Autotechnik: Verloren im Kabel-Dschungel - DER SPIEGEL
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Autotechnik Verloren im Kabel-Dschungel

Den Stammtisch-Fachleuten in Sachen Auto war schon längst klar: Ohne den ganzen elektrischen Kram wären die Fahrzeuge zuverlässiger. Kfz-Experten stimmen dem inzwischen zu - zumindest zum Teil.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Die Achillesferse des modernen Autos ist die Elektrik", sagt Ferdinand Dudenhöffer. Der Professor für Automobilwirtschaft glaubt, "dass wir noch vor dem Jahr 2010 auf einen Elektrik/Elektronik-Pannenanteil von 66 Prozent kommen werden."

Schon heute bleibt jeder zweite Wagen liegen, weil Elektronik zickt und Elektrik spinnt. Was das jetzt bereits kostet und wie viel noch investiert werden muss, um die Kettenreaktion aus Pleiten, Pech und Pannen zu bannen, weiß niemand. Nur so viel ist klar: "Elektronik ist bei den Automobilherstellern zum heiklen Thema geworden", so Dudenhöffer.

Moderne Technik macht Autos sicherer, bequemer und sparsamer im Verbrauch, aber auch anfälliger. Die Gründe für die Pannenbilanz sind vielfältig. Angefangen von zu schneller Integration, noch nicht ausgereifter Innovationen bis zur Überbeanspruchung des elektrischen Bordnetzes, das der Energiespender für die vielen Chips, Rechner und elektrischen Stellmotoren im Auto ist.

IT-Spezialist Professor Heinrich Mayr macht eine fatale Koalition aus immer kürzeren Entwicklungszyklen und immer komplexeren IT-Systemen dafür verantwortlich: "Bislang wird unterschätzt, dass der Entwicklungsprozess bei Software methodisch aufwändiger ist als in der Mechanik - wir sollten von den Ingenieuren lernen, auch was Gründlichkeit angeht."

Einheitliche Standards für alle Hersteller, Zulieferer und Programmierer wären ein Lösungsansatz für das Elektronik-Problem. Auch für die oft überforderten Werkstätten. "Die Komplexität in der Automobilindustrie ist dramatisch hoch", sagt Erich Nickel, Fachmann für Kfz-Software bei IBM. In einem Kabeldschungel samt Chips, Stellmotoren und Steuergeräten ist es extrem schwer, festzustellen, wo ein Fehler liegt. Von den überlasteten Werkstätten wird schon mal ein intaktes Steuergerät ausgebaut und eingeschickt. Doch der Hersteller kann am Einzelgerät keinen Fehler entdecken. "Das ist ineffektiv und viel zu teuer", so Nickel über die Folgen dieser Hilflosigkeit.

Mittlerweile hat das Bordnetz die Grenze der Belastbarkeit erreicht. Eine schier unendliche Zahl von Stromverbrauchern im Auto hat das Netz zum sensiblen System werden lassen. Neben Stromfressern wie beheizten Metallkatalysatoren kommen viele kleinere Teilsysteme zum Einsatz. Die Folge: Im Jahr 1990 lag der mittlere Bedarf eines Personenwagens an elektrischer Energie bei 1200 Watt - heute ist er mehr als doppelt so hoch. Tendenz steigend.

Eine Lösung des Problems hatte die Automobilindustrie fast schon für den Serieneinsatz angedacht - das 42-Volt-Bordsystem. Doch inzwischen ist das Thema aus allen Lastenheften verschwunden. Angesichts wachsender Pannenbilanzen und Rückrufaktionen geraten die Hersteller jetzt in Zugzwang. Branchenfachmann Dudenhöffer: "Es geht darum, die Elektronik zu beherrschen - und nicht zu verbannen."

Von Norbert Michulsky, ddp