Faszination Steher-Rennen: Qual im Oval - DER SPIEGEL
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Faszination Steher-Rennen Qual im Oval

80 Runden bei Tempo 80 - wer hält das aus? Die Profis im Steher-Sport: Vorne einer auf dem Motorrad, im Windschatten ein Radler - in diesem obskuren Wettkampf auf der schiefen Bahn werden Mensch und Maschine eins.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rudolf Scharping hat als Politiker gelernt, mit Anfeindungen umzugehen. Doch gerade hat er einen besonders schweren Stand. Das liegt nicht zuletzt an der Radrennbahn im Berliner Velodrom. Das Oval hat ist mit sibirischer Fichte ausgelegt und hat einen bedrohlichen Neigungswinkel.

Und dann sind da die über 12.000 Besucher des 98. Berliner Sechstagerennens, die Scharping erbarmungslos niederbuhen und auspfeifen. Sie wollen die Verabschiedung ihres Radsporthelden Erik Zabel zelebrieren, in Wehmut schwelgen, sich hemmungslos amüsieren. Auf schwülstige Lobesreden des Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer können sie gut verzichten.

Abgang Scharping. Die Party geht weiter, aus dem Boxen dröhnt der "Sportpalastwalzer". Sponsoren haben gelbe Pfeifen zum Mittrillern der Hymne verteilt. Es geht auf Mitternacht zu. Auf den Rängen proben die Massen eine La-Ola-Welle.

Karsten Podlesch steht im Innenraum, in einem kleinen Parc Ferme. Der liegt schräg gegenüber des VIP-Bereichs, wo ein Zehnertisch für 3000 Euro pro Abend zu haben ist. Podlesch verfolgt das tosende Spektakel: "Das gehört zu unserem Sport dazu. Wenn ich erst mal losgefahren bin, sehe ich nur noch die Bahn. Hören kann ich unter dem Helm ohnehin kaum was."

Podlesch ist einer der sieben Schrittmacher der Steher-Teams, die auf ihr allabendliches Rennen warten. Eine uniforme Truppe, die bei ihren Maschinen steht: allesamt ältere Herren über fünfzig, alle in identischen weißen Lederoveralls, alle mehr oder weniger übergewichtig – eigentlich nicht die typischen Kandidaten für einen Leistungssport.

Die schnellen Eichhörnchen

Der Radrennsport wird jedem Podlesch in die Wiege gelegt. Der Vater war in Neumünster ein erfolgreicher Kunstradfahrer, Karsten Podlesch und sein älterer Bruder Rainer sind schon in Kindertagen in den Rennsattel gestiegen. "Rainer wurde 1967 WM-Dritter und 1972 bei den Olympischen Spielen in München fuhr er im Straßenvierer. Und bei den Stehern wurde er zweimal Weltmeister," zitiert Podlesch aus der Familienchronik.

Sein eigenes Licht stellt er lieber unter den Scheffel: "Ach, so richtig an die Spitze bin ich nie gekommen. 1978, das war mein bestes Jahr, da wurde ich Deutscher Vizemeister auf der Straße, und 1980, als ich voll im Saft stand, da sind die Spiele in Moskau ja boykottiert worden." Dann wechselt Karsten Podlesch zu den Stehern. Erst als Fahrer und Ende der achtziger Jahre als Schrittmacher. Mit Carsten, dem Sohn seines Bruders Rainer im Schlepptau fuhr er im Jahr 2000 zum Steher-Europameistertitel; seitdem lässt Karsten Podlesch fast kein Rennen in der Halle oder auf dem Sommerbahnen aus.

Stehen ist eine absolute Randsportart; in Deutschland gibt es vielleicht 30 erfolgreiche Fahrer und die gleiche Zahl aktiver Schrittmacher. Man kennt sich, man schätzt sich, und deshalb sind die Podleschs eine anerkannte Größe in der Szene. Bruder Rainer ist seit Jahren Verbandstrainer der Steher; Karsten sitzt dem Heimatverein aller Podleschs vor, den traditionsreichen Zehlendorfer Eichhörnchen. "Steher-Sport ist Herzenssache," sagt Karsten Podlesch, der jede Minute, die ihm sein Baugeschäft lässt, für den Radsport und das Schrittmachen abzwackt.

