Nummernschilder-Semantik: Soll das ein WIT-Z sein?
Nummernschilder-Semantik Kennzeichen XY... unverfroren
Das Auto ist für viele Menschen ein Statussymbol. Doch wie hebt man sich ab von der Masse, wenn für einen Ferrari FXX das Geld fehlt, für einen 64er Ford Mustang das Vertrauen in die Alltagstauglichkeit - und man für ein Airbrush-Flammenmotiv zu viel Schamgefühl hat?
Dann bleiben immer noch 520 mal 110 Millimeter Platz für ein persönliches Statement - auf dem Nummernschild.
Das sogenannte Wunschkennzeichen kostet nur eine geringe Zusatzgebühr bei der Zulassungsbehörde, mit der richtigen Buchstabenkombination kann man also auch für wenig Geld Aufmerksamkeit heischen. Wie viel Spielraum man dabei hat, ist natürlich eine Standortfrage. Das Kfz-Kennzeichen SE für den Kreis Segeberg bietet grundsätzlich mehr Möglichkeiten als das RH aus dem Landkreis Roth.
Das Wunschkennzeichen ist so etwas wie das Motto-T-Shirt für die Straße: Eine neutrale Fläche, die mit einer Botschaft versehen werden kann. Diese Botschaften können provozieren. Selbst die versteckten können es - fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis doch mal, was man von Namenskürzeln als Kennzeichen hält. Sie werden darauf ganz verschiedene Reaktionen erhalten, und zwar von "Mit so einem Menschen könnte ich nicht zusammen sein" bis "Klar, hab ich ja selbst auf meinem Auto".
Die Wunschkennzeichensprache lässt sich in vielen Fällen leicht übersetzen. Sind auf einem Nummernschild Worte oder Lautmalereien zu erkennen, kann man die Autobesitzer meist einer dieser fünf Gruppen zuordnen:
Die Prolls: Man müsste in Gelsenkirchen wohnen. Superschlitten wollen viele fahren, aber nur im Ruhrpott können sich Besitzer von aufgemotzten Autos das Kennzeichen "GE-IL" an ihren hochgepimpten Wagen schrauben. Legendär ist die Kombi aus der Nachbarstadt Bochum. Dort liest man das Kennzeichen "BO-EY" (für "Boah, Ey!"). Mithin eine Reminiszenz an das Kfz-Schild eines tiefergelegten Golf GTI aus dem Film "Manta, Manta".
Außerdem sehr aufdringlich: Die Kombination S-AU in Stuttgart, BÖ-SE in Börde (Sachsen-Anhalt) oder KI-LL in Kiel.
Die eindeutig Zweideutigen: Wer bei der Stuttgarter Zulassungsbehörde das Kennzeichen S-EX 69 beantragt, ist garantiert nicht PRÜ-DE (Prüm, Rheinland-Pfalz). Und wo sich die deutsche Sprache als kreativ begrenzt erweist, kommen zum Beispiel das englische G-AY (Gera), BIT-CH (Bitburg), CO-CK (Coburg) oder MIL-F (Miltenberg, Bayern - Das Kürzel steht im Englischen als Inbegriff für begehrenswerte Mütter) ins Spiel.
Die Antihelden: NE-RD (Neuss), LOS-ER (Landkreis Oder-Spree) , DO-OF (Dortmund) - in Autos mit diesen Kennzeichen sitzen selten Business-Typen mit Nadelstreifenanzug. Der Gelegenheitsgauner und Sportzigarettenraucher Keek aus dem Film "Bang Boom Bang" hatte beispielsweise an seinem ramponierten Ford das Kennzeichen DO-PE.
Die sendungsbewussten Behörden: Wenn sich im bayerischen Augsburg ein Unglück ereignet, fährt möglicherweise ein Rettungswagen mit dem Kennzeichen A-UA vor. Dass es diesen wirklich gibt, wird auf der Seite www.lustich.de bewiesen. Und klar, im niedersächsischen Helmstedt kommt der Abschleppdienst mit dem Kürzel HE-LP.
In Aachen nimmt sich die Polizei mit dem Kennzeichen selbst auf die Schippe. Dort gibt es einen Einsatzwagen mit dem Kennzeichen AC-AB, das in einschlägigen Kreisen für "All Cops Are Bastards" steht.
Die Ironiker: Im Landkreis Starnberg hat sich ein Porschefahrer das Kfz-Kennzeichen STA-TT 6 ausgesucht. (Ein Foto des silbernen 911ers steht auf der Facebook-Seite "Die peinlichsten Autokennzeichen ".) Mini-Fahrer sind in Berlin häufig mit dem Kennzeichen B-IG unterwegs, das Pendant dazu aus dem sächsischen Riesa ist RIE-SE. Kann ja nicht jeder in Minden wohnen und sich MI-NI sichern. Eindeutig am langweiligsten: Berliner mit Autos aus München und dem Kennzeichen B-MW.
Bei allem Spaß - es gibt auch Grenzen. Dann nämlich, wenn das Wunschkennzeichen gegen die "guten Sitten verstößt".
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