Autoradios: MP3 wird mobil - DER SPIEGEL
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Autoradios MP3 wird mobil

Mit allerlei Hightech-Spielereien und digitaler Qualität wollen die Hersteller von Autoradios ihre Geräte aufrüsten. Doch der automobile Musikfan reagiert erst einmal skeptisch.
Von Alexander Stirn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rauschende Radiosender? Für mobile Musikfans nur eine Notlösung. Kassetten im Auto? Sprechen wir nicht drüber. Musik-CDs? Die Technik von gestern. Nein, die Zukunft der automobilen Musiklandschaft gehört den MP3-Files, zumindest dann, wenn man den Marketingabteilungen der großen Hersteller von Autoradios glaubt.

In diesem Sinne hat Blaupunkt, nach eigenen Angaben einer der Marktführer auf dem europäischen Markt, zwei Tage vor dem Start der Internationalen Funkausstellung (Ifa) seine neue Produktpalette vorgestellt. Und die ist von einem Wort dominiert: digital.

Die nächste Generation der Oberklasseradios soll demnach problemlos selbst gebrannte CDs abspielen können, randvoll mit digitalen Musikfiles. Damit jedoch sei, so Blaupunkt-Vertriebschef Wolf-Henning Scheider, noch nicht einmal das letzte Wort gesprochen.

Die Hildesheimer beispielsweise präsentieren einen kleinen MP3-Player, der sich angeblich problemlos an nahezu jedes Blaupunkt-Radio anschließen lässt. In dem mobilen Gerät arbeitet nach Herstellerangaben eine Microdrive-Festplatte von der Größe eines Fünfmarkstücks, die bis zu 18 Stunden Musik liefern kann. "Erstmals zieht die Festplatte als Großserienerzeugnis ins Auto ein", jubelt Scheider.

Doch Daten aus dem Internet sollen nicht nur über Speichermedien, sondern auch direkt ins Auto kommen. Mit dem OnlinePilot will Blaupunkt ein Gerät präsentieren, das auch ohne gespeicherte Landkarten als Routenplaner fungieren soll - ähnlich wie die Handys der neuesten Generation.

Der virtuelle Pilot stellt, so Scheider, eine Kombination aus Radio, Navigationssystem und Mobiltelefon dar. Er ermöglicht den Autofahrer, Radio, CDs und MP3-Musik zu hören, zu telefonieren und E-Mails zu empfangen - alles während der Fahrt. Eine Schnittstelle zu einem digitalen Organizer ist angedacht.

Vor allem soll der OnlinePilot aber über einen Empfänger für die Satellitenortung verfügen: Damit wäre es dann möglich, die Position des Wagens zu erfassen und zusammen mit dem angepeilten Zielort an einen Serviceprovider zu übergeben. Der berechnet - natürlich gegen Geld - die beste Route und schickt das Ganze zurück ins Auto.

Das Gerät soll im Sommer nächsten Jahres auf den Markt kommen. Über den Preis der schönen neuen Datenwelt schweigt sich Blaupunkt noch aus. UMTS übrigens, von vielen als die Killerapplikation für den Einsatz in Fahrzeugen gepriesen, kommt bei dem Hildesheimer Unternehmen nur in einem Nebensatz vor.

Hartnäckiger Ladenhüter

Während es MP3 bereits geschafft hat, erweist sich ein anderer digitaler Standard als beharrlicher Ladenhüter. DAB, kurz für Digital Audio Broadcasting, soll Rundfunkprogramme in digitaler Qualität in die deutschen Autos bringen. Die Sendemasten sind fast flächendeckend installiert, die Angebote der Sender vorhanden. Doch DAB ist noch immer ein Nischenprodukt. Das soll sich - genauso wie bereits auf der Ifa vor zwei Jahren - nun endgültig ändern.

Helfen soll dabei ein Art Eier legende Wollmilchsau, von Blaupunkt Woodstock DAB 52 genannt. Das Gerät, nicht größer als ein herkömmliches Autoradio, vereinigt (angeblich zu einem Preis unter 500 Euro) in sich DAB, einen MP3-Player und die Fähigkeit, Audio-CDs wiederzugeben - Blaupunkt zufolge das weltweit erste derartige Gerät. Für Scheider jedenfalls "mehr als ein Autoradio, eher schon ein kleiner Computer".

Zumindest aber ein nettes Spielzeug, das wunderbar im Rahmen einer Messe präsentiert werden kann, auch wenn es danach wieder in den Schubladen verschwindet. Denn mit großen Stückzahlen rechnet Blaupunkt nicht, allenfalls mit einem Signal - einem Signal, dass sowohl "attraktive" Programme als auch Geräte auf dem Markt sind und sich Hersteller und Sender nicht länger gegenseitig die Schuld für die DAB-Misere zuschieben dürfen. Scheider: "So wird eine attraktive Technik zerredet."

In zehn Jahren jedenfalls soll der große Boom kommen, dann werden, so die Blaupunkt-Prognosen, mehr mobile Digitalempfänger als UKW-Autoradios verkauft. Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg: In den nächsten Jahren werden die verkauften DAB-Stückzahlen Scheider zufolge höchstens im fünfstelligen Bereich liegen - bei insgesamt fünf Millionen abgesetzter Blaupunkt-Radios.