Für die Eichhörnchen sind die Podleschs ein Glücksfall: Seit sein Neffe Carsten nicht mehr als Profi fährt, hat sich Karsten Podlesch die Berliner Nachwuchsarbeit auf die Fahnen geschrieben. Nachfragen von gestandenen Stehern gab es vor dieser Saison einige, Podlesch hat sich mit Florian Fernow zusammen getan. Podlesch hat ein Ziel: "Der Junge ist erst vierundzwanzig, aber schon richtig klasse. Wenn er so weiter macht, wird er der nächste Berliner Lokalmatador."

Als Schrittmacher kann Podlesch seiner Obsession noch lange frönen. "Ich werde dieses Jahr 54, da bin ich in unserem Kreis ja quasi noch ein Newcomer," lacht Podlesch. Der Holländer Bruno Walrave zum Beispiel, ist einer der Top-Männer auf den Motorrädern – obwohl er dieses Jahr 70 wird. "Schrittmacher sind wie edler Rotwein", meint Karsten Podlesch, "wir werden Jahr für Jahr besser."

Ali Abgas in der Achterbahn

"Geile Nummer, die Steher, da würd ich auch mitfah'n, wa!", schreit Ali, der in Friedrichshain eine Dönerbude betreibt. Er hat 30 Euro Eintritt gezahlt, obwohl man im Velodrom nicht mehr rauchen darf. Ali lehnt mit drei anatolischen Kollegen an einem der Stehtische im Innenraum und zischt sein fünftes Schultheiss: "Ich hab 'ne Kawasaki inner Garage, die ollen BMWs würd' ich locker wegbrennen!"

Doch Alis japanischer Hobel ist im Oval nicht zugelassen. Geschwindigkeiten über 90 Kilometer pro Stunde sind trotz Steilkurven nicht möglich und Steherrennen werden nach einem strengen Reglement gefahren. Jeder der Rennläufe führt über eine Distanz von 50 oder 80 Runden, gewertet wird die Reihenfolge der Zieleinfahrt; der jeweilige Platz an einem der sechs Tage wird mit Wertungspunkten belohnt, am Ende abgerechnet.

Die Motorräder stellt der Veranstalter; in Berlin sind es sieben identische BMW-Boxer mit 450 Kubik. Alle haben inzwischen zwanzig Jahre auf dem Buckel und wären außerhalb des Holzovals zu nichts nutze. Fußrasten und eine Sitzbank gibt es nicht, stattdessen sind massive Fußkästen und ein schräg stehender Sattel montiert, an den sich der Schrittmacher während der Fahrt stehend anlehnt.

"Im Grund kann ich mit dem Lenker nur geradeaus fahren," sagt Podlesch, und wackelt an der U-Stange, die auf Höhe seiner Oberschenkel endet. Kupplung und Bremsen sind weit nach hinten verlegt, ebenso der Gasgriff, der schwer nach Bastelei aussieht: ein viereckiges Klötzchen, schwergängig und mit einem Schneckengetriebe so übersetzt, dass Vollgas erst nach mehreren Umdrehungen zu erreichen ist. Schnelle Sprints sind auf der Bahn nicht gefragt, entscheidend ist die Feinjustierung. Podlesch fährt privat kein Motorrad, die meisten seiner Kontrahenten auch nicht: "Zum Gas geben drehen wir nach links, drum kommen geübte Straßenfahrer auf unseren Maschinen voll in den Tüdel."

"Voll von der Rolle" kommt ein Team auch, wenn der Steher den Abstand zum Schrittmacher nicht konstant hält. Ziel ist ein Abstand von wenigen Zentimetern zwischen den beiden Sportgeräten: "Im Idealfall beißt sich mein Steher während des ganzen Rennens an meinem Hintern fest und guckt weder rechts noch links. Die richtige Distanz muss man im Urin haben. Wer zur Rolle runter schielt, hat schon verloren."

Dreck im Windkanal

Die Steher rasen mit über 70 km/h durch das Rund – ein aberwitziges Tempo. Die Sprinter beim Sechstagerennen haben Oberschenkeln so dick wie alte Tannen und legen eine Wertungsrunde über 250 Meter in 13 Sekunden zurück. Die Steher, meist zierlichere Gestalten, brauchen nur vier Sekunden länger für die Distanz – aber sie halten das hinter dem Schrittmacher unglaubliche 80 Runden lang durch. Sie holen sich die nötige Härte bei Trainingsfahrten auf der Straße, aber Einbrüche während des Rennens sind an der Tagesordnung.

