Fernverkehr: Rush-Hour ohne Autos - DER SPIEGEL
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Dschungelstadt Iquitos: Schwärme von Motocarros und -taxis

Foto: Stefan Weißenborn

Fernverkehr Rush-Hour ohne Autos

Iquitos galt lange als Kautschuk-Hochburg - doch ausgerechnet in der Reifengummi-Metropole sind vierrädrige Gefährte Mangelware. Die Großstadt am Amazonas ist per Autobahn nicht zu erreichen, Motorenlärm und stinkende Abgase gibt es dennoch.
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Schuld ist der Erfinder des Gummis: Ohne Charles Goodyear wäre Iquitos in Peru wohl nie zu einer Großstadt herangewachsen. Mit dem Rohstoff Kautschuk verdienten sich Gummibarone vor gut 150 Jahren eine goldene Nase, während die Indios als Sklaven schuften mussten.

Heute blättert der Putz von den Prachtbauten, während der Verkehr durch die Straßen knattert. Anders als in anderen Großstädten sind es freilich keine Autos, die hier für Krach sorgen: Morgens zur Rushhour schwirren stattdessen Motorrad-Rikschas, genannt Motocarros, zu Tausenden durch die Gassen der 350.000-Einwohner-Stadt.

Am ruhigeren Nachmittag wartet Jhonatan Valdivia auf Kunden. Der junge Mann mit dem Lacoste-Polohemd und der geölten Frisur hat es sich auf der Rückbank seines Motocarros bequem gemacht und spielt mit dem Handy. Die Aussicht vom Malecón, der Uferpromenade, reizt ihn nicht: In der Ferne fließt der Amazonas dahin, am Horizont türmen sich Wolken. Unterhalb der Promenade stehen einfache Holzhäuser auf Stelzen im Überschwemmungsgebiet, das der Strom immer wieder heimsucht: Der Stadtteil Belén, genannt "Venedig der Armen", ist das Zuhause vieler Einwohner.

Iquitos ist, für eine Stadt dieser Größe unglaublich, nur per Flugzeug oder über den Wasserweg zu erreichen. Sie liegt mitten im Regenwald, der mächtige Amazonas schneidet die Einwohner von der Außenwelt ab - es gibt keine Straßen- oder Eisenbahnbrücken über den Strom. "Hier gibt es nur Flüsse, das sind unsere Verkehrswege", sagt ein Mann am zentralen Plaza de Armas. Ein richtiges Straßennetz erhielt die Gegend nie. Ein 116 Kilometer langes Asphaltband führt nach Nauta, einen Vorposten noch tiefer im Dschungel. Das war es dann aber auch.

Zwei Sol kostet eine 10-minütige Fahrt mit dem Motocarro

Entsprechend wenig Autos haben es nach Iquitos geschafft. Vor dem Krankenhaus am Malecón parkt ein einsamer Krankenwagen, vor einer Bank ein gepanzerter Geldtransporter. Polizisten patrouillieren auf dem Motorrad. zu den wenigen vierrädrigen Gefährten gehören die collectivos, fensterscheibenlose, fahrtwinddurchflutete Busse. Sie halten auf Zuruf, Haltestellen gibt es keine - Wegweiser übrigens auch nicht.

Jhonatan blickt auf: "Zwei Sol". So viel verlangt der 19-Jährige für die zehnminütige Fahrt bis zum Mercado Belén, dem beliebtesten Markt weit und breit. An einem guten Tag fährt er 40 Sol ein - umgerechnet rund 11 Euro. "Mir bleibt keine Alternative", sagt er.

Manchmal nimmt Jhonatan sechs Passagiere mit, obwohl nur drei erlaubt sind. "Man geht immer über das Limit." Das gilt auch für den 125 Kubikzentimeter kleinen Honda-Motor der zuweilen an seine Grenzen stößt.

Ein Auto ist für die meisten hier unerschwinglich. "Aber es werden mehr", prognostiziert Jhonatan. Noch haben nur wenige Privatleute eines und die Motorrad-Rikschas von Motokar, Zongshen oder Mavila prägen das Stadtbild.

Schienenanbindung für die Dschungelstadt

In der Region Loreto, zu der Iquitos gehört, sind nach Angaben des Ministeriums für Transport und Kommunikation auf einer Fläche größer als Deutschland gerade mal 5000 Kfz zugelassen. Zum Vergleich: 50 Millionen sind es in der Bundesrepublik.

Der offizielle Bestand an Motocarros liegt immerhin bei 24.673, jener der Motorräder bei 65.980. Zunächst wurden die Dreiräder importiert; seit 1983 werden Honda-basierte Exemplare auch in Iquitos montiert. Im vergangenen Herbst wurde eine neue Fabrik eröffnet, die den peruanischen Markt mit jährlich mindestens 25.000 Einheiten versorgen soll.

Als sich am Abend die Äquatorsonne verabschiedet, schwillt der Verkehr wieder an. Den in orangefarbenes Scheinwerferlicht getauchten Plaza de Armas umsäumt im Rhythmus der Ampeln ein Strom von motorisierten Drei- und Zweirädern. Viele fahren ohne Licht. Mit Hupen, Pfiffen und wilden Gesten buhlen sie um Kundschaft - ein Bild, das sich bald ändern könnte.

Denn die Regierung plant, eine Zugstrecke vom über 500 Kilometer entfernten Yurimaguas nach Iquitos zu bauen. Damit wäre die Dschungelstadt immerhin per Schiene an Perus Hauptverkehrsnetz angeschlossen. Mit dem Auto könnte man dann zwar immer noch nicht in die Amazonasmetropole fahren - aber vielleicht mit dem Autozug.

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