Volvo 240 Baujahr 1991: Wohltat fürs Auge
Volvo 240 Der Gutmenschen-Kombi
Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet der Journalist Michael Soukup über das Leben mit seinem Volvo 240.
In Zeiten, in denen Autos wie umgekippte Joghurtbecher und abgespeckte Schützenpanzer daher kommen, ist der Volvo eine Wohltat fürs Auge - und in einem der reichsten Länder der Welt zuweilen auch eine Provokation. Zum Beispiel mein knallroter 240er Kombi, Baujahr 1991. Die Farbe war eine schmerzhafte Konzession an meine Freundin, damit sie sich mit 1000 Franken am Kauf beteiligt. Schon beim ersten Ausflug in die Berge fiel der durchgerostete Auspuff ab, so dass wir ihn für die Rückfahrt provisorisch mit einer Schnur sichern mussten. Die Bremsbeläge waren nach einem Abstecher in die Toskana fällig.
Keine Frage, der Besitzer der Zürcher Hinterhofgarage hat mich schamlos angelogen, als er behauptete, es handele sich um einen "gepflegten Schwedenlaster". Spätestens beim Anblick des verschmutzten Autohimmels hätte es mir dämmern müssen, dass der Vorbesitzer - eine Gärtnerei - mit dem Kombi Mammutbäume transportiert hat.
Trotzdem: Waren erst einmal die paar Verschleissteile ersetzt, wirkte der Lademeister wieder wie neu. Denn mit 155.000 Kilometern fängt das Leben eines Volvos erst an. Der ärmliche Norden Schwedens ist das wohl grösste Reservat für in die Jahre gekommene Volvo-Kombis. Ob 240, 740, 850 oder 940, eine halbe Million oder mehr Kilometer auf dem Buckel sind keine Seltenheit. Sie sind bevorzugte Fortbewegungsmittel von Holzfällern, Bauern und Rentnern. Wegen ihrer soliden Bauweise gelten die Schwedenpanzer als extrem langlebig und mangels komplexer Elektronik leicht zu reparieren. Ein wenig Schrauberwissen reicht aus, um die meisten Pannen selbst zu beheben. Ersatzteile zu bekommen ist kein Problem.
Ausserhalb der schwedischen Provinz hat der 240 freilich einen etwas anderen Stellenwert. Man begegnet grossartig erhaltenen Exemplaren in den hippen Stadteilen Kopenhagens, Berlins oder Mailands. Kürzlich ließ in der norditalienischen Metropole ein fjordblauer 240 "Polar Italia" mit schwarzem Leder mein Herz höher schlagen. Er wurde wahrscheinlich 1993 gebaut, als Volvo nach fast 20 Jahren und rund drei Millionen Stück die 240er-Reihe einstellte. Die ikonenhafte "Boxiness" und das minimalistische Innere stehen für die fortschrittsskeptische Grundhaltung seiner Fahrer.
Im Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und der Schweiz
In der Autorubrik des "Zeit-Magazin" hieß es einmal: "Bestimmte Städte verlangen nach bestimmten Autos." In Berlin würden sich junge Eltern, die irgend etwas in Medien oder Kultur machen, bevorzugt einen gebrauchten Volvo-Kombi kaufen." Wenn Berlin arm, aber sexy ist, dann ist Zürich reich, aber langweilig. In der Bankenstadt bevorzugen Geldmenschen lächerlich überdimensionierte SUVs und übermotorisierte Sportkombis deutscher Herkunft.
Aus Langweile achtete ich auf der zehnstündigen Fahrt Zürich-Hamburg auf die Automarken. Gemessen an der Zahl der Protz-Offroader muss zwischen Deutschland und der Schweiz ein enormes Wohlstandsgefälle bestehen. Ob Porsche Cayenne, Audi Q7, VW Touareg, BMW X5 oder Range Rover, allein im morgendlichen Berufsverkehr Zürichs überholen mich schon nach einer Viertelstunde soviele dieser automobilen Monster wie auf der ganzen Autobahnstrecke. Immerhin weist die Schweiz die höchste Geländewagen-Dichte Europas auf.
Umso so grösser ist mein Vergnügen, mit einem Auto unterwegs zu sein, dass mittlerweile weniger kostet als manche 23-Zoll-Alu-Felge. In einem durch und durch bürgerlichen Land ist der 240 so etwas wie eine sozialdemokratische Oase auf Rädern. Mit seiner trägen Automatik, der weichen Federung und dem Langheck im Rücken fühlt sich ein Fahrer auf die einsamen Landstrassen Schwedens versetzt. In ein Land, in dem nicht gedrängelt wird, in dem ein gut sortiertes Bücherregal soziales Prestiges verspricht und in dem ausländische Steuerhinterziehung kein Eckpfeiler der Volkswirtschaft ist.
Soviel billiges Fahrvergnügen ruft natürlich Kritiker auf den Plan. Am liebsten argumentieren sie mit dem Umweltschutz ("Dreckschleuder!"). Alles Ignoranten. Mit der Einführung des Katalysators Ende der achtziger Jahre ist die Schadstoffemission bei Benzinautos dramatisch reduziert worden. Vorsichtig gefahren, schluckt mein Kombi im Schnitt weniger als 9 Liter und stösst damit weniger CO2 aus als das heutige Basismodell des Volvo V70 2.0. Dieser verbraucht im Schnitt 8,6 Liter. Das sind aber bloß Werksangaben. Seit Jahren ist bekannt, dass der Treibstoffverbrauch bei Neuwagen realiter bis zu einen Drittel höher liegt.
Der reichste Einwohner der Schweiz fuhr übrigens bis vor kurzem auch einen Volvo 240 Kombi. Sein Name ist Ingvar Kamprad. Er ist Schwede, 36-facher Milliardär und Ikea-Gründer.