Landmaschinen Ferrari im Kornfeld
Die romantische Vorstellung von der entbehrungsreichen und schlichten Landwirtschaft ist längst überholt - statt mit antiquierten Traktoren im Stil des Lanz Bulldogs oder des Porsche Diesel übers Feld zu tuckern, haben moderne Bauern längst auf Hightech umgeschaltet. Vor allem während der Ernte kommen gewaltige Maschinen zu Einsatz, die nicht nur teurer sind als manche Luxuslimousinen, sondern oft auch mehr Technik bieten.
Unter dem schmucklosen Blech von Traktoren, Mähdreschern und anderen Exoten der Landwirtschaft stecken nicht nur starke Motoren, sondern auch blitzgescheite Bordrechner, intelligente Assistenzsysteme und halbe Getreidefabriken.
Einer der größten Hersteller ist das US-Unternehmen John Deere. Dessen Landmaschinen werden von einem speziellen Dieselmotor angetrieben, mit bis zu 12,5 Litern Hubraum, sechs Zylindern und fast 500 PS. Doch während Sportwagen diese Energie nur in Vortrieb umsetzten, wird bei John Deere damit ein bis zu zehn Meter breites Schneidewerk sowie ein intelligentes Dreschsystem bewegt, das in einer Stunde bis zu 50 Tonnen Getreide ernten kann.
"Das ist genug Mehl für 600.000 Brötchen", sagt Pressesprecher Oliver Neumann. Damit die knappe Arbeitszeit nicht durch unnötige Zwischenstopps unterbrochen wird, hat der Dieseltank ein stattliches Volumen von bis zu 1145 Litern. Auch der Korntank ist riesig: Erst wenn 11.000 Liter abgeerntet sind, muss der Mähdrescher entladen werden. Und weil das Schnellentleerungssystem bis zu 120 Liter pro Sekunde schafft, ist der Wagen nach nicht einmal zwei Minuten wieder Einsatzbereit. Jeder Tankstopp auf der Autobahn dauert länger.
Bis zu 20 Tonnen wiegt ein beladener Mähdrescher
Die Höchstgeschwindigkeit dagegen ist für die beladen bis zu 20 Tonnen schweren Ungetüme mit 20 km/h vergleichsweise bescheiden. Im Treibstoffbedarf allerdings stimmt die Nähe zum Sportwagen wieder bei einem Verbrauch von 20 Litern pro Stunde.
Trotz der beschaulichen Arbeitsgeschwindigkeit ist eine Probefahrt auf dem Mähdrescher nicht minder eindrucksvoll als eine Testrunde im 911 zumal der Preis von bis zu 250.000 Euro auf einem ähnlichen Niveau liegt. Wer erst einmal drei Meter über der Erde in der großzügig verglasten Kanzel mit mehr als fünf Quadratmetern Fensterfläche Platz genommen hat, sieht die Welt aus einer anderen Perspektive.
Und obwohl sich der Koloss dank Servolenkung, Automatik und Handgas mühelos mit dem kleinen Finger übers Feld bugsieren lässt, ist die Fahrt mitunter schweißtreibend. Denn auch der Panoramablick und das halbe Dutzend Spiegel machen den Umgang mit der Hinterradlenkung nicht einfach. Am Ende einer kurzen Testrunde bleibt deshalb vor allem der Respekt vor all jenen, die mit solch einem bis zu 20 Meter langen Ungetüm samt angehängtem Schneidewerk durch den morgendlichen Berufsverkehr auf ihr Feld navigieren.
Zentimetergenaues Mähen dank GPS-Navigation
Damit der Bauer am Steuer auch bei einem 12- oder 14-Stunden-Tag noch fit bleibt, haben die Entwickler am Komfort nicht gespart. Deshalb gibt es nicht nur eine schallisolierte Kabine mit Klimaanlage, Kühlbox, Soundsystem, Rückfahr- und Entladekamera und automatischem Niveauausgleich, sondern auch einen mehrfach gefederten Sitz, der bequemer ist als mancher Fernsehsessel.
Doch die wirklichen Innovationen stecken in der Steuerungstechnik. Damit der Landwirt möglichst effektiv über der Acker kreuzt, setzten Unternehmen wie John Deere längst auf Satelliten-Navigation. Dabei überwacht ein GPS-System die Fahrt des Mähdreschers und garantiert, dass die einzelnen Fahrspuren sich nur um fünf Zentimeter überlappen. Ein weiteres System passt die Arbeitsgeschwindigkeit der jeweiligen Bestandsdichte des Kornfeldes an.
Das entlastet den Fahrer vor allem an langen Arbeitstagen. Wer ganz fortschrittlich arbeiten will, kann dabei sogar auf einen Autopiloten setzen, der ohne Hilfe des Fahrers in der Spur bleibt. Und auf den großen Plantagen in Kalifornien fahren sogar schon Traktoren ganz ohne Fahrer. Zumindest in diesem Punkt ist Landtechnik den Automobilherstellern damit um einiges voraus.