Toyota Avensis Stiller Musterschüler
Wer je auf einem Klassentreffen war, kennt die Situation. Am Buffet trifft man auf den, der immer ziemlich gute Noten bekam, unmodische Strickpullis trug und nicht zur Schuldisco durfte - der Name fällt einem aber partout nicht ein. Und so stammelt man errötend etwas Smalltalk, bis der Vordermann endlich das Salatbesteck freigibt. Auf die Autowelt übertragen, könnte der Typ am Buffet der Toyota Avensis sein. Die vor wenigen Wochen frisch auf den Markt gekommene dritte Generation der Limousine gibt sich größte Mühe, der Musterschüler in der Mittelklasse zu sein, bleibt dabei aber ein bisschen blass.
Das liegt zum großen Teil am Design, das in Toyotas europäischem Kreativzentrum in Südfrankreich entstand. Vibrant Clarity nennt das Unternehmen die Formensprache, die den sogenannten J-Faktor - also eine typisch japanische Ästhetik - auf das Automobil übertragen soll. Zu sehen ist eine 4,70 Meter lange Limousine (der Kombi ist rund sieben Zentimeter länger), deren Schokoladenansicht die Seite ist. Die Silhouette des Autos mit den klaren Flächen, der markanten Sicke über dem Schweller und der feinen Dachlinie sieht richtig gut aus. An Front und Heck dagegen verliert der Wagen an Präsenz, wirkt ein bisschen beliebig und auch etwas beleibt.
Was man dem Auto schon von außen ansieht, bestätigt sich nach dem Einsteigen: Der Wagen ist richtig groß und geräumig. Das wird noch dadurch verstärkt, das sich die Designer im Innenraum stark zurückgenommen haben und die Einrichtung des Autos äußerst diszipliniert und elegant gestaltet haben. Dadurch fehlt vielleicht der Aha- und erst recht der Oha-Effekt, doch auf Dauer wirkt diese dezente Umgebung äußerst nervenschonend und angenehm.
Hoher Langstreckenkomfort, angenehmes Fahrgefühl
Dazu kommt der erstklassige Sitzkomfort. Selbst nach fünf Stunden Autobahnmarathon steigt man unverkrampft und heiter aus dem Avensis. In manchen anderen Mittelklasseautos werden solche Etappen längst zur Marter, da kann man an der Sitzverstellung schrauben wie man will. Anteil daran haben nicht nur die gut geformten Sitze, sondern auch die prima Dämpfung des Innenraums sowie das gutmütig abgestimmte Fahrwerk. Dieses Auto schmückt sich nicht mit den albernen Federn angeblicher Sportlichkeit, sondern zeigt da Kompetenz, wo es nötig ist: beim sanften Abrollen über bisweilen rauen Untergrund.
Je drei Diesel- und Benzinmotorisierungen bietet Toyota für den Avensis an, die Leistungsspanne erstreckt sich von 126 bis 177 PS. Wir waren mit dem schwächsten der angebotenen Aggregate unterwegs, dem 2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit 126 PS, der in Kombination mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe für Vortrieb sorgt. Die Maschine arbeitet so, wie man sich das von einem zeitgemäßen Dieselmotor wünscht: leise, druckvoll, sparsam. Wobei der Motor, der im neuen Toyota-Werk im polnischen Jelcz-Laskowice gebaut wird, durchaus noch Optimierungspotential hat. Denn an den offiziell angegebenen Durchschnittsverbrauch von 5,4 Liter kommt man nicht heran; auch dann nicht, wenn man die Schaltempfehlungen der Steuerelektronik beachtet und zügig den sechsten Gang einkuppelt. Der Bordcomputer unseres Testwagens meldete 7,3 Liter als Durchschnittswert.
Schon der Einstiegsmotor ist völlig ausreichend
Überraschend ist jedoch, wie gut Motor und Auto harmonieren. Dass der 126-PS-Einstiegsmotor mit dem 1,5-Tonner überfordert wäre, davon kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Genau so sollte eine Limousine motorisiert sein. Wer einen Sportwagen fahren will, soll sich einen Sportwagen kaufen, und kein hochgezüchtetes Familienauto.
Wie schon das Vorgängermodell, das 2003 auf den Markt kam, tritt auch der neue Avensis serienmäßig mit ABS, ESP und sieben Airbags, darunter ein Knieairbag unterhalb des Lenkrads an. Dazu kommen eine Anti-Schlupfregelung, dynamisches Bremslicht (bei einer Vollbremsung beginnen die LED-Rückleuchten schnell zu blinken) sowie aktive Kopfstützen an den Vordersitzen. Beim Thema Sicherheit will Toyota nämlich vorne bleiben, war doch der Vorgänger das erste Mittelklassemodell, das im Euro-NCAP-Crashtest ein Rekordergebnis von 34 Punkten und fünf Sternen erzielte.
Die Kofferraumbügel ragen weit in den Gepäckraum
Nicht alle Details können überzeugen. Das Navigationssystem ist dank eines Touchscreen-Bildschirms zwar gut zu bedienen, doch hakt es an der Programmierung. Hartnäckig empfahl der elektronische Scout auf einer langen Autobahnfahrt die unsinnigsten Umleitungen; auch kurz vor dem Ziel nervte die Software noch mit einer Streckenempfehlung, die eine halbe Stunde unnötige Fahrerei bedeutet hätte - dynamische Routenführung in ihrer schlechtesten Ausprägung. Und dass die Haltebügel des Kofferraumdeckels tief ins Gepäckabteil dringen, ist eigentlich Automobilbau von vorgestern.
Demgegenüber stehen clevere Kleinigkeiten wie etwa eine spezielle Konstruktion der vorderen Stoßfänger, die nach einer kleinen Rempelei die Reparaturkosten senkt und damit die Versicherungseinstufung niedrig hält (Haftpflicht Typklasse 15). Ebenso sorgen Konstruktionstricks dafür, dass die Motorhaube und die Scheinwerfer bei solchen Unfällen unbeschädigt bleiben.