25 Jahre ABS: Stottern für die Sicherheit - DER SPIEGEL
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25 Jahre ABS Stottern für die Sicherheit

Kaum eine Sicherheitstechnik im Auto wurde (und wird) so häufig missverstanden wie das Antiblockiersystem ABS. Dabei ist das von Bosch entwickelte System bereits seit 25 Jahren im Einsatz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Achtung. Ich bremse mit ABS", warnten Anfang der achtziger Jahre noch Aufkleber am Autoheck. Damit sollte den Hinterleuten signalisiert werden, dass sie sich auf einen kürzeren Bremsweg einstellen sollten. Auch der noch heute häufig gehörte Satz: "Ohne ABS hätte ich den Wagen nicht mehr zum Stehen gebracht" deutet auf die irrige Annahme hin, das Antiblockiersystem sei so etwas wie eine besonders starke Bremse.

Tatsächlich lässt sich mit ABS in vielen Fällen der Bremsweg gegenüber herkömmlichen Bremssystemen verkürzen. Der entscheidende Vorteil der "elektronischen Stotterbremse" jedoch ist und bleibt die Lenkbarkeit des Autos bei einer Vollbremsung. Weil das ABS die Räder in Millisekundenschnelle blockiert und wieder löst, bleibt der Wagen stabil und der Fahrer kann das Hindernis umfahren. Ein aktiver Sicherheitsvorteil, der allerdings lange brauchte, bis er serienmäßige Realität werden konnte.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Überlegungen, wie sich das Blockieren von Rädern bei Autos, Schienenfahrzeugen oder Flugzeugen verhindern lässt. Bosch meldete bereits 1936 ein Patent für eine "Vorrichtung zum Verhüten des Festbremsens der Räder eines Kraftfahrzeuges" an. Allen früheren Ansätzen ist jedoch gemein, dass sie zu aufwendig und damit zu anfällig waren sowie die Regelung zu langsam arbeitete. Erst mit der Digitaltechnik und der Entwicklung elektronischer Steuergeräte in den siebziger Jahren ließ sich schließlich ein kraftfahrzeugtaugliches ABS verwirklichen. Nach 14 Jahren Entwicklung ging das von Bosch ABS 2 genannte System 1978 erstmals in Serie; zuerst als Sonderausstattung in der S-Klasse von Mercedes-Benz und kurz darauf auch im 7er BMW.

Damals wie heute ist die zentrale Komponente eines ABS-Systems das Hydraulikaggregat. An jedem der vier Räder sitzt ein Raddrehzahlsensor, der die Drehgeschwindigkeit des Rades misst. Droht ein Rad bei starkem Bremsen zu blockieren, so reduziert das System den Bremsdruck allein an diesem Rad soweit, bis die Blockiertendenz gestoppt ist. Rollt das Rad wieder freier, wird der Bremsdruck wieder erhöht. Dieses Auf und Ab ist am Bremspedal als Pulsieren zu spüren - das allzu oft viele Autofahrer (auch so ein Missverständnis) als defekte Bremsen interpretieren.

In den anschließenden Jahren versuchten die Bosch-Entwickler, das System zu vereinfachen, das Gewicht zu reduzieren sowie zusätzliche Funktionen, wie beispielsweise die elektronische Bremskraftverteilung, einzubauen. So ging auf Basis des ABS 1987 erstmals die Antriebsschlupfregelung (ASR) für Pkw in Serie, die das Durchdrehen der Räder verhindert. Auf glattem Grund kann das Auto so besser beschleunigen. Auch in zu schnell gefahrenen Kurven erhöht das System die Fahrstabilität, indem es die Motorkraft reduziert. Das Elektronische Stabilitäts-Programm (ESP) als das zurzeit umfangreichste Bremsregelsystem brachte Bosch 1995 weltweit erstmals auf den Markt. Es verbessert die Fahrzeugstabilität nicht nur beim Bremsen und Beschleunigen, sondern in allen Fahrsituationen. Droht das Fahrzeug zu schleudern, reduziert ESP die Motorleistung und bremst zusätzlich einzelne Räder ab.

Die technischen Fortschritte führten dazu, dass das ABS seit den achtziger Jahren in immer mehr Fahrzeugen für Sicherheit sorgt. So lieferte Bosch 1986 das millionste System an die Fahrzeughersteller. In den Neunzigern schließlich begann die Verbreitung auch in der Mittel- und Kompaktklasse. Bis 1999 hat allein Bosch eine kumulierte Menge von 50 Millionen Systemen an die Automobilindustrie geliefert. Und bald gibt es zumindest in Europa keinen einzigen Neuwagen mehr ohne ABS - eine Selbstverpflichtung des Dachverbandes der europäischen Automobilhersteller sieht vor, ab Mitte 2004 alle in Europa verkauften Pkw serienmäßig mit dem Sicherheitssystem auszustatten.