Bikepacking: Wandern mit dem Fahrrad - und was man dafür braucht - DER SPIEGEL
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Bikepacking: Taschen kann man nie genug haben

Foto: ParsleyBags

Radel verpflichtet Ich habe jetzt einen Taschenfetisch

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Beim Radfahren gibt es jedes Jahr mindestens einen neuen Trend. Als ich vom "Bikepacking" hörte, habe ich erst einmal abgewinkt. Das war voreilig, wie ich feststellen musste.

Vor einiger Zeit sah ich in einem Laden ein Fahrrad, an dem eine Vielzahl von Taschen befestigt war. Gepäckträger hatte das Rad nicht. Es sei fürs Bikepacking ausgestattet, wurde mir gesagt. Davon hatte ich schon mal gehört. Es ist ein Trend aus den USA, den ich nicht ganz ernst genommen habe. Das Wort leitet sich von Backpacking ab, also Wandern mit einem Rucksack. Bikepacking ist zunächst einmal nichts anderes als eine Radtour mit leichtem Gepäck, was natürlich weniger spektakulär klingt.

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Foto: Hanna Becker

Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog. 

Ich hatte Bikepacking daher lange als Marketinggag abgetan. Als ich das Fahrrad sah, fand ich das Konzept auf einmal doch ganz interessant. Bikepacking in den USA findet vor allem auf sogenannten Gravel Roads - Schotterstraßen - oder Waldwegen statt. Dafür sind die Taschen gemacht. Wer schon einmal mit Gepäckträger und Fahrradtasche über Berliner Nebenstraßen oder brandenburgisches Kopfsteinpflaster gefahren ist, weiß, wie sehr das Gerappel nerven kann.

Die Taschen für das Bikepacking sind in der Regel mit Klettverschlüssen am Fahrrad angebracht. Sie bewegen sich auch, aber sie rappeln und rattern nicht. Das ist ein großer Vorteil. Man braucht auch keinen Vorder- oder Hinterradgepäckträger, das spart Gewicht. Ein Gepäckträger wiegt schnell ein halbes Kilo oder mehr. Die dazu gehörigen Taschen sind ebenfalls recht schwer. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr Vorteile fielen mir ein. Schon bald schien mir das Konzept total einleuchtend und der Gedanke mit dem Marketinggag weit weg.

Ich stellte freudig fest, dass sich die Bikepacking-Taschen an beinahe jedem Rennrad oder Mountainbike befestigen lassen. Vor mir tat sich plötzlich eine bunte neue Welt auf. Rahmentaschen, zum Beispiel, gab es auch schon früher, aber nicht in dieser faszinierenden Vielfalt. Und sogar bei uns!

Vor ein paar Jahren war das noch anders. Da suchte ich eine Sattelstützentasche für mein Rennrad, weil ich einige Brevets fahren wollte. Das sind lange Touren von 200, 300 oder mehr Kilometern, bei denen man auf sich selbst gestellt ist. Ich brauchte etwas Geräumiges, um Regenjacke, Armwärmer, Beinlinge, Werkzeug und Verpflegung unterzubringen. Fündig geworden bin ich damals bei der amerikanischen Firma Revelate, die Tasche musste ich aber für ziemlich viel Geld und über Umwege bestellen, weil es sie damals in Deutschland nicht gab.

Mittlerweile gibt es auch bei uns alles, wie ich bei meinen immer länger dauernden Nachforschungen feststellte. Rahmen-, Lenker- oder Satteltaschen, in möglichen Größen und Materialien. Die deutsche Firma Ortlieb hat eine eigene Bikepacking-Linie herausgebracht. Abgesehen von der albernen Werbeprosa - "Wenn du dich zugleich frei und in der Natur zu Hause fühlen willst" -, machen die Sachen einen qualitativ hochwertigen Eindruck. Auch amerikanische Firmen wie Revelate oder britische wie Apidura sind mittlerweile in Deutschland erhältlich.

Manche Räder kommen gleich mit dem passenden Gepäck auf den Markt. So gibt es zum Sequoia, dem neuen Offroad-Rennrad von Specialized, eine eigene Taschenkollektion. Vielleicht mein nächster Kauf? Der Berliner Hersteller Gramm präsentiert Taschen, die auf Räder der Rahmenmanufaktur Fern abgestimmt ist. Das Open U.P, ein Gravelbike aus Carbon für Fahrten abseits der Straße, hat auf dem Oberrohr eigens eine Halterung für eine Kamera- oder Werkzeugtasche. Warum ist da vorher noch niemand draufgekommen?

Ich habe noch andere Dinge gelernt. Wer sein Rennrad oder Mountainbike für das Bikepacking ausstatten will, sollte auf ein paar Sachen achten. Nicht alle Taschen, die innerhalb des Rahmendreicks befestigt werden, passen auf alle Räder gleich gut. Die Länge des Oberrohrs und die Winkel der Rohre zueinander spielen eine Rolle. Das muss man ausprobieren. Große Satteltaschen benötigen zur Befestigung meist ein Sattelrohr, das weit aus dem Rahmen heraussteht. Bei klassischen Rädern mit geradem Oberrohr ist das oft nicht der Fall. Manche Hersteller bieten Taschen für verschiedene Sattelrohrlängen an.

Rollenförmige Lenkertaschen sind beliebt, weil sie sich auch an Carbonlenkern befestigen lassen. Sie können an Rennradlenkern aber zu Problemen führen, wenn sie zu breit sind und das Schalten behindern. In diesem Fall kann eine klassische Lenkertasche die bessere Lösung sein. Wer sichergehen will, dass die Taschen zu seinem Rad passen, der kann sich bei Parsely-Bags in Berlin eine für sein Rad maßschneidern lassen. Sieht gut aus, kostet aber auch entsprechend.

Bevor man Geld für eine Bikepacking-Ausrüstung ausgibt, sollte man sich überlegen, welche Art von Fahrten man machen will. Das Bikepacking ist eine wildere, schnellere Art des Tourens. Wer lange, eher gemächliches Reisen mit dem Rad plant, ist mit Gepäckträgern und konventionellen Taschen besser bedient.

Ich habe mittlerweile die Ausstattung, um mit meinem Rennrad jederzeit zu einer verlängerten Wochenendtour aufzubrechen. Es fühlt sich an wie die Vorstufe zum vollkommenen Glück. Ich müsste nur mehr Zeit haben, dann wäre alles perfekt. Der Begriff Wochenendtour ist in Zeiten des Bikepackings übrigens längst überholt. Das heißt nun Microadventure. Klingt nach Marketingsprech? Nur, wenn man sich mit der Materie noch nicht beschäftigt hat.