Mercedes 600 Pullman Vier Tonnen Luxus
Die Vorfahrt zur Villa Hammerschmidt kennt Wolfgang Wöstendieck genau. "So herum darf man hier nicht stehen", sagt der Rentner im Park des Bonner Prachtbaus, einst Amtsitz des Bundespräsidenten. "Wer hier vorfährt, der muss das im Uhrzeigersinn tun und rheinabwärts parken", ereifert sich der im Schwabenland lebende Friese. So sah es das Protokoll vor; er muss es wissen. Denn bei 116 Staatsbesuchen von 1971 bis 1993 war Wöstendieck der erste Chauffeur im Land.
Beinahe so berühmt wie seine Passagiere war sein Wagen. Schließlich saß der Mercedes-Werksfahrer, der mitsamt dem Auto an die Regierung ausgeliehen war, am Steuer eines 600er Pullman. Die Karosse galt, mehr noch als heute der Maybach, als Krone des deutschen Automobilbaus.
Heute werden die Gäste der Berliner Republik in den Durchschnittskarossen des gehobenen Managements gefahren. SPIEGEL ONLINE jedoch begleitete den Lindwurm im Smoking jetzt noch einmal in sein natürliches Habitat. Wir waren im Pullman auf den Spuren der Ära Brandt, Schmidt und Kohl zwischen ehemaligem Kanzleramt und Ex-Präsidentenvilla in Bad Godesberg, dem Gästehaus auf dem Petersberg und dem militärischen Teil des Flughafens Köln-Bonn unterwegs.
Fotohandys werden gezückt - auch ohne Staatsgast
Noch 15 Jahre nach der letzten Dienstfahrt macht der aus heutiger Sicht überraschend biedere Luxusliner mächtig Eindruck. Auch wenn keine Eskorte vorwegfährt und die Standarten an den Kotflügeln nur fürs Foto aufgesteckt werden, recken Passanten die Hälse, und an den Ampeln werden die Fotohandys gezückt. Vom Personal auf dem Petersberg wird der Wagen begrüßt wie ein alter Bekannter, und die Bundespolizisten an der Villa Hammerschmidt öffnen dem Auto fast reflexartig die Schranken.
Die Geschichte der Baureihe begann auf der Automobilausstellung in Frankfurt im Herbst 1963. Der Prunkwagen sollte "alles in den Schatten stellen, was in der Klasse hochkarätiger Limousinen bisher für ambitionierte Kunden in aller Welt zu haben ist", heißt es in einer Firmenchronik. Schon auf der Messe war das Auto der Star. Und kurz danach meldeten sich Regierungen und Königshäuser, Superreiche, Sultane und Showstars, Despoten und Potentaten aus aller Welt mit Bestellungen.
Die Langversion namens Pullman misst 6,25 Meter
Mit dem normalen 600er Mercedes sind allerdings nicht alle zufrieden. Statt der 56.500 Mark für die 5,45 Meter lange Standardversion überweisen sie 63.500 Mark und bestellen den Pullman, den Mercedes auf 6,25 Meter gestreckt hat. Das schafft Raum für eine zweite Sitzreihe mit oder entgegen der Fahrtrichtung, eine Trennwand aus Glas und auf Wunsch zwei zusätzliche Türen. Wer es gern noch etwas exklusiver hätte, kann das Landaulet ordern eines der größten Cabrios aller Zeiten.
Bei allen Varianten steckt unter der Haube ein V8-Motor mit 6,3 Liter Hubraum, dessen Leistungsdaten seinerzeit unvergleichbar waren. 1963 waren 250 PS und ein Drehmoment von 510 Nm exorbitante Werte. Und mit etwas mehr als 200 km/h fuhr der 600er auch den meisten Sportwagen mühelos davon.
Werksfahrer Wöstendieck durfte davon nur träumen. Zwar musste er sich weder um rote Ampeln noch um Tempolimits scheren. Doch weil sein Dienstwagen und das baugleiche Ersatzfahrzeug als einzige Pullman-Limousinen nach der höchsten Schutzstufe gepanzert waren, kletterte das Gewicht von 2,7 auf weit über vier Tonnen. Viel mehr als Tempo 100 war weder den Reifen noch den Bremsen zuzumuten.
Orangefarbene Leuchten für einen besseren Teint
Sieht man vom schweren Seegang in engen Kurven ab, gibt es nichts, was das Wohlbefinden der Passagiere trüben könnte. Man sinkt in tiefe Polster aus einer Zeit, als Flockvelours noch etwas Besonderes war, genießt mehr Beinfreiheit als unter dem Präsidentenschreibtisch und lässt sich von den eigens für die Fotografen installierten, orangefarbene Deckenlampen die Blässe aus dem Gesicht leuchten. Dies also war die rollenden Regierungsbank; mit Barfach und zwei Thermoskannen sowie drei Telefonen.
Ganz problemlos war die Residenz auf Rädern jedoch nicht. Vor allem die damals neuartige Komforthydraulik zickte bisweilen. Weil Elektromotoren damals noch so groß waren wie Kokosnüsse, wurden viele Antriebe durch Hochdruckleitungen ersetzt. Nicht nur Stoßdämpfer und Bremsen, sondern auch Fenster und Sitzverstellung, die Trennscheibe und die Zuziehautomatik für die Türen wurden auf diese Weise aktiviert.
Doch wenn der Wagen so gut in Schuss ist wie der Luxusliner aus dem Museumsfuhrpark in Stuttgart, dann ist jede Ausfahrt noch immer ein königliches Vergnügen. Sobald der Achtzylinder läuft und sein sonores Brummen durch das Regierungsviertel hallt, fallen die Jahre von der Limousine scheinbar ab wie die wenigen Staubkörner, die auf dem tiefschwarzen Lack haften.
Nach 2677 Exemplaren war Schluss
Der Mercedes 600 hat wohl trotz seines immensen Preises kaum Gewinn in der Mercedes-Kasse hinterlassen. Denn nachdem die globale Führungsschicht mit den Dickschiffen der Serie versorgt war, lief die Produktion nur noch im Kriechgang. Aber sie lief. Selbst als es mit den ersten Generationen der Mercedes S-Klasse längst modernere Fahrzeuge gab, hielten die Schwaben dem 600er die Treue und stellten die Produktion erst 1981 ein nach 2677 Exemplaren, von denen 428 als Pullman und 59 als Landaulet ausgeliefert wurden.
Jetzt plant Mercedes trotz luxuriöser S-Klasse und opulentem Maybach eine Neuauflage des Luxusliners. Wie man hört, wurde die Stammkundschaft etwa im Kreml nicht recht warm mit der bislang angebotenen Langversion der S-Klasse. Deshalb offenbar die Entscheidung, wieder ein 6,70 Meter langes Pullman-Modell zu bauen das rund eine Million Euro kosten soll. Zwar dürfte Deutschland nicht zu den wichtigsten Märkten des Lulatsch zählen; aus Berlin gibt es zumindest offiziell auch noch keine Bestellung. Doch vielleicht fährt ja demnächst ein neuer Lindwurm im Smoking durch den Park vor der Villa Hammerschmidt aber bitte im Uhrzeigersinn.