Volvo FH 16 Über den Dingen
Schon die erste Begegnung ist beeindruckend. Gerade eben auf der Autobahn hat man sich über die behäbigen Riesen noch geärgert. Doch jetzt, wo der Volvo FH 16 mit seinem Sattelauflieger blank poliert fast vier Meter hoch, 40 Tonnen schwer, beinahe 17 Meter lang und mehr als 200.000 Euro teuer vor einem aufragt, bleibt einem angesichts der imponierenden Fassade fast die Spucke weg. Aber mit Schauen allein ist es heute nicht getan: Um die vermeintlich fremde Welt der Trucker kennen zu lernen, startet SPIEGEL ONLINE den Selbstversuch. Und als Testwagen für den Laien im Laster gibt es nicht irgendeinen Lkw, sondern gleich den stärksten Truck der Welt.
"Zeit ist Geld", das weiß niemand besser als ein Berufskraftfahrer. Also ran an: Drei Stufen die Leiter hochklettern, in den butterweich gefederten Sessel fallen lassen und erst einmal die Aussicht genießen. Während man sonst nur bis zur Stoßstange des Vordermanns blickt, reicht der Blick von hier oben aus der Loge fast bis zum Horizont. Und auch ringsum entdeckt man viel Neues: Über dem Fahrer gibt es mehr Staufächer als zu Hause im Küchenschrank, im endlos breiten Armaturenbrett ist sogar Platz für eine Kaffeemaschine. Und wer in der mannshohen Kabine nach hinten schaut, sieht unter Mikrowelle und Fenrsehgerät zwei Sessel und einen Klapptisch, die sich mit wenigen Handgriffen in ein Bett verwandeln lassen.
Der Nahbereich dagegen kommt auch einem Pkw-Fahrer sehr vertraut vor: Zwar ist das Lenkrad im FH 16 etwas größer als in einem Volvo S80 und das Kombiinstrument nicht so verschnörkelt. Doch viel Umgewöhnung braucht es nicht. Selbst die Zahl der übersichtlich sortierten Schalter und Knöpfe hält sich in Grenzen. Nur der kleine Schaltknauf neben der Armlehne flößt Respekt ein schließlich soll man damit zwölf Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge sortieren können. Schön, dass Volvo im FH 16 das neue i-Shift-Getriebe mit einer automatisierten Kupplung eingebaut hat, das von allein den besten Schaltpunkt findet.
Mehr als 16 Liter Hubraum, verteilt auf sechs Töpfe
Es geht ein kurzer Ruck durchs Fahrzeug. Der 16,1 Liter große V6-Motor des FH 16 erwacht zum Leben. Obwohl er mit 660 PS und maximal 3100 Nm Drehmoment fast jeden Sportwagen in den Schatten stellt, setzt sich der Sattelzug nur im Schneckentempo in Bewegung 40 Tonnen sind eine schwere Bürde, die dem Fahrer eine neue Perspektive abverlangen. Als ließe man den Film in Zeitlupe ablaufen, schwingt die Tachonadel gaaanz langsam über die Skala. Für Pkw-Fahrer-Augen jedenfalls. Der Trucker dagegen freut sich, dass bereits zwei Sekunden nach dem ersten Gasgeben mindestens 90 Prozent des maximalen Drehmoments zur Verfügung stehen.
Dennoch vergehen gut 40 Sekunden, bis Tempo 80 erreicht sind. Und wenn der Laster an einer Autobahnauffahrt auf 40 runtergebremst wird, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis er sein Reisetempo wieder erreicht hat. Deshalb fahren Trucker noch viel vorausschauender, als es den Pkw-Fahrern eingetrichtert wird. Und deshalb scheren sie auch lieber einmal mehr aus, als einmal zu oft zu bremsen. Zwar hätte der FH 16 das Zeug für 120 oder 130 km/h, und beim Truck-Grand-Prix erreichen die Zugmaschinen sogar 150 km/h und mehr, doch regelt die Elektronik auf der Straße bei knapp 90 Sachen rigoros ab.
Wer viel leistet, hat auch großen Durst. Deshalb verbraucht der FH 16 je nach Ladung und Streckenprofil zwischen 30 und 60 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Die Abgase allerdings werden ordentlich gereinigt. Denn während bei den Pkw noch mit "Bluetec" und NOx-Speicherkatalysatoren experimentiert wird, filtert der Volvo längst mit Hilfe der Harnstofflösung "AdBlue" die Stickoxide aus dem Abgasstrom.
Ein Finger reicht für das Gebirge von Fahrzeug
Ist der Truck erst einmal in Fahrt, geraten Gewicht und Format nur allzu leicht in Vergessenheit. Mit Servolenkung und automatisiertem Getriebe lässt sich dieses Gebirge von Fahrzeug förmlich mit dem kleinen Finger bewegen. Selbst die elektronisch zwischen Scheiben- und Motorbremse austarierte Bremskraft ist so üppig, dass man das große Gewicht kaum merkt und der voll beladene Laster aus Tempo 80 in weniger als 35 Metern zum Stehen kommt. Doch ein Blick in die sechs Außenspiegel holt einen schnell wieder in die Realität zurück.
Bis ganz nach hinten sind es fast 17 Meter weiter und die Breite von 2,60 Metern macht jede Ortsdurchfahrt zum Nadelöhr. Trotzdem ist der Truck überraschend wendig. "Ein guter Fahrer braucht zum Wenden nur die 13,6 Meter Aufliegerlänge plus 1,5 Meter", sagt ein Experte aus dem Entwicklungsteam. "Und die Sattelzugmaschine alleine hat einen Wendekreis von 14,1 Metern." Damit braucht der FH 16 zwischen zwei Wänden kaum mehr Platz als etwa eine Mercedes R-Klasse. Den Profi freut das. Der Laie aber schwitzt und kurbelt und sehnt sich nach einem Kleinwagen.