Rolls-Royce Ghost: Leder, Holz und Handarbeit
Rolls-Royce Ghost Größenwahnsinniger Geist
Gut Ding will Weile haben - keiner hat diese Redensart besser verinnerlicht als Wolfgang Hasselbach. Denn Hektik und Eile ist dem Produktionsspezialisten der BMW-Tochter Rolls-Royce fremd. Wo in anderen Autowerken die Maschinerie einen gnadenlosen Takt vorgibt und man die Arbeit in Sekunden misst, lässt er es gemütlicher angehen. Nicht die Maschine, sondern der Mensch bestimmt hier in Goodwood das Tempo und arbeitet dabei förmlich in Zeitlupe. "Bis ein neuer Phantom fertig ist, dauert es in der Regel fünf bis sieben Monate", sagt Hasselbach. Und auch der kleine Bruder Ghost, der zum Jahreswechsel an den Start geht, braucht mit Stand- und Wartezeiten acht bis zwölf Wochen. Zum Vergleich: Der Siebener aus dem Mutterhaus BMW zum Beispiel kommt insgesamt auf eine Produktionszeit von 51 und ein Mini aus Oxford auf 24 bis 36 Stunden.
"Der Unterschied liegt in der Handarbeit, die für die individuelle Fertigung notwendig ist", sagt Rolls-Royce-Chef Tom Purves: Während in anderen Fabriken die meiste Arbeit von Robotern erledigt wird, sucht man die mechanischen Mitarbeiter im Werk Goodwood vergebens. "Mensch statt Maschine heißt die Devise", philosophiert Purves und schickt Besucher gern zu Peter Guest in den Paint-Shop: "Allein das Lackieren dauert sieben Tage", sagt der Experte, dessen Mitarbeiter die Karosse nach jeder Schicht von Hand polieren und am Ende noch einmal fünf Stunden wienern. Mit den zwölf Standardfarben muss sich dabei niemand begnügen: "Auf Wunsch können wir 40.000 verschiedene Farben einsetzen oder ganz individuelle Töne mischen."
Ebenfalls Handarbeit ist in der Sattlerei angesagt. Dort schneidern und nähen rund hundert Mitarbeiter aus der Haut von neun Rindern die ledernen Bezüge für Sitze und Konsolen und schwärmen von der Qualität, die sie aus Sachsen geliefert bekommen. "Keine Mückenstiche, keine Kratzer, keine Verletzungen," sagt Abteilungsleiter Andrew Monachan, lässt die abgezogenen Rinderhäute durch die Finger gleiten und schaut den zwei Dutzend Näherinnen streng über die Schulter, damit jeder Stich sitzt.
In einem Ghost stecken 20 Tage Arbeit
Nicht minder arbeitsintensiv ist die Holzausstattung, für die Rolls-Royce alle Furniere selbst herstellt. Dutzende Handwerker sägen und feilen deshalb unter Aufsicht von Ivan Schuch an den zahlreichen Konsolen und Zierleisten und jenem Bauteil, das den Namen Armaturenbrett noch zurecht trägt. Denn auch wenn aus Sicherheitsgründen kein massives Holz verwendet werden kann, kommen hier statt der sonst so beliebten Vinyl-Eiche tatsächlich noch Walnuss, Esche oder Kirsche zum Einsatz.
"Am Ghost arbeiten 60 Experten, die 2000 unterschiedliche Tätigkeiten ausführen und schon ohne Standzeiten 20 Tage beschäftigt sind," sagt Purves. Kein Wunder also, dass der Rolls-Royce-Chef lieber von einer Manufaktur als von einer Autofabrik spricht. Aber der Brite hat leicht reden. Denn erstens sieht sein Werk eher aus wie ein Luxushotel als eine Fabrik. Und zweitens werden auch für den neuen Ghost alle lauten, stinkenden und schmutzigen Arbeiten andernorts erledigt: Die Karosserien kommen fertig montiert vom Kontinent, die neuen V12-Motoren werden in München gegossen und die Kabelbäume beim Zulieferer gewickelt. Viel mehr als die Endmontage findet deshalb in Goodwood nicht statt.
Dafür haben Produktionsexperte Hasselbach und seine Kollegen lange geübt. Schon vor mehr als einem Jahr haben sie den ersten Ghost über das Band geschoben und das Auto mittlerweile so oft wieder demontiert und neu zusammengebaut, dass sie davon lieber keine Fotos erlauben wollen. Doch mittlerweile sind auch die ersten Autos zum Vorzeigen fertig: Einer davon stand zur Weltpremiere auf der IAA in Frankfurt, ein paar davon parken im Foyer von Goodwood, und bis zum Jahresende sollen schon 150 Kunden beliefert werden.
"Attraktives Angebot"
Nachdem Rolls-Royce beim Phantom in diesem Jahr ein Absatzminus von 40 Prozent verkraften musste, ist der Ghost für die Briten ein Lichtblick: "Wir haben 1500 sehr ernsthafte Interessenten, die bereits eine Anzahlung geleistet oder einen Vorvertrag abgeschlossen haben", sagt Purves und nennt den Luxusliner das richtige Auto zur rechten Zeit: "In einer Liga, in der man mit Hubschraubern, Yachten oder Privatjets konkurriert, ist ein Auto für etwa 250.000 Euro ein attraktives Angebot", sagt Purves: Bescheidenheit auf höchstem Niveau.
Natürlich ist der Ghost ein Brite mit bayerischen Bauteilen. Trotzdem widerspricht Puvres der Formulierung vom Siebener im Smoking vehement. Der Markenchef spricht von allerhöchstens 20 Prozent Gleichteilen. Doch ohne BMW wäre Rolls-Royce aufgeschmissen und es hätte den Ghost vielleicht gar nicht mehr gegeben.