Mercedes C 111-IID: Rasender Ölbrenner - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Mercedes C 111-IID: Sturmlauf in Orange

Foto: Dieter Flaiz

Mercedes C 111-IID Rasender Ölbrenner

Dynamik und Diesel? An dieser Paarung zweifelt heute keiner mehr. Das ist auch der Verdienst eines spektakulären Prototypen, der im Jahr 1976 zahlreiche Rekorde aufstellte: der Mercedes C 111-II D. Nach 30 Jahren Stillstand war SPIEGEL ONLINE mit dem Wagen unterwegs.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutschland im Zeichen der ersten Ölkrise. Die Vollgas-Fraktion wird ausgebremst, auf den Autobahnen ist sonntags nichts los und die Kunden fordern sparsamere Motoren. Der Diesel, so denkt sich zum Beispiel der Mercedes-Vorstand in den frühen siebziger Jahren, könnte eine Lösung sein. Wenn der Ölbrenner nur nicht als lahmer Stinker gebrandmarkt wäre. Eine Imagekampagne muss her, entscheiden die Manager und planen publikumswirksame Rekordfahrten.

Gesucht wird zu diesem Zweck ein spektakulärer Prototyp. Weil die Zeit drängt und der Wagen ebenso schnell wie auffällig sein muss, fällt die Wahl auf ein vorhandenes Experimentalmodell. Einer der zwölf Sportwagen von Typ C 111, mit denen Mercedes von 1961 bis 1971 letztlich vergeblich mit dem Wankelmotor experimentierte, wird ausgeschlachtet und umgerüstet.

Die Kreiskolben-Maschine wird ausgebaut, und an ihre Stelle unter die abnehmbare Haube im Heck kommt ein drei Liter großer Fünfzylinder-Dieselmotor, der im legendären Strich-8 240 D magere 80 PS leistet und maßgeblich für den miesen Ruf des Diesels verantwortlich ist. Denn der Motor ist zwar schier unzerstörbar, aber auch ein temperamentloser Langweiler. Maximal 148 km/h sind möglich - wenn kein Gegenwind bläst.

Im C 111 von 1976 sieht die Sache dann allerdings ein wenig anders aus. Mit einem Turbolader bestückt, schnellt die Leistung des Motors auf 190 PS. Das maximale Drehmoment liegt bei 363 Nm und der leuchtend orange lackierte Keil geht ab wie eine Rakete. Wie schnell der Prototyp tatsächlich wird, zeigt eine Tabelle, die sich die Ingenieure ins Cockpit klebten: Bei 4700 Umdrehungen im fünften Gang sollten es 275 km/h sein.

Derart gerüstet, werden die Vollgasfahrten auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke im italienischen Nardo im Juni 1976 zu einem vollen Erfolg: Insgesamt 16 Weltrekorde stellen vier Fahrer binnen 60 Stunden auf. Die Durchschnittsgeschwindigkeit der rasanten Versuchsfahrt liegt bei 252 km/h und beweist, dass auch ein Diesel sprinten kann.

Seit Juni 1976 stand der Wagen still

"Von Nardo aus kam der Wagen beinahe auf direktem Weg ins Museum und ist mehr als 30 Jahre lang nicht mehr gelaufen", sagt Gert Straub vom Mercedes Classic Center in Fellbach. Vor drei Jahren jedoch begannen die Mechaniker dort, den Wagen wieder fahrfähig zu machen. Seither wurde der Motor komplett zerlegt, gemeinsam mit Bosch eine der alten Einspritzpumpen nachgebaut sowie Achsen und Bremsen gerichtet. Nur die Optik blieb unverändert, weil die "Patina des Prototypen" erhalten bleiben sollte. Teuer genug war die Renovierung ohnehin. "Bei einem Stundensatz von 100 Euro wäre für einen Kunden wohl ein sechsstelliger Betrag zusammen gekommen", rechnet Straub hoch.

Jetzt ist der C 111-IID startklar. Zwar ist das Sitzleder faltig, der Lack an manchen Stellen Stumpf und die Scheiben sind schon leicht trübe. Doch kaum zieht man den Hebel für Zündung und Kraftstoffpumpe und drückt danach den Starterknopf, brüllt der Fünfzylinder auf und stößt eine graue Rußwolke aus. Wer danach den zierlichen Schaltknauf in den ersten Gang tüftelt und es schafft, die schwere Kupplung passend zugreifen zu lassen, der startet zu einer interessanten Reise.

Der Motor glüht im Heck

Rasanz und Radau sind die vorherrschenden Eindrücke bei einer Fahrt in diesem außergewöhnlichen Auto. Der Motor brüllt hinter der dünnen Kunststofftrennwand, und nach ein paar Metern wird es innen so heiß, dass man sich eine Lüftung oder zumindest einen Ampelstopp wünscht, um kurz die Türen nach oben schwingen zu können. Auf einer Teststrecke aber ist das nicht möglich. "Das war damals richtig harte Arbeit", sagt Straub ehrfürchtig über die Rekordrenner von 1976.

An so etwas wie Komfort hatten die Entwickler bei der Konstruktion des Wagens natürlich nicht gedacht. "Ein reales Kundenauto hatten sie nie im Sinn," sagt Straub. "Der C111 sollt nicht in den Verkaufsraum, sondern auf die Teststrecke. Er war für die Entwickler so etwas wie ein rollendes Messinstrument. Nur eben ein besonders spektakuläres."

Ein Innenraum in Eigenbau-Anmutung

Das erkennt man auch an der Ausstattung des Wagens, die nichts von der Finesse mancher Designstudien hat. Man blick auf ein Sammelsurium verschiedener Bauteile aus den damals gängigen Mercedes-Baureihen, etwa ein Dutzend Rundinstrumente sind nach Heimwerkermanier im Cockpit verteilt, die Warnleuchte für den Ölstand hat das Format eines Blaulichts, das Holzlenkrad könnte aus einem alten SL stammen, die Konsolen sind mit schwarzer Folie beklebt und statt Türöffnern gibt es einfach ein paar Löcher, durch die man direkt in den Schließmechanismus greift. Nicht Form, Funktion war hier das Ziel.

Getan wurde von den Entwicklern alles, was der Geschwindigkeit zuträglich war. Außenspiegel gehören nicht dazu, sie wurden einfach weggelassen. Auch eine Handbremse gibt es nicht, der Platz zwischen den beiden Schalensitzen ist leer. Straub: "Das Auto hatte nur einen Zweck, und der war nicht bremsen, sondern möglichst schnell zu fahren."