Buch über grüblerische Rennfahrer: Denksport
Grüblerische Rennfahrer Denken statt Lenken
Max Küng, Jahrgang 1969, eigentlich gelernter Bankkaufmann, arbeitet als Reporter und Kolumnist bei "Das Magazin" und lebt in Zürich. Seine Sammlung "Pensive Racing Drivers" hat er als Buch herausgebracht.
SPIEGEL ONLINE: Herr Küng, wie sind Sie darauf gekommen, nachdenkliche Rennfahrer zu sammeln?
Küng: Natürlich hatte ich als Kind kein Interesse an nachdenklichen Rennfahrern. Diese Bilder erschlossen sich erst bei einer Betrachtung meiner Sammlung kürzlich: Diese Männer, eigentlich ja Helden, die Schwäche zeigten. Das fand ich extrem stark.
SPIEGEL ONLINE: Wenn man an Rennfahrer denkt, dann nicht sofort daran, dass es sehr besonnene Menschen sind. Eher Rampensäue. Wollen Sie mit Ihrer Sammlung das Gegenteil beweisen?
Küng: Bilder von jubelnden Rennfahrern, die mit Champagner spritzen, kennt jeder. Mein Buch handelt davon, dass das Leben eines Rennfahrers auch beschwerlich sein kann. Mir fällt dazu eine Szene aus Claude Lelouchs Film "Un homme et une femme" ein. Jean-Louis Trintignant spielt darin einen Rennfahrer. Er erklärt seiner Geliebten: Wenn man zu langsam fährt, dann verliert man. Wenn man zu schnell fährt, dann stirbt man. Das umschreibt die Problematik nicht schlecht, die der Beruf des Rennfahrers mit sich bringt. Es muss ein mühsamer Job sein, voller Enttäuschungen, Niederlagen, Rückschläge.
SPIEGEL ONLINE: Werden Rennfahrer in den Medien heute anders dargestellt als früher?
Küng: Ganz klar: Ja. Ich sehe das, wenn ich die Bilder über die Zeit hinweg betrachte. Früher waren die Fotografen extrem nah an den Fahrern. Heute scheint alles sehr stark kontrolliert. Die Fahrer sind auch nur Angestellte großer Firmen. Und große Firmen haben große Interessen, zum Beispiel gut rüberzukommen. Da ist Nachdenklichkeit sicher nicht erstrebenswert. Zum Nachdenken geht ein Sebastian Vettel in sein Motorhome.
SPIEGEL ONLINE: Es passt nicht zum Image.
Küng: Ja, und ich habe noch etwas festgestellt: Die Gefahr und der Tod waren früher fester Bestandteil der Berichterstattung, vor allem in der italienischen Rennsportpresse. In der phantastischen Zeitschrift Autosprint etwa berichtete man über spektakuläre Unfälle mit seitenlangen Fotostrecken. Heute lässt sich der Tod natürlich schlecht vermarkten. Der Tod ist kein Bringer. Das käme schlecht mit Slogans wie "Red Bull verleiht Flügel".
SPIEGEL ONLINE: Gab es einen Auslöser für Ihre Auto-Leidenschaft?
Küng: Ich war ein dicker, unsportlicher Junge auf dem Lande. Brillenträger. Ich lebte auf einem Bauernhof am Rande des Dorfes und durfte die Brutalität der Dorfjugend am eigenen Leib erfahren: Ich war der klassische Außenseiter. Ich fand Trost in Autozeitschriften, die ich gesammelt habe. Durch sie habe ich alles über Autos gelernt, insbesondere über die Formel 1. Das hat mir einen gewissen Respekt auch von den unterbelichtetesten Bauernschlägern eingebracht. Ich wurde in Ruhe gelassen, anstatt ständig verprügelt zu werden. Ich kann sagen: Das Auto hat meine Kindheit gerettet. Dafür bin ich ihm dankbar. Bis heute.
SPIEGEL ONLINE: Sie hätten auch Tennisspieler, Fußballer oder Pferdebildchen sammeln können. Warum ausgerechnet Rennfahrer?
Küng: Ich habe mir nie etwas aus Tennis und Pferden gemacht. Und Fußball, das war für mich als Außenseiter eh immer das Spiel der anderen.
SPIEGEL ONLINE: Welcher ist Ihr Lieblingsrennfahrer?
Küng: Mein Lieblingsfahrer war Marc Surer. Er fuhr acht Jahre in der Formel 1 und hat weder ein Rennen gewonnen noch eine Trainingsbestzeit erzielt. Aber er wohnte in der Nähe. Manchmal raste er mit seinem Renault 5 Turbo durchs Dorf. Was für ein Krach! Für mich war es jedes Mal wie eine Marienerscheinung.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in dem Buch entschieden, nur die Bilder zu zeigen, ohne Text. Warum?
Küng: Ich bin Journalist, und Worte nerven mich manchmal: Es gibt schlichtweg zu viele davon. Deshalb fand ich es schön, eine Geschichte ohne Worte zu erzählen. Diese Art von Arbeit ist mein Ausgleichsport.
Max Küng:
Pensive Racing Drivers
Edition Patrick Frey;
48 Seiten; 38,00 Euro.