Fernverkehr Mit dem Drahtesel quer durch Afrika
Abenteuer Afrika: Staubige Strecken
Ein halbes Jahr lang durchquerten wir auf dem Fahrrad den kontrastreichen Kontinent Afrika von Süd nach Nord. Das sind an die 10.000 Kilometer auf staubigen Straßen. Eine derartig große Strecke mit dem Fahrrad zu bewältigen war für uns ein echtes Abenteuer, von der körperlichen Herausforderung mal ganz abgesehen. Und so bekamen wir hautnah mit, wie die Bewohner des Landes trotz der größtenteils widrigen Umstände dort ihr Leben meistern.
Unsere Last und Anstrengung war jedoch gering im Vergleich mit den Einheimischen, die jeden Tag ihre Waren transportieren mussten - das aber mit außergewöhnlichen und einfallsreichen Methoden. Ob Lastwagen, Eselkarren, Pferde oder zu Fuß - sie versetzten uns immer wieder in Staunen.
Am häufigsten als Transportgut verbreitet war Holzkohle, der Brennstoff Afrikas. Geschickt stapelten die Fahrradtransporter die zum Bersten gefüllten Säcke auf ihren selbst zusammengeschweißten Gepäckträger. Dabei stützten sie die Transportware noch mit dem Rücken ab. Unterwegs absteigen ist so kaum möglich. Was nicht mehr hinten drauf passt, wird an den Lenker gebunden. Doch das lässt die Hasardeure nicht vor riskanten Überholmanövern und rasanten Abfahrten zurückschrecken. Sie haben volles Vertrauen in ihren Drahtesel.
Flicken ohne abzuladen
Ebenso werden auch die anderen Dinge des täglichen Bedarfs in größtmöglichen Mengen an ihr Ziel gebracht. Wasser, Bananen, Bier, manchmal sogar mit Fähnchen gesichert. Bis zu fünf 20-Liter-Kanister Wasser, drei Bananenstauden und fünf Kästen Bier kann so ein Fahrrad tragen. Platzt mal der Schlauch, wird geflickt, ohne abzuladen. Die Einheimischen haben eine Technik entwickelt, bei der das Rad nicht mehr demontiert werden muss. Es werden ohnehin immer zwei Schläuche miteinander verdreht in einem Reifen verwendet, um die Pannensicherheit zu erhöhen.
Besonders geschockt hat uns, wie mies Tiere beim Transport behandelt wurden. Ganze Hühnerställe oder mehrere Ziegen werden einfach auf dem Gepäckträger festgezurrt. Das ständige Schreien der Ziegen war für uns beide nur schwer zu ertragen. Die armen Viecher hatten unser volles Mitleid.
Für umfangreichere Warenladungen greifen viele Afrikaner zum Eselkarren. In Botswana und Äthiopien prägten sie das Straßenbild. Einige Male fühlten sich die zumeist jungen Lenker angespornt, unserem Tempo standzuhalten, wenn wir sie überholten. Sie gaben ihrem Esel die Peitsche und konnten bei leichten Steigungen sogar mit uns mithalten. Wurde es wieder flacher, gingen wir erneut in Führung. So ein Reiserad wiegt mit der ganzen Ausrüstung zwar mehr als 80 Kilogramm und ist aus der liegenden Position schwer aufzurichten, aber wegen des Gewichts rollt es enorm gut.
Streckenweise Überfälle
Für längeren Strecken werden die Waren auf Lkw verladen. In Nordkenia teilten wir uns auf einer Fahrt durch die Wüste anderthalb Tage lang die Ladefläche eines 7,5-Tonners mit rund 40 Mitfahrern, kompletten Wohnzimmergarnituren, Wellblechen, Holzpfosten und neun Tonnen Zement. Wir hatten uns für dieses Hilfsmittel entschlossen, weil man uns erzählt hatte, dass diese Strecke wegen häufiger Überfälle sehr gefährlich sei.
Gefahr droht nicht nur durch die Wegelagerer: Beinahe täglich sahen wir auf unserer Fahrt durch Tansania liegengebliebene Lkw am Straßenrand. Meistens waren sie einfach nur von der Straße abgekommen, häufig aber auch frontal mit anderen Lkw zusammengestoßen. Besonders betroffen machte uns ein Unfall, an dem ein Tanklaster beteiligt war, den wir an seiner markanten Bemalung wiedererkannten. Er hatte uns am Vortag hupend überholt. Sicher hat zu dem Unglück die allgegenwärtige riskante Fahrweise ihren Teil dazu beigetragen.
Angst und Schrecken flößten uns jedes Mal die großen Reisebusse ein. Immer, wenn wir einen näher kommen sahen, fuhren wir von der Straße ab ins Gras und hielten sicherheitshalber an, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen. Oft hatten wir einfach nur Glück, am Ende des Tages ohne jeden Unfall neben unserem Zelt zu sitzen und unsere Spaghetti essen zu können.
Wir beide haben diese großartige Reise nicht eine Sekunde bereut. Wenige negative Eindrücke werden überlagert von Hunderten netter menschlicher Begegnungen und kuriosen Geschichten, an die wir immer wieder gern denken.