Toyota Auris: Der Goldjunge - DER SPIEGEL
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Toyota Auris Der Goldjunge

Ob bei Toyota in Köln die Korken knallten, als der Auris unlängst einen Kompaktwagen-Vergleich gegen acht Konkurrenten gewann und sogar den Urmeter in dieser Klasse, den VW Golf, auf Platz zwei verwies? Eher nicht. Vermutlich war dieser Triumph längst einkalkuliert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als am Ende des Vergleichstests in der Fachzeitschrift "Autobild" der Toyota Auris als Sieger feststand, meldete das Blatt verdutzt: "Es ist passiert: Der Golf verliert den Titel 'Klassenbester' an den Auris." Doch so eine Auszeichnung ist auch Bürde. Und an der trägt der japanische Kompaktwagen, der seit drei Monaten in Deutschland verkauft wird, ziemlich schwer. Denn wer nun das Überauto in der 4,20-Meter-Klasse erwartet, dürfte rasch enttäuscht sein, offenbart der taufrische Corolla-Nachfolger doch einige Schwächen.

Andererseits ist der Wagen, der in einer spartanisch ausgestatteten, dreitürigen Basisversion ab 15.200 Euro angeboten wird, durchaus ein Typ, an dem sich die Konkurrenz messen lassen muss. Das Fahrgefühl ist punktgenau ausbalanciert für ein Auto, das allen möglichen Ansprüchen von sportlich bis kommod gerecht werden soll und das für lange Urlaubsfahrten, kurze Dienstwege, Einkaufstouren, Familienausflüge oder eilige Expresstransporte gleichermaßen genutzt werden wird. Zum Fahrwerk mit der feinfühligen Lenkung passt das prima zu schaltende Sechsgang-Getriebe.

Die Gangwechsel gehen auch deshalb so glatt von der Hand, weil der Schaltknüppel dicht am Lenkrad auf einer Brücke sitzt, die sich in hohem Bogen vom Armaturenbrett zur Mittelkonsole schwingt. Doch genau dies ist auch eine der Problemzonen des neuen Auris. Denn warum nur verkleidet Toyota ausgerechnet dieses exponierte Bauteil mit silberfarbenem Billigplastik, das nach allem Möglichen aussieht – nur nicht nach Qualität. Und weil wir gerade beim Mäkeln sind: Wer sich weiter umschaut im Auto, merkt, dass die Sicht nach schräg hinten stark eingeschränkt ist; ein eindeutiges Manko beim Einparken und Rechtsabbiegen.

Instrumente in goldenem Schein

Dann wieder glänzt der Auris tatsächlich so goldig, wie sein Name (vom lateinischen Aurum, Gold) verspricht. Etwa mit blendfreien, orange leuchtenden Optitron-Instrumenten im Cockpit, die futuristisch aussehen und gut ablesbar sind. Oder auch mit einem sehr ordentlichen Platzangebot auf allen Sitzen, wobei insbesondere im Fond die Kopffreiheit beachtlich ist und durch die großen hinteren Türen (sofern es sich um einen Fünftürer handelt, der 700 Euro Aufpreis kostet) das Ein- und Aussteigen recht bequem vonstatten geht.

Toyota bietet für den Auris vier Vierzylinder-Motoren an, wobei die beiden Benziner 97 und 124 PS leisten, die beiden Dieselaggregate 126 und 177 PS. In unserem Testauto war der 2-Liter-Selbstzünder mit 126 PS und Rußpartikelfilter montiert, ein angenehm unspektakulärer Motor, der im Auris sehr harmonisch wirkt. Das maximale Drehmoment von 300 Nm liegt ab 1800 Umdrehungen pro Minute an, was das Fahren insgesamt recht entspannt macht. Im Cockpit ist eine Schaltanzeige installiert, die durch kleine Pfeile darauf aufmerksam macht, wann es Zeit wäre zum Hoch- oder Runterschalten. Wer die Empfehlungen beachtet, erreicht zwar nicht den von Toyota angegebenen Durchschnittsverbrauch von 5,7 Liter je 100 Kilometer, aber immerhin bleibt man unter sieben Liter.

Leiser Auftritt - auf der Straße und im Design

So säuselt der Auris also dahin. Und das ist keine verquere Formulierung, sondern der Versuch zu beschreiben, dass sich das Auto ausgesprochen leise fortbewegt. Möglich machen dies ein geschmeidiger cW-Wert von 0,29 sowie speziell beschichtete Dämmstoffe und wattierte Verkleidungen, die Schallwellen schlucken und den Insassen den Eindruck vermitteln, man flüstere nur so über die Straße.

Leise wie das Auto ist aber leider auch das Karosseriedesign. Nun sind Toyota-Modelle ja nicht unbedingt bekannt für ihr marktschreierisches Auftreten, doch ein wenig mehr Schliff hätte der Wagen, der den faden Bestseller Corolla beerben soll, schon verdient gehabt. Dabei ist es nicht so, dass der Auris nicht gefällig aussieht oder etwa nicht hübsch proportioniert ist. Doch die Linien fließen so weich dahin, dass das Auge des Betrachters nirgendwo richtig Halt findet. Im Gedächtnis haften bleibt dieses Design jedenfalls nicht.

Was aber haften bleibt, und was letztendlich auch mehr zählt, wenn es drauf ankommt, ist die gute Sicherheitsausstattung. Der Auris erhielt im Euro-NCAP-Crashtest fünf von fünf möglichen Sternen sowie Bestnoten bei der Insassen- und Kindersicherheit. Serienmäßig sind sieben Airbags an Bord, darunter ein Luftsack zum Schutz der Knie und Beine des Fahrers. Das kann in dieser Klasse bislang kein anderer Hersteller bieten, und so hat sich der Auris das Primus-Etikett zumindest in dieser Disziplin absolut verdient.