Modellrennbahn der Superlative: Vollgas im Hobbykeller - DER SPIEGEL
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Rennbahn der Superlative: Liliput für Motorsportler

Foto: Tom Grünweg

Modellrennbahn der Superlative Vollgas im Hobbykeller

Von Beruf ist James Harlan aus White Lake im US-Staat Michigan Messebauer, doch er baut, schraubt und lötet noch hingebungsvoller in seiner Freizeit. So entstand in seinem Hobbykeller über Jahre eine der größten Modellrennbahnen der USA. Und für die interessieren sich auch Auto-Manager.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus Rennbahnsegmenten ein Oval zusammenstecken und dann mit Modellbahnautos darauf ein paar schnelle Runden drehen, das kann jedes Kind. Mit solchen Spielereien wollte sich James Harlan natürlich nicht abgeben. Und die Voraussetzungen für mehr waren bei ihm besonders günstig. Er ist Messebauer, 3-D-Modelleur und obendrein leidenschaftlicher Formel-1-Fan. Und so zimmerte er in tausenden Stunden Heimarbeit eine der spektakulärsten Modellrennbahnen, auf der je so genannte Slot-Cars gefahren sind. Fast 50 Meter lang und groß wie ein Tennisplatz ist das verschachtelte Oval im Souterrain seines Hauses, das er nach seinem Heimatort im US-Staat Michigan "White Lake F-1-Ring" nennt.

Die Strecke verfügt über vier Spuren, ausreichend Möglichkeiten zum Überholen und ist so konstruiert, dass auf ihr bis zu acht Rennwagen gleichzeitig um die Bestzeit fahren können. "Die schnellste Runde liegt übrigens bei etwa 14 Sekunden", sagt Harlan. Schon allein das deutet an, dass die Strecke wirklich groß sein muss.

Aber es ist nicht allein die Größe der Anlage, die Besucher in begeistertes Staunen versetzt, sondern es ist vor allem die detailverliebte Konstruktion, die Harlans Werk einzigartig macht. Er hat an wirklich alles gedacht: In den Boxen arbeiten Dutzende Mechaniker an den Rennwagen, vor den Autos posieren Grid-Girls und die Kulisse mit Häuserschluchten, Gebirgen und spektakulären Brücken kann es mit jeder Modelleisenbahnanlage aufnehmen. Allerdings kauft Harlan die Kulissen nicht im Fachgeschäft für Modellbauzubehör ein. "Alles ist selbst entworfen und gebaut", sagt er. Mehr als drei Jahre lang verbrachte er jede freie Minute im Keller um auszusägen, festzuschrauben und zu lackieren. Harlan achtete dabei auch auf Kleinigkeiten. Selbst die nicht einmal fingernagelgroßen Monitore der Boxencrews zeigen den tatsächlichen Streckenverlauf.

Für den hat sich Harlan praktisch von allen großen Rennstrecken der Welt inspirieren lassen. Die weite Linkskurve mit der anschließenden langen Geraden zum Beispiel, die hinten an der Wand entlang führt, soll an die berühmte Eau Rouge in Spa-Francorchamps erinnern. Er hat die Spoon-Kurve aus Suzuka nachgebaut und den bekannten Turn 8 aus Istanbul. Und bevor es auf die Start-Ziel-Gerade geht, schrauben sich die Rennwagen wie in Laguna Seca eine Corkscrew-Kurve hinunter. Nur die legendäre Nordschleife des Nürburgrings findet man in seiner Anlage nicht wieder. "Dafür hat einfach der Platz nicht gereicht", räumt der Miniatur-Schnellfahrer ein.

Mehr als hundert Rennautos parken in der Tiefgarage unter der Bahn

Was mit ein paar Autos angefangen hat, ist mittlerweile zu einem regelrechten Rennstall geworden. "Zwischen 100 und 150 Fahrzeuge werden es wohl sein", sagt Harlan und zeigt in die vielen beleuchteten Tiefgaragen, die er unter der Anlage platziert hat. Dort sieht man zahlreiche historische und aktuelle Formel-1-Rennwagen. Aber es warten auch überraschend viele Straßenfahrzeuge auf ihren Einsatz. "Autos aus Deutschland mag ich besonders gern", sagt der Kleinformat-Ecclestone und holt gleich ein paar Porsche, BMW und Mercedes auf die Start-Ziel-Gerade. Obwohl ihm allmählich der Stellplatz ausgeht, ist er mit seinem Fuhrpark noch lange nicht zufrieden, "Ein Sammler bekommt nie genug", sagt er und erzählt von stundenlangen Streifzügen durch Spielwarenläden.

Harlan hat den Anspruch, immer auf der Höhe der Zeit zu sein und zum Beispiel jedes Formel-1-Auto, das in der aktuellen Saison über die Pisten jagt, auch auf der heimischen Strecke an den Start zu bringen. "So geht mir der Nachschub wohl nie aus", sagt Harlan mit einem Schulterzucken. Außerdem wissen auch seine Freunde um die Leidenschaft des Rennbahn-Aficionados und unterstützen ihn schon mal beim Autokauf. Andere bekommen zum Geburtstag Wein oder Gutscheine - Harlan hat gerade zum 40. wieder ein Dutzend neue Boliden ausgepackt und in den Keller getragen.

Inzwischen baut Harlan auch im Auftrag Riesen-Rennbahnen

Nachdem der Amerikaner bislang vor allem Geld und Zeit in seine Anlage investiert hat, trägt die Arbeit und Akribie nun auch erste Früchte. Nicht nur, weil es für ihn keinen besseren Zeitvertreib gibt, als alleine oder mit Kumpels im Keller ein paar flotte Runden zu drehen. Sondern weil über sein Blog  auch andere Slotcar-Racer auf ihn aufmerksam geworden sind. Deshalb hat er mittlerweile häufiger prominenten Besuch, wenn zum Beispiel aus dem nahen Detroit die Spitzenmanager der Autofirmen auf ein paar schnelle Runden vorbeikommen.

Außerdem hat er inzwischen die ersten Rennstrecken und Modellanlagen für weniger begabte, aber ähnlich verrückte Vollgasfans in ganz Amerika entworfen und gebaut. "Eine weitere Strecke von mir steht hier in Michigan, und in Kalifornien hatte ich auch schon Aufträge", sagt Harlan stolz. Um das Hobby zum Beruf zu machen, reicht das allerdings noch nicht. "Aber zumindest zahle ich jetzt nicht mehr ganz so viel drauf. Und jeden Dollar, den ich mit dem Bau einer anderen Strecken verdiene, kann ich wieder in meine eigene investieren."