Fernverkehr Im Tiefflug über Medellín
Schwarz gefiederte Geier kreisen träge über der Comuna 13, einem Stadtteil Medellíns. Sie ernähren sich von Hausmüll und überfahrenen Hunden. Früher gab es hier jeden Tag Tote, doch jetzt strömen Bürger aus allen Stadtbezirken herbei, um jenes berüchtigte Viertel kennenzulernen, in das vor wenigen Jahren nur Lebensmüde freiwillig einen Fuß gesetzt hätten. Noch bis 2002 lieferten sich Kriminelle, Paramilitärs und Guerilleros regelmäßig Schlachten in dem unübersichtlichen Häusermeer, das wie Stufen eines Amphitheaters einen Hang erklimmt.
Mit der S-Bahn, die hier Metro heißt, fahren die Einwohner zur Haltestelle San Javier und setzen sich in die im März eröffnete zweite Linie des Metrocable eine Kabinenseilbahn wie im Skigebiet. Die bunten Gondeln sind mittlerweile zum Symbol geworden für den Wandel Medellíns von der Kokain-Metropole zu einer lebenswerten Metropole.
Durchs Fenster sehen die Fahrgäste die Kommune an sich vorbeiziehen: Unten, um die Talstation, gepflegte Häuser der Mittelklasse; danach ein Gewirr von unverputzten Ziegelbauten mit Wellblechdächern; ganz oben, hinter einem Hügel, die Holzbaracken eines Slums. Sie schmiegen sich auf Stelzen an den Hang, dazwischen rauscht ein Gebirgsbach.
Auch wenn die zwei Kabinenseilbahnen Medellíns zum Pflichtprogramm für auswärtige Besucher zählen, helfen sie auch den Einwohnern. "Für arme Leute wie uns sind sie ein Segen", sagt eine alte Dame. Vor allem für den Geldbeutel. Denn das Metrocable-Ticket berechtigt auch zur Fahrt mit der Metro. So spart man sich eine Busfahrt für 1100 Pesos den Preis von fünfeinhalb Brötchen. Wer ins Zentrum pendelt, spart also 11.000 Pesos in der Woche und 44.000 im Monat in einem Land, wo das staatlich festgelegte Mindestgehalt gerade mal 461.500 Pesos beträgt, rund 165 Euro. Und wer nicht jeden Peso zweimal umdrehen muss, freut sich, den ständigen Staus ein Schnippchen zu schlagen.