Stevens Super Flight: Fahrrad mit eingebautem Service
Stevens Super Flight Wie das Land, so das Rad
Der erste Eindruck: Schwarz und unscheinbar. Irgendwie simpel - und so fährt es sich auch. Das soll ein Kompliment sein.
Das sagt der Hersteller: Das Super Flight sei "für Leute, die gern Rad fahren und sich sonst um nichts kümmern wollen", sagt Carsten Schabacher vom Hamburger Fahrradhersteller Stevens, der das Fahrrad an der Spitze der Citybike-Preisliste aufführt. "Müsste ich eine doppeldeutige Werbebotschaft schreiben, sie würde 'Einfach Radfahren' lauten." Das Fahrrad, das es als Herren- und Damenversion gibt, sei extrem unkompliziert und wartungsarm und eigne sich auch für längere Wochenendtouren.
Schabacher zählt auf. Die Scheibenbremsen: effektiv auch bei Nässe, Belagwechsel selten notwendig. Die Elfgang-Nabenschaltung: hohe Entfaltung, wenn es zur Arbeit mal schnell gehen muss, aber weit weniger pflegebedürftig als eine Kettenschaltung. Und die könnte man auch gar nicht installieren, da am Super Flight ein Carbonriemen für die Kraftübertragung montiert ist - den Wartungsmuffel ebenfalls lieben. Einmal kalibriert, hält er Zehntausende von Kilometern. "Eine Kette sollte man dagegen nach 3000 Kilometern wechseln", sagt Schabacher.
Das ist uns aufgefallen: Das Super Flight verträgt Schocks. Wir rollen eine Straße entlang, nichts klappert - trotz diverser Anbauteile. Darunter sind der Ständer, der per Unterstrebe verstärkte Gepäckträger, die formschöne Ringklingel und als übliche Schepper-Verdächtige auch die Schutzbleche. Aber die halten ebenso still wie die Alfine-Schaltung, der Riemenantrieb oder die dezent profilierten Reifen. Mit anderen Worten: Wir sind lautlos unterwegs, fast widerstandslos, man hört uns nicht kommen. Und schon jagen wir einem ballspielenden Jungen, der uns nicht kommen hört, einen gehörigen Schrecken ein, was der nur mit einem knappen "krass" quittiert.
Stevens Super Flight: Fahrrad mit eingebautem Service
Weil wir auch noch mit einem hellen Busch&Müller-Scheinwerfer von 70 Lux fahren, hat der Bursche das Gefährt nicht als Fahrrad eingestuft, sondern wohl als etwas Größeres. Der Strahler schaltet sich von allein an und ist so leuchtstark, dass schon beim Anflug von Dämmerung die Verkehrsschilder reflektieren.
Dabei ist das Super Flight kein Blickfang. Laut Schabacher ist es "norddeutsch bunt" lackiert, also in einer der Schwarz-Grau-Abstufungen von Stevens, in unserem Fall "Velvet Black". Damit ist es unauffällig, was angesichts der Diebstahlquote in Städten ein Vorteil ist. Bei näherer Betrachtung erweist sich das mit 13,5 Kilo eher leichte und vom Gesamteindruck schlicht gestaltete Rad als fein designt: Das Sitzrohr verläuft leicht konisch. Ober- und Unterrohr verjüngen sich nach hinten und unten, was dem Rad Stil verleiht. Es punktet eher mit Understatement und ist weit davon entfernt, betont cool daher zu kommen.
Aber laut kann das Super Flight dann doch werden, denn die hydraulischen Scheibenbremsen knarzen mitunter, kurz bevor man zum Stehen kommt. Apropos stehen: Der Ständer am Hinterbau ist zwar standfest und hält das Rad auch auf lockerem Grund. Doch er ist so klobig, dass man beim Pedallieren je nach Schuhgröße mit der Sohle hängen bleibt. Ist man schnell unterwegs, ist die mangelnde Fersenfreiheit ein Sicherheitsrisiko.
Das muss man wissen: Stevens' 1899 Euro teures und voll ausgestattetes Cityrad hat zwar auch Langstreckenqualitäten, doch ein veritables Reiserad ist es nicht. Denn muss mal sehr viel Gepäck mit, scheitert das an der Gewichtsgrenze von 25 Kilo maximal erlaubter Zuladung für den Gepäckträger. Auch das zulässige Gesamtgewicht liegt bei Reiserädern höher. Sie fahren wegen der besseren Schweißeigenschaften mit Stahlrahmen statt - wie das Stevens - mit Alurahmen. Dazu haben sie muskelkraftsparende Berggänge, die die Shimano-Nabe nicht bietet. Ebenso ist der Radstand für besseren Geradeauslauf oft länger, der unterwegs stärker gefragt ist als in der Stadt. Dort zeigt sich das kürzere Super Flight dafür umso wendiger.
Der Federungskomfort geht in Ordnung, obwohl Stevens bewusst auf eine Federgabel verzichtet, die regelmäßig gewartet werden müsste. Bis zu 47 Millimeter breite Reifen steigern bei Bedarf die Bequemlichkeit auf unebenen Strecken. Hat man allerdings hinten einen Platten, wird die Reparatur wegen des Carbonriemens im Vergleich zur Kette fummelig. Die Spannung muss höher sein, damit später die Zähne nicht überspringen, und sie muss exakt eingestellt werden. Dazu gibt es eine Smartphone-App, die wie ein Stimmgerät für Saiteninstrumente funktioniert. Die App misst die Frequenz, sobald man am Riemen wie an einer Gitarrenseite zupft. Stimmt der Sound noch nicht, muss nachjustiert werden.
Was den Fahrer nicht kümmern muss: Weil der Carbonriemen sich nicht öffnen lässt wie eine Kette, setzt er eine komplizierte Rahmenkonstruktion mit Rahmenschloss voraus. Wird er erstmals aufgezogen oder ersetzt, muss der Rahmen geöffnet werden, was man am besten einer Fachwerkstatt überlässt. Wichtig dabei: "Kettenblatt vorne und Ritzel hinten müssen genau auf der gleichen Linie sein. Ansonsten steht der Riemen einseitig unter Spannung, was ihn eher reißen lässt", so Carsten Schabacher.
Das werden wir in Erinnerung behalten: Stinknormales Radeln und Hightech-Komponenten müssen sich nicht ausschließen - es braucht eben nur ein bisschen Norddeutsch-Bunt zur Tarnung. Ach, ja: Verschmierte Hosenbeine gehören dank Riemenantrieb der Vergangenheit an.