Südafrika Oldtimerboom am Kap
Manuel Krug ist nicht leicht zu beeindrucken. Der Kfz-Meister restauriert in seiner Hamburger Oldtimerwerkstatt seit 13 Jahren schmucke Raritäten. Doch als er in der südafrikanischen Lagunenstadt Knysna den Verkaufsraum von Norman Frost betritt, haut es ihn fast um.
Dort steht er: Ein 72 Jahre alter dunkelblauer Hudson Essex-Terraplane, ein Clark-Gable-Auto mit Sitzen wie Sofasessel und einer Lenkung, so schwergängig, dass sie selbst Arnold Schwarzenegger Schweißperlen auf die Stirn treiben dürfte. Zwei Tage später gehört Krugs neuer Schwarm zur Familie.
"Zurzeit wird kein fahrtüchtiger Hudson Essex-Terraplane auf dem Weltmarkt angeboten", sagt der Kfz-Meister begeistert. Dabei wurden in den vierziger Jahren Hunderttausende von ihnen produziert. Drei von ihnen kamen 1936 nach Südafrika. Einer ist verschollen, der andere ein Wrack. Krugs Exemplar hat der Vorbesitzer acht Jahre lang komplett restauriert. Er erneuerte sämtliche Verschleißteile und lackierte den Wagen - jetzt steht er technisch besser da denn je.
"Normalerweise werden so gut erhaltene Autos nicht angeboten, sie sind in fester Hand und bleiben in der Familie - in Südafrika ebenso wie in Europa", sagt der 59-Jährige. Normalerweise. Ein Generationswechsel in Südafrika verändert gerade den dortigen Markt. Die Eigentümer der 70 Jahre alten Geschosse kommen selbst in die Jahre und vererben ihre Autos.
Lieber Jaguar statt Morris
Aber viele Erben wollen die Oldies gar nicht haben - trotz eines Faibles für alte Karossen. Sie favorisieren die jüngeren Modelle, die Kultautos ihrer Jugend. Wie den Jaguar E-Type 4.2 Roadster von 1962, den 51-Jahre alten Triumph TR3 oder den MGA 1600 MK1 Roadster, 47 Jahre alt. Mit den Autos von Clark Gable oder Humphrey Bogart, den Leinwandstars ihrer Eltern, können sie wenig anfangen.
Also rufen sie Norman Frost an, den bekanntesten Automakler in Südafrika. Er soll für die rüstigen Oldies irgendwo auf der Welt eine neue Familie finden. Frost ist Profi. Seit zwölf Jahren vermittelt er historische Autos aus dem Städtedreieck Kapstadt, Johannesburg, Durban in die ganze Welt. "50 Prozent bleiben in Südafrika. Die übrigen gehen nach Europa oder Australien. Hauptsächlich aber nach England und Deutschland", sagt Frost.
Der 52-Jährige ist Geschäftsmann, kein Techniker. Den Zustand der Autos lässt er von befreundeten Experten bis in kleinste Detail checken. Um einen Eindruck von dem Fahrverhalten der Oldtimer zu bekommen, holt er sie häufig bei ihren Besitzern persönlich ab. Dabei erlebt er immer wieder Überraschungen.
Einmal wollte er in Durban einen Jaguar bei dessen Eigentümer abholen. Als sich die Tür des kleinen Wohnhauses öffnete, stand Frost plötzlich in einem privaten Automuseum. Zehn Oldtimer hatten das komplette Erdgeschoss für sich. Jeder einzelne von ihnen in einem erstklassigen Zustand. "Der Besitzer hatte sie alle selbst restauriert, teilweise waren die Ersatzteile handgefertigt", sagt Frost.
