Automobile Superbillig, supercool
eunundzwanzig Jahre, sagt Andreas Haller, hat sein jüngst erworbenes Auto auf ihn gewartet. Der Wagen, meint der Hamburger Werbetexter, sei "ein Geisterschiff, eine Flaschenpost aus dem Land der Drachentöter".
Zweifellos anspruchsvolle Metaphern sind dies für einen Fahrzeugtyp, der bisher kaum Beachtung fand schon gar nicht bei Leuten wie Haller. Der Reklame-Poet mit Rock'n'Roll-Spleen und Wangenbart fährt neuerdings einen Ford Granada.
Das "Hüftschwung-Coupé" von 1973 genießt bald amtlichen Oldtimer-Status, wenngleich der Begriff "Liebhaberfahrzeug" bei diesem Modell eher befremdlich klingt: Dereinst wurden Granadas für gewöhnlich nicht geliebt. Sie galten als große, vergleichsweise billige Nutztiere, belastbare Packesel auf Bosporus-Kurs Autos kurzum, an die man keine Gefühle verschwendete. Mit Gruselfarben (braunmetallic, mattorange) und Vinylbedachung sprachen sie nicht gerade stilsichere Kunden an und verschwanden klanglos wieder aus dem Straßenbild.
Ebenso unversehens wurde der Granada nun zum Protagonisten eines neuen Autokults. Eine wunderliche Szene kreativer Freaks, teilweise jünger als die Autos selbst, entdeckt die einstigen Spießerkarossen und stilisiert sie zum Kulturgut hoch.
Die Bewegung hat ihren Ursprung in der Liebhaberszene amerikanischer Straßenkreuzer, nennt sich "Motoraver" und verleiht seiner seltsamen Vorliebe seit einem Jahr durch ein gleichnamiges Magazin (Druckauflage: 15 000) Ausdruck.
Vier Hefte sind inzwischen erschienen. Die erste Ausgabe würdigte in einem zehnseitigen Dossier das Kultmobil Granada. Nummer zwei adelte ähnlich umfänglich einen nicht minder grenzwertigen Auto-Zombie: den Opel Commodore.
Die Redaktion, kultgerecht platziert in einer Hamburger Gewerberuine mit Riesenparkplatz, ist zum Brennpunkt der Szene avanciert. Hunderte bizarrer Altautos mal spektakulär aufgemotzt, mal total kaputtgegurkt finden sich dort zu "Parkplatzraver"-Partys ein.
Was begeistert junge Web-Designer, Werber und andere Leitfiguren postmoderner Lässigkeit an Autos, die einst von kreuzbraven Bausparern garagengepflegt wurden? Die biederen Gebrauchtwagen, sagt "Motoraver"-Chefredakteur Tobias Meyer (Hauptberuf: Rechtsanwalt), haben zwei entscheidende Qualitäten: "Sie sind superbillig und supercool."
Opel- und Ford-Modelle der siebziger Jahre tragen noch die Design-Gene der amerikanischen Mutterkonzerne. Die kantige brachiale Formensprache, der die deutschen US-Töchter längst zu Gunsten aerodynamisch weich gespülter Karosserien abgeschworen haben, trifft offenbar das Lebensgefühl der Motoraver. Denn in jedem alten Taunus steckt das Wesen eines Ami-Schlittens.
"Ford und Opel", sagt Meyer, "sind im Prinzip Marken, die cool klingen und cool sind. Nur sind die Hersteller so ziemlich die Einzigen, die davon nichts mitkriegen." Versuchte Kontaktaufnahmen der "Motoraver"-Redaktion blieben bisher unbeantwortet. In beiden Firmen wird Traditionspflege nicht gerade großgeschrieben.
Auch die konventionellen Liebhaber alter Opel- und Ford-Modelle (ohnehin ein eher kleiner Kreis) bleiben auf Distanz. "Jeder hat eine andere Vorstellung vom Erhalt eines Fahrzeugs", sagt Hayo Schönke, Präsident bei Ford Classik Berlin e. V. Und die bestandsfördernde Mission des Motorave ist in Schönkes Kreisen strittig.
Auf den Parkplatz-Partys sieht man deutlich mehr Reifenqualm als polierten Chrom. Für Granada-Raver Haller etwa zählt ein beherzter Tritt gegen die Fahrertür mit den Worten "I fuck you, baby" durchaus zum guten Umgangston mit dem historischen Fahrzeug aus Sicht von Ford Classic e. V. eine indiskutable Form von Traditionspflege.
Ein Granada der ersten Baureihe ist eine Rarität, weit seltener als mancher Ferrari. Etwa 200 gut erhaltene Exemplare, schätzt Clubpräsident Schönke, sind in Deutschland zugelassen. Ob Hallers Coupé (wegen des Hüftschwungs ein besonders seltenes Stück) noch lange dazugehört, ist schwer vorherzusagen: "Vielleicht werde ich ihn in 20 Jahren meinem Sohn in die Hand geben und sagen: ,Komm, fahr ihn kaputt.'"
Schon mangels verfügbarer Fahrzeugzahl werden Ford und Opel womöglich bald nicht mehr die zentralen Marken sein, um die sich der Motorave dreht. Ausgabe drei der Kult-Gazette widmete sich bereits ausgewählten Proll-Sportwagen japanischer Herkunft.
Als neuer Trend zeichnet sich schon ein breiter Ansturm auf die traditionelle deutsche Luxuswagenmarke ab: Schwere Mercedes-Modelle der siebziger Jahre passen offenbar exakt ins Beuteschema der Motoraver. Ausgabe fünf soll Ende Juli mit einem großen Report über den legendären "W 116" erscheinen, das letzte Mercedes- Flaggschiff mit Chromstoßstangen breit wie Leitplanken.
Chefredakteur Meyer: "Wer heute Ford Taunus fährt, fährt morgen S-Klasse."
CHRISTIAN WÜST