Lowrider Kultur: Der springende Punkt
Lowrider-Kultur "Jedes Auto spiegelt Träume wider"
SPIEGEL ONLINE: Herr Usner, was ist so toll daran, in einem Auto zu sitzen, das auf und ab hüpft?
Don Usner: Haben Sie es schon mal gemacht? Es ist ziemlich cool, es ist ein kultureller Ausdruck. Wobei Autos, in denen man sitzt, eigentlich nur ein wenig wackeln und ruckeln. In den richtigen hopper-Autos sitzt niemand drin, das Gewicht würde die Sprungfähigkeit einschränken. Die funktionieren mit Fernbedienung und können bis zu drei Meter hoch springen, da wollen Sie wirklich nicht auf dem Fahrersitz sein.
SPIEGEL ONLINE: Wie entstand Ihre Faszination für Lowrider?
Usner: Ich bin in New Mexico aufgewachsen und sehe die Dinger hier jeden Tag herumfahren. Bewundert habe ich diese Autos schon immer. Vor vier Jahren musste ich einen Artikel über die Lowrider-Szene schreiben und habe mich näher damit befasst. Seitdem bin ich ihnen verfallen. Ich habe gemerkt, wie einzigartig diese Autos sind. Jedes Auto spiegelt das Wesen, die Träume und die Geschichte des Besitzers wider. Das klingt jetzt so gewichtig, ist aber so. Gucken Sie sich nur die Malereien an: Madonnenfiguren, Glitzereffekte, Frauen in sexuell provozierenden Posen, Sonnenuntergänge, die verschnörkelten Namen von Kindern oder der geliebten Oma.
Familiengelegenheit: Ein aufwendig verzierter Lowrider
Foto: Rubenstein / Museum of New Mexico PressSPIEGEL ONLINE: In der öffentlichen Wahrnehmung sitzen in den tiefergelegten Chevys und Cadillacs nur Gangsta-Rapper und Kriminelle.
Usner: Das ist erst seit den Neunzigerjahren so, als afroamerikanische Rapper und Hip-Hopper wie Dr. Dre, Ice Cube oder Snoop Dogg sich solche Wägen zugelegt und in Musikvideos glorifiziert haben. Bis dahin gab es Lowrider vor allem in der Latino- und Chicano-Kultur in Kalifornien, Texas und New Mexico. Aber natürlich haben die Gangsta-Rapper die Lowrider-Autos erst richtig bekannt gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Es ist eine eigenartige Ästhetik. Was muss ein Auto haben, um ein Lowrider zu sein?
Usner: Zunächst mal muss es natürlich tiefergelegt sein, je tiefer desto besser. Drei bis fünf Zentimeter über der Straße ist das Ultimative. Dann sollte es Speichenfelgen haben und sogenannte white wall tires, also Reifen, die auf der Außenseite zumindest etwas weiß sind. Dazu kommen coole Lackierung und stylishes Innendesign mit edler Polsterung. Bajito y suavecito sagen die Leute hier, wenn alles passt, low and slow. Dann gibt es natürlich noch Bonuspunkte. Zum Beispiel für sogenannte scrape plates, also Schleifplatten. Wenn das Auto während der Fahrt abgesenkt wird, berühren die Metallstücke den Asphalt und es fliegen die Funken. Ziemlich cool in der Nacht.
SPIEGEL ONLINE: Die Lowrider-Kultur hängt eng mit dem Cruising zusammen, dem vermeintlich sinnlosen Hin- und Herfahren amerikanischer Jugendlicher. Warum machen die das?
Usner: Sinnlos ist hier das falsche Wort, es geht darum, zu sehen und gesehen zu werden. Dazu muss man langsam fahren und auf den "richtigen" Cruising-Strecken unterwegs sein. Man zeigt, welches Auto man hat, versucht Mädchen zu beeindrucken, Rivalen mit einem cooleren Wagen auszustechen. Es ist wie bei einer Parade. Viele vergleichen die cruisenden Lowrider mit caballeros, also Rittern, die ihre Rüstung und Waffen zu einer Parade rausgeputzt haben und auf ihrem besten Pferd sitzen. Auf gewisse Weise sind Lowrider moderne caballeros.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben jahrelang an Ihrem Buch gearbeitet. Welche Begegnungen waren für Sie besonders spannend?
Usner: Als ich anfing, hatte ich Angst auf die Lowrider zuzugehen, manche sehen schon gefährlich aus mit den Tattoos und den kahlgeschorenen Schädeln. Aber bald schon merkte ich, dass das ganz normale Typen waren. Einer zum Beispiel hatte den Spitznamen Elmo und ich dachte, er sei in einer Gang. Aber er stellte sich als herzensguter, netter Kerl heraus. Seinen Namen hatte er übrigens, weil er auf dem Beifahrersitz oft eine riesige Elmo-Puppe spazieren gefahren hat. Andere haben Lowrider von ihren Vätern geerbt und setzten die Arbeit an den 60 Jahre alten Autos fort. Teils haben schon drei Generationen an einem Auto rumgebastelt, um es immer noch ein bisschen schöner, cooler oder tiefer zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben manche Lowrider-Autos diese winzigen Steuerräder?
Usner: Das ist Geschmackssache, die sehen ja oft aus, als seien sie aus Ketten geformt. Manche Witzbolde sagen, dass die Steuerräder deshalb so klein sind, dass man sie auch noch mit angelegten Handschellen fahren kann.
