Fotoserie "Windscreen": Hinter der Frontscheibe - DER SPIEGEL
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Fotoserie "Windscreen": Blick ins Innerste

Foto: Phil Jung

Fotoserie "Windscreen" Hinter der Frontscheibe

Ein US-amerikanischer Fotograf hat seine Landsleute porträtiert, mit all ihren Sehnsüchten, Hoffnungen und Nöten - indem er Bilder vom Innenraum ihrer Autos machte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Ledersitze dieses Cadillac waren mal cremefarben, aber jetzt sind sie speckig und dreckig, und Risse haben sie auch. Hinter den Autositzen liegt die Verpackung eines Wandbilds, darauf zu sehen ist die Freiheitsstatue. Sie steht Kopf. Irgendwas ist hier schiefgelaufen.

Die verdrehte Freiheitsstatue im abgerockten Cadillac ist ein Motiv aus der Fotoserie "Windscreen" von Phil Jung. "Eines meiner Lieblingsbilder", sagt der Fotograf, "es bringt den Inhalt der Serie exakt auf den Punkt." Jung wollte die Verlorenheit vieler Menschen in den USA dokumentieren. Dazu fotografierte er das Innere ihrer Autos, meistens durch Windschutzscheiben ("Windscreens") hindurch. Als Betrachter schaut man in die Wagen dieser Fremden - und glaubt, ihnen direkt in die Seele glotzen zu können.

Umgedrehtes Freiheitsstatuen-Poster in einem Cadillac

Umgedrehtes Freiheitsstatuen-Poster in einem Cadillac

Foto: Phil Jung

Phil Jung  begann 2007, das Innenleben von Fahrzeugen festzuhalten. "Damals befanden sich die USA in der größten Wirtschaftskrise seit der Großen Depression", sagt der 42-Jährige. "Ich wollte den Zustand des Landes und eines Großteils der Bevölkerung beschreiben, und die Autos schienen mir dafür perfekt geeignet." In Autos materialisiert sich seit jeher der American Dream, die Verheißung von sozialem Aufstieg, Freiheit und Wohlstand für alle. Phil Jungs Bilder zeugen davon, wie dieses Versprechen gebrochen wurde. Plötzlich war der Lack ab.

An was klammern, in Zeiten des Niedergangs? Auf den "Windscreen"-Fotos klemmen Bildchen von Familienangehörigen am Armaturenbrett, die Bibel liegt auf der Hutablage, ein Kruzifix liegt zwischen Kleingeld, eine bleiche Hand greift nach Zigaretten. Ein Fahrzeugbesitzer hat sich eine Postkarte mit idyllischem Naturmotiv in den Wagen gehängt. "War er dort, oder will er unbedingt mal hin? Je älter man wird, desto größer die Gefahr, dass einen das Leben bricht", sagt Jung, "umso verzweifelter versucht man vielleicht, sich seine Sehnsüchte vor Augen zu führen."

Jung hat die Fotos nicht klammheimlich im Vorbeigehen geschossen, "wäre auch gar nicht gegangen, ich benutze dafür eine alte Großformatkamera". Er hat die Leute vorher um Erlaubnis gefragt, ihr Innerstes für ihn zu öffnen. Zumindest das ihres Autos. "Hat fast immer problemlos geklappt, man ist oft überrascht, wie offen Menschen für Fotos sind." Nur musste er die Besitzer manchmal davon abhalten, die Wagen aufzuräumen.

Im Video: Der Fotograf Phil Jung bei seiner Arbeit

Phil Jung/Michael Cardinali

Die Aufnahmen stammen aus verschiedenen Teilen der USA, Jung war die vergangenen Jahre viel unterwegs, derzeit unterrichtet er an Universitäten auf Hawaii und in Boston. Er spricht gerne über das Wesen der Fotografie und interessiert sich für alte Kameras, wie er sie für die Aufnahmen der "Windscreen"-Bilder benutzte. "Meine heimliche Leidenschaft ist es, Fotos von Fotos zu machen", sagt er. Es gibt dafür ein beklemmendes Beispiel: Das Bild eines zerbrochenen Schminkspiegels, an dem Abzüge von Fotos hängen, darauf grinsend ein kleiner Junge.

Etwas ist zu Bruch gegangen - dieses Gefühl vermitteln viele Bilder der "Windscreen"-Serie

Etwas ist zu Bruch gegangen - dieses Gefühl vermitteln viele Bilder der "Windscreen"-Serie

Foto: Phil Jung

"Diese Aufnahme habe ich in einem demolierten Wagen auf einem Schrottplatz gemacht", sagt Jung. Wie kann es sein, dass jemand sein Auto verschrotten lässt, ohne vorher die Bilder seines Jungen rauszunehmen? "Natürlich hat man sofort Geschichten im Kopf: Das Elternhaus des Jungen ist zerbrochen, mit dem Wagen geschah ein Unfall - die Wahrheit kenne ich nicht, und oftmals lügen Fotos ja auch. Aber selbst bei den Aufnahmen, bei denen ich mit den Besitzern der Autos plauderte, liefere ich keine Hintergründe. Der Betrachter soll sich selbst einen Reim drauf machen." Schon gar nicht wollte er die Menschen selbst zeigen: Ihre Autos sollen für sie stehen.

Natürlich sind die "Windscreen"-Bilder voyeuristisch, sagt Jung, gerade das machte für ihn auch den Reiz dieses Projekts aus: "Wenn man in ein Auto schaut, befindet man sich an einer Schwelle zwischen Intimsphäre und öffentlichem Raum." Als Betrachter zahlt man einen Preis dafür, diese Schwelle zu übertreten: Man bleibt mit jeder Menge ungelöster Fragen zurück. Was ist hier schiefgelaufen?