Podlesch hat stählerne Jungs, die einen Sturz auf der Straße locker wegstecken, bei Steher-Rennen schon Rotz und Wasser flennen sehen. "Det is' meine Aufgabe," sagt Podlesch, "ich muss spüren, was mein Fahrer noch drauf hat, ob er gerade für ein paar Runden schwächelt oder die zweite Luft kriegt." Kontakt ist möglich, selbst wenn die Halle tobt und die Motoren aus den offenen Schalldämpfern röhren: "Wenn er 'Oooh' brüllt, muss ich ein bisschen Gas rausnehmen. Bei 'Allez' geht die Post sofort ab."

Vorausgesetzt, der Rennverlauf lässt das zu: "Alles eine Frage der Taktik. Im Idealfall fährt man ungestört vorne weg, aber bei sieben Teams auf der Bahn gibt es immer einen zu überholen. Oder ein Team greift von hinten an." Ein Patentrezept gibt es trotz jahrelanger Erfahrung oder blindem Verständnis mit dem Steher nicht: "Zu viele Faktoren – die Maschine, die Bahn, meine Tagesform, die Fitness vom Fahrer, und vor allem die Frage, wie viele Federn er schon bei den Überholmanövern gelassen hat."

Wenn ein Fahrer schon platt ist, tut man besser daran, sich nach hinten zu orientieren. Der Angriff auf ein Konkurrenzteam ist Stress pur. Andere Tandems dürfen nur oberhalb der blauen Linie auf der Bahn überholt werden und dort ist der Weg wesentlich länger. Außerdem fährt man dort im Dreck: "So sagen wir zu den Windverwirbelungen, die beide Teams beim Überholen erzeugen." Podlesch versucht das Phänomen mit einem Vergleich zu erklären: "Halten Sie mal den Kopf bei 80 Sachen aus dem Auto raus, dann wissen Sie, von was ich rede."

Über Sieg oder Niederlage entscheidet also letztlich der optimale Windschatten. "Ein Steher wird durch den Windschatten, den ich aufbaue, quasi in das Luftloch hinter mir gesaugt," doziert Podlesch. Er ist vor Jahren einmal mit einem langhaarigen Steher gefahren: "Da stand die Matte waagerecht nach Vorne."

Rasende Michelin-Männchen

Am sechsten Abend, beim großen Finale, steigen die Schrittmacher um zehn Uhr abends in die Schuhkästen. Ali hat seinen Stehtisch verlassen und sich direkt an das Rund vorgearbeitet, mit leicht geröteten Augen, aber freiem Blick auf die Bahn und die große Leinwand.

Die BMWs knötern los. Die Abstandsrollen sind blank poliert und blitzten im Licht der Suchscheinwerfer. Podlesch richtet sich während der Einführungsrunden auf seinem Arbeitsplatz ein. Jeder Schrittmacher baut am Anfang den Windschatten auf, jeder hat dabei seine kleinen Tricks. Podlesch krempelt gerne die Ärmel um, damit der Fahrtwind den Lederanzug optimal aufbläst: "Am Arsch muss das Ding sich blähen wie ein Ballon."

Bei Steher-Rennen gibt es einen fliegenden Start – die Fahrer stoßen wie Falken vom oberen Rand der Bahn herab und ordnen sich in voller Geschwindigkeit hinter ihren Schrittmachern ein. Erst dann fällt der Startschuss für die letzten fünfzig Runden des Esso-Steher-Championats-2009; er klingt wie eine Fehlzündung.

Podlesch ist schnell im Dreck. Er ist an fünfter Position gestartet, hat aber in harten Kämpfen zwei Plätze gut gemacht. Florian Fernow, sein junger Steher, scheint noch gut drauf zu sein, aber jetzt drängt die Konkurrenz von hinten. Fernow muss den Preis für die Kraft raubenden Anfangsjagden zahlen; Nach der Distanz landen die beiden wieder auf dem fünften Platz. Walrave, der alte Fuchs, hat ihn wieder einmal abgehängt.

Podlesch ist unzufrieden, aber nicht enttäuscht. Das nächste Rennen ist für Karfreitag in London angesetzt: "Kann ja noch besser werden!"