Heritage Classics: Rostfreie Rückkehrer
Oldtimerhandel Heritage Classics Die Retourkutschen
Morgens um Neun in Beverly Hills, vom Himmel brennt die Sonne. Ein guter Tag für Herve Williams. Der gebürtige Franzose summt den Evergreen "It never rains in California". Das Wetter ist eine der Grundlagen für Williams Geschäft. Er ist Chef von Heritage Classics, einem der größten Oldtimer-Händler in Los Angeles. Seine Erfolgsformel lautet seit 30 Jahren: "Kein Regen, kein Rost."
Zu seiner Kundschaft zählen einige Stars, die sich an der US-Westküste niedergelassen haben. Thomas Gottschalk kaufte bei Williams einen Aston Martin DB6 und einen Rolls-Royce Silver Ghost, Nicolas Cage einen Aston Martin DB4 und einen Bugatti Atalante. Das große Geschäft macht er aber nicht mit den Autofans vor Ort - sondern mit Sammlern, die weit entfernt leben: "Mehr als 80 Prozent unserer Wagen verkaufen wir ins Ausland, die meisten davon nach Europa", sagt Williams.
Williams hat einen Standortvorteil, den Händler aus Europa nicht bieten können: "Das gute Wetter und das strenge Tempolimit in Kalifornien sind das Beste, was einem Auto passieren kann."
Zurück in die Heimat
Als Williams in den Siebzigerjahren aus Frankreich in die USA einwanderte, fuhr die Kolonne der Altautos noch in umgekehrter Richtung. Den ersten Deal machte er mit einem Mercedes 220 Cabrio Baujahr 1962, das er aus Europa mitbrachte und schon kurz nach der Ankunft in Los Angeles lukrativ verkaufte.
Heutzutage geht es für die Oldies aus Deutschland, England und Italien wieder zurück in die Heimat. "Am höchsten im Kurs stehen bei uns die europäischen Sportwagen aus den Sechzigern und Siebzigern", sagt Williams. Erst wurden Porsche 911, Jaguar E-Type, Mercedes SL oder 190 nach Amerika verschifft, Jahrzehnte später holen Sammler sie wieder nach Hause. Williams bietet ihnen ein Komplettpaket an, organisiert die Zollabfertigung und den Transport. "Für 1500 Dollar garantieren wir, dass der Wagen 30 Tage nach dem Kauf überall auf der Welt ausgeliefert werden kann."
Heritage Classics sitzt am Santa Monica Boulevard, der Showroom befindet sich in einer alten Backsteinhalle. In dem Gebäude ist auch eine Buchhandlung, in der sogar alte deutsche Autozeitschriften verkauft werden. Die meisten Verkäufe jedoch werden übers Internet abgewickelt. "Nur selten kommen die Kunden vorbei und verbinden den Fahrzeugkauf mit einem Urlaub in Kalifornien", sagt Williams. "Allenfalls schicken sie einen Freund oder Gutachter, der den Wagen unter die Lupe nimmt."
Auf Oldie-Jagd in Nevada und Arizona
Weil Heritage Classics pro Jahr rund 200 Autos verkauft, müssen Williams' sechs Mitarbeiter ständig neue Altware heranschaffen. Sie kaufen die Klassiker in ganz Kalifornien und bisweilen auch in Nevada und Arizona, oft im großen Stil. Weitere US-Staaten seien tabu, sagt Williams: Sonst wird das Wetter zu schlecht und die Autos haben Regen oder gar Salz abbekommen.
Ein Bentley R-Type von 1954 für 46.500 Dollar, einen 67er Healy für 59.500 Dollar oder ein Mercedes 280 SE Cabrio aus dem Jahr 1969 für 108.500 Dollar - weil der Nachschub knapp wird und die Nachfrage steigt, kann Williams die Preise nach oben schrauben. Trotzdem ist er weit entfernt von den Rekordsumme, wie sie zuletzt bei Versteigerungen erzielt wurden. "Unser durchschnittlicher Transferpreis liegt bei etwa 75.000 Dollar. Mein bester Deal war ein Porsche 917K, den ich für zwei Millionen losgeworden bin", sagt Williams.
"Da geht es nicht um Leidenschaft, sondern um Kalkulation"
Auf solche Umsätze kann er heute allerdings kaum mehr hoffen. "Richtig teure Autos werden nur noch bei Auktionen gehandelt", sagt Williams. Denn die echten PS-Pretiosen seien längst zu Anlageobjekten geworden, die wie Aktien oder Optionsscheine gehandelt würden - nur eben nicht an der Wall Street, sondern zum Beispiel beim Concours d'Elegance in Pebble Beach. "Da geht es nicht um Leidenschaft, sondern um Kalkulation. Diese Autos dienen nicht zum Fahren, sondern nur zum Geldverdienen."
Es schwingt Pessimismus mit, wenn Williams über die Zukunft spricht. Was heute neu auf die Straße komme, habe nicht mehr das Zeug zum Klassiker. "Den Designern fällt einfach nichts mehr ein, nicht umsonst gibt es immer mehr Retro-Autos", sagt er, und schämt sich fast ein bisschen, dass er sich gerade einen neuen Porsche Targa gekauft hat. Der sei ja auch die Kopie eines Klassikers.
Mittelfristig ist ihm nicht bange ums Geschäft. Denn nirgendwo sonst wurden so viele Sportwagen, Cabriolets und Luxusautos verkauft wie in Kalifornien. Der Nachschub an hochwertigen Altfahrzeugen ohne Rost wird also bis auf Weiteres nicht ausgehen. Und aufs Wetter ist sowieso Verlass.