Ich verkaufe Emotionen
Sammler wie dieser erzählen dem Automakler die Geschichten ihrer Luxusautos. Woher sie kommen, was sie erlebt haben, wer sie repariert hat. Frost erzählt sie weiter. "Ich verkaufe nicht einfach schöne alte Autos, ich verkaufe Emotionen", sagt er. Wer zu ihm kommt, sucht keinen Gebrauchtwagen, er sucht einen Traum. Manchmal auch öfter, wie Rüdiger Mehler.
Der Gebrauchtwagenhändler aus Hannover hat vor fünf Jahren seinen ersten Oldtimer bei Frost in Knysna gekauft. Einen Austin 12/6. Ein Zufallskauf, wie bei den meisten von Frosts Kunden aus Europa, die im Süden Urlaub machen, wenn es im Norden friert. Vor einigen Monaten wurde Mehler bei Frost wieder fündig, dieses Mal via Internet. Auf der Homepage des Automaklers sah er wieder einen Austin und schlug zu. Einen Austin Seven Ruby. 3,1 Meter lang, 1,2 Meter breit. Blau, gesund und gut in Schuss.
Die Geschäftsbedingungen waren klar: Bezahlt wird vor Lieferung. Ein Handel, der selbst in Zeiten von Ebay-Auktionen und weltweitem Online-Handel vom Vertrauen lebt. Das wissen Frosts Kunden und schicken ihm Fotos von ihren Oldtimern und schreiben Dankesbriefe. Frost hängt sie auf, gut sichtbar in seinem Geschäft oder sammelt sie sorgsam in einem Ordner. Sie sind sein individuelles Zeugnis, das ihm jeder Käufer aufs Neue ausstellt.
Im Container nach Hamburg
Wer im Urlaub in Südafrika Oldtimer kauft, hat wenig Lust, sich um Export-Formalitäten zu kümmern. Für 20.000 Rand (rund 1600 Euro) erledigt Frost den Transport der Oldtimer nach Deutschland: Von Knysna per Trailer nach Port Elizabeth, von dort im Container sicher verpackt via Schiff die 10.000 Kilometer nach Hamburg oder Bremerhaven. Drei bis vier Wochen nach dem Kauf können die neuen Besitzer ihre antiken Lieblinge im Hafen abholen.
Morgens um 5 Uhr stand Manuel Krug mit seiner Frau Karin im Hamburger Hafen auf dem Ladeplatz der Spedition. Den eigentlichen Containerhafen dürfen Privatpersonen in der Hansestadt nicht betreten, deshalb beauftragte Krug für den Import eine Spedition. "Es war ein aufregender Moment, als die Mitarbeiter die Plombe am Container öffneten. Man weiß ja nicht, ob der Wagen noch heil ist und gerade steht", sagt Krug. Sie konnten durchatmen. Mit Holzblöcken hinter den Rädern und mit Gurten am Container festgezurrt, konnte ihrem 72 Jahre alten Baby nichts passieren.
Der Hudson ist das sechste Mitglied in Krugs Oldtimerfamilie. Sie hatten Glück. Ihr Schätzchen ist laut europäischen Zollgesetz ein Sammlerstück: mehr als 30 Jahre alt, im Originalzustand, wird nicht mehr hergestellt und hat Seltenheitswert. Nur wenn diese Kriterien erfüllt sind, kassiert der deutsche Zoll für den importierten Oldtimer eine Einfuhrumsatzsteuer von sieben Prozent, sonst sind es seit einigen Jahren 19 Prozent.
Ein Geschäft, das sich, wie Frost findet, trotzdem lohnt. Für ihn sind historische Autos eine Geldanlage. "Ein gut erhaltener Oldtimer hält seinen Wert und steigert ihn manchmal sogar", sagt er. Im Gegensatz zu Neuwagen. Frost selbst fährt am liebsten Jaguar. Zurzeit einen Jaguar XK 150. Wenn sich allerdings ein Kunde in seinen Wagen verliebt, verkauft er ihn. Schließlich sitzt er an der Quelle der schönen, gepflegten Luxuskarossen einer vergangenen Epoche.