SPIEGEL ONLINE: Woher kommt die Bewegung ursprünglich?
Usner: So ganz klar ist das nicht, aber vermutlich aus Nordmexiko und Südtexas. Von da weitete sich der Trend in den Vierzigerjahren nach Los Angeles aus. Es war im Grunde genommen eine Gegenbewegung zu den Hotroddern, also denen, die ihre Motoren frisierten, alles Unnötige entfernten, sie aufbockten und lauter machten. Die Latinos wollten genau das Gegenteil machen, also mit coolen Dekos verziert, knapp über dem Boden möglichst geräuschlos dahingleiten. Anfangs luden die Lowrider hunderte Kilos an Sandsäcken in den Kofferraum, um das Auto tiefer zu legen, später wurde das durch bauliche Veränderungen erreicht. 1958 wurde in Kalifornien eine Vorschrift erlassen, dass die Autokarosserie nicht tiefer als eine Reifendicke sein darf. Darauf bauten sich findige Lowrider Hydraulikpumpen aus Flugzeugen ein, um ihre Autos beim Nahen eines Polizeiautos einfach hochzufahren. So fing das mit dem Hüpfen an.
SPIEGEL ONLINE: Die Hotrodder sind also die Bösen?
Usner: Heute ist das alles entspannter als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Hotrodder sind einfach anders. Es ist so, als würde man einen Bodybuilder mit einem Tangotänzer vergleichen. Aber die Lowrider sagen immer: Es geht nicht darum, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, es geht darum, gut auszusehen, wenn man angekommen ist.
SPIEGEL ONLINE: Was ist das ultimative Lowrider-Auto?
Usner: Ziemlich klar der Chevy Impala. Herrliche Designlinien, perfektes Chassis. Idealerweise aus dem Jahr 1964. Aber auch der 1962er ist gut. Kenner nennen den 1962er "Deuce", den 1963er "Trey", den 1964er "Foe".
SPIEGEL ONLINE: Welche Wörter sollte man noch kennen, wenn man sich mit den Lowriders beschäftigt?
Usner: "Bombs" sind die klassischen großen US-Autos aus den Dreißiger- bis Fünfzigerjahren. Der Begriff "Euros" bezeichnet kleinere Autos. Die müssen nicht zwingend aus Europa kommen, sondern können auch japanische Fahrzeuge sein. "Slammed" nennen wir ein tiefergelegtes Auto. "Juiced" ist ein Auto, wenn es Hydraulik eingebaut hat. Dann gibt es noch "Hoppers", "Jump cars" oder "Bouncers". Das sind Autos, die hüpfen können. Und "Donks" sind diese Autos, die auf gigantisch überdimensionierten Reifen daherkommen und bei denen man eine Leiter braucht, um in den Fahrersitz zu kommen - also das genaue Gegenteil von Lowriders.
SPIEGEL ONLINE: Was muss man für einen Lowrider hinlegen?
Usner: Sehr wenig - oder sehr viel. Sie können einen abgewrackten Wagen von 1978 für 300 Dollar kaufen und dann viel Arbeit investieren, ihn umbauen, neue Räder kaufen, ihn selbst lackieren. Oder Sie nehmen 50.000 bis 80.000 Dollar in die Hand und kaufen einen fertigen Lowrider. Es gibt aber auch Autos, in denen stecken Teile und Arbeitszeit für umgerechnet 250.000 Dollar drin.
SPIEGEL ONLINE: Das Zentrum der Lowrider-Kultur liegt in Ihrer Heimat New Mexico. Die Latinos hier sind aber oft arm, wie können sie sich das leisten?
Usner: Vom Durchschnittseinkommen her liegt New Mexico auf dem 46. Platz von 50 Bundesstaaten. Bei der Arbeitslosigkeit liegen wir auf dem vorletzten Platz. Die Menschen hier haben nicht viel Geld. Aber wenn man in einer Lowrider-Familie aufwächst, dann ist das Auto auch oft die Familienkutsche. Ich habe oft sechs, sieben Leute in einem Lowrider gesehen, auf dem Weg zur Kirche. Der kleine Ort Espanola gilt als Lowrider-Hauptstadt, hier fahren Hunderte dieser Dinger herum, ein Traum. Viele Menschen kratzen das letzte Ersparte zusammen für ein paar Ersatzteile oder fahren von einem Autofriedhof zum nächsten, um genau das fehlende Teil für ihren Chevrolet Bel Air 1956 zu finden. Es ist wie eine Art Bruderschaft. Jeder kennt jeden, man hilft sich.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es weiter mit der Lowrider-Kultur?
Usner: So komisch das klingt, aber der starke Verkehr hat das cruising fast zum Erliegen gebracht. Auch in kleinen Orten ist jetzt schon so viel los, dass man eigentlich im Dauerstau steht. Diese Hin- und Herfahren ist schwieriger geworden. Aber hier in den kleinen Orten im Norden New Mexicos geht das noch prima.
Der US-amerikanische Autor und Fotograf Don Usner, 59, ist im Norden des Bundesstaates New Mexico geboren und aufgewachsen. Sein Buch "¡Órale! Lowrider" (Museum of New Mexico Press, 32 Euro) widmet sich der Kultur der Lowrider.