalen Landstraße überholt oder auf der Autobahn mal schnell die Spur wechseln will." Sogar die Vernunft spricht für die Performance-Modelle, auch wenn das aus dem Datenblatt nicht direkt hervorgeht. Doch wer seinen Fahrstil nicht gravierend ändert, sondern die Leistung als stille Reserve nutzt, der kann mit den stärkeren Motoren sogar Sprit sparen, verspricht der Kundendienstchef.