Antennen-Inflation Allzeit auf Empfang
Neckartenzlingen/Hildesheim - Ein silbrig glänzender Metallstab, der irgendwo auf der Karosserie einen halben Meter in die Luft ragt - das war über Jahrzehnte das sichere Zeichen, dass ein Autoradio empfangsbereit war. Mittlerweile ist die Stabantenne nur noch ein Kennzeichen älterer Modellreihen. Aktuelle Fahrzeuge dagegen wirken, als kämen sie gänzlich ohne Antenne aus.
Shark-Antenne bei BMW: Versteckt in einer Haifischflosse
Foto: BMW/dpa/gmsTatsächlich ist das Gegenteil der Fall: In der Nobelklasse arbeiten sogar zweistellige Mengen solcher Empfangshilfen, nur sind sie heute dezent versteckt. Die Empfangsqualität ihres sichtbaren und antiquiert wirkenden Vorfahren erreichen sie jedoch bestenfalls mit einer ganzen Reihe technischer Kunstgriffe.
Wie weit die Antennen-Inflation gehen kann, zeigt das Beispiel der Luxus-Limousine Maybach. "Mit einem integrierten Antennensystem werden in dem Auto bis zu 19 Antennen untergebracht", sagt Thomas Oelschlägel, Sprecher des Herstellers Hirschmann in Neckartenzlingen (Baden-Württemberg). Allein fünf kümmern sich um den Radioempfang, hinzu kommen weitere Funktionen, für die Antennenempfang nötig ist.
Laut Oelschlägel gilt das unter anderem für den Fernstart der Standheizung oder auch das schlüssellose Zugangssystem. Selbst in durchschnittlichen Fahrzeugmodellen finden sich heute schon bis zu zehn Antennen. Schließlich soll das Telefon Empfang haben, und auch das Navigationssystem braucht seine Daten.
Design soll nicht verunziert werden
Dass Antennen heute größtenteils versteckt untergebracht sind, hat jedoch nichts mit einem besseren Empfang zu tun. Das Gegenteil ist der Fall: "In dieser Hinsicht wäre eine möglichst zentral angebrachte Stabantenne immer noch optimal", bestätigt Helmut Schmaler vom ADAC Technik-Zentrum in Landsberg (Bayern). Selbst die Antennenhersteller haben das Urmodell weiter im Hinterkopf: Laut Oelschlägel gilt es bei Neuentwicklungen immer noch als Maßstab.
Vielmehr stecken vor allem Gründe hinter dem Verbergen, bei denen die eigentliche Antennenleistung an zweiter Stelle steht. Laut Joachim Siedler von Blaupunkt in Hildesheim ist das Design des Fahrzeugs ein wichtiges Kriterium. Das soll nicht durch diverse aufragende Stäbe verunziert werden. "Ein Trend bei der Erstausrüstung der Hersteller sind daher die unsichtbar untergebrachten Antennen", sagt Siedler. Vielfach sitzen sie zum Beispiel in der Heckscheibe.
Prinzipiell werden dabei die Drähte der heizbaren Heckscheibe mit für den nötigen Empfang genutzt. Die zusätzlich nötigen elektronischen Komponenten werden beispielsweise auf den oberen Rand der Heckscheibe geklebt. Was aber auch nicht jedem Designer gefällt: Die Elektronik muss dann mit "Schwarzdruck" abgedeckt werden - das sind die dunklen Ränder, die sich an vielen Heckscheiben heute finden. Ein zweiter Weg besteht laut Thomas Oelschlägel darin, dass man die Elektronik in der hinteren Dachsäule montiert - was wiederum die Anschlüsse verkompliziert, aber eben schicker aussieht.
All diese Prinzipien haben im Vergleich zum Urvater der Antennen außerdem den Nachteil, dass sie mit elektronischer Verstärkung arbeiten müssen, um die Empfangsqualität auf ein hohes Niveau zu bringen. "Mit der elektronischen Verstärkung können die Signale besser empfangen werden", erläutert Helmut Schmaler. Das gelte aber auch für Störsignale, die dann herauszufiltern sind. Hinzu kommt noch ein Problem: Die Antenne in der Heckscheibe empfängt nicht Signale aus allen Richtungen gleich gut.
Antennen im Stoßfänger
Ein Handicap, dem man mit noch mehr Technik begegnet: Hier lautet das Stichwort Diversity. "Dabei kommen mehrere Antennen an verschiedenen Punkten des Fahrzeugs zum Einsatz", beschreibt Thomas Oelschlägel das Vorgehen. Diese sind aber laut Helmut Schmaler nicht alle gleichzeitig auf Empfang. "Die Elektronik prüft, an welcher Stelle der Empfang im Augenblick am besten ist." Dann wird vom Radio die im Augenblick optimal positionierte Antenne genutzt.
Untergebracht sind diese Antennen zum Beispiel ebenfalls in den Scheiben oder in den Stoßfängern. Wobei gerade letztere Position ihre Nachteile hat: "Antennen in den Stoßfängern haben einen schlechteren Empfang, weil sie so niedrig positioniert sind", so Joachim Siedler.
Allerdings steckt hinter dem betriebenen Aufwand nicht nur die Lust am edlen Karosseriedesign. So hatte auch die Stabantenne ihre Nachteile. Dass sie auf Parkplätzen gerne abgebrochen wurde, ist nur einer davon. Außerdem ließ sie sich bei mangelnder Pflege nach einiger Zeit nicht mehr einschieben und fiel so spätestens dem nächsten Waschstraßenbesuch zum Opfer. Hinzu kamen laut Schmaler Windgeräusche, die bei versteckten Einbauten nicht entstehen.
Abgesehen davon gibt es mittlerweile Ansätze, die Empfänger wieder hervorzuholen. "Hersteller wie BMW setzen derzeit stark auf die sogenannten Shark-Antennen", so Joachim Siedler. Das sind kleine Empfangseinheiten, die wie eine Haifischflosse auf dem Dach platziert werden. Ihre Form ermöglicht unter anderem die Unterbringung mehrerer Antennen - und gilt nebenbei als schickes Designmerkmal.
Von Heiko Haupt, gms