Autoveredler Zwischen Hinterhof und Rennstrecke
Der wesentliche Vorwurf, der Tunern gemacht wird, bezieht sich auf mangelnde Tests und Erprobungen neuer Teile. Denn neben einer ganzen Reihe namhafter Firmen gibt es auch einige Hinterhofwerkstätten, die zum Beispiel mit Computerchips die Motorleistung steigern, Fahrwerk und Bremsen aber in vielen Fällen nicht anpassen. Kommt es dann zum Defekt oder gar zum Unfall, waren "die Tuner" schuld - und der Ruf der Branche hat wieder ein paar Kratzer mehr.
Natürlich könne sich ein Tuner nicht das umfangreiche Prüfprogramm der Autohersteller leisten, sagt Rolf Hartge, Geschäftsführer von Carlsson in Merzig. Doch mit Erprobungsläufen auf dem Nürburgring und etlichen Stunden auf dem Prüfstand müssten bei Carlsson zum Beispiel die Motoren ihre Qualität beweisen, bevor sie in den Handel kommen. Auch sein auf BMW spezialisierter Bruder Herbert von Hartge-Tunig in Beckingen verweist auf bis zu zwölfmonatige Entwicklungszeiten, bei denen so mancher Motor auf dem Prüfstand "verheizt" werde. Ebenfalls Dauergäste auf der Nordschleife des Nürburgrings sind die Testteams von Brabus oder AC Schnitzer, die ihre Neuheiten im simulierten Rennbetrieb auf Herz und Nieren prüfen.
Dennoch ist das Verhältnis zwischen Autoherstellern und Tunern gespannt. Zwar hat jedes Werk "Stammtuner" - aber offen ist man gegenüber den Veredlern nicht. Erst recht nicht, wenn sie wie Audi mit der Quattro GmbH, BMW mit der M GmbH und Mercedes mit AMG qualifizierte Sportstudios im eigenen Haus haben. Wenn tatsächlich etwas schief geht, steht im Zweifel nicht ein Fahrzeug vom Tuner "XY", sondern ein Audi am Straßenrand, sagt Audisprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt. Deshalb lege Audi den Tunern zwar keine Steine in den Weg. Aber Daten aus der Entwicklung würden nicht preisgegeben. Einzig die werkseigene Quattro GmbH sei von vorn herein in die Konstruktion mit einbezogen.
Ähnlich behandelt man das Thema bei BMW, wo man zunächst auf die M-Serien verweist. Die seien, so Sprecher Friedbert Holz in München, auf hohe Leistungen ausgelegt. Dort passen nicht nur Motor und Fahrwerk zusammen, selbst Bordcomputer und Verbrauchsanzeige kommen mit der neuen Antriebstechnik klar - Details, die bei vielen externen Tunern nicht berücksichtigt würden. Eine Ausnahme macht BMW bei Alpina, mit denen die Bayern schon lange zusammenarbeiten: Die Alpina-Techniker dürfen den BMW-Ingenieuren auch schon vor Verkaufsstart über die Schulter schauen.
Trotz des eingeschränkten Informationsflusses verblüffen manche Tuner immer wieder: Kaum ist das neue Serienmodell auf dem Markt, steht die getunte Sportversion bereit. Wie das gelingen kann, gehört zu den Geheimnissen der Branche. So rühmt man sich bei Brabus oder Carlsson sehr guter Kontakte zu Mercedes. Wo und wie diese Drähte verlaufen, verrät aber keiner.
Eine angeblich gern genutzte Quelle sind die großen Mietwagen-Unternehmen, die laut Audi-Sprecher Rügheimer bei begehrten Neuwagen natürlich bevorzugt beliefert werden. Wer sich dort früh einen Audi TT ausgeliehen hat, konnte den Wagen in aller Ruhe vermessen und kurz nach der Markteinführung mit Spoilern und anderem Zubehör aufwarteten. Weit verbreitet ist nach Angaben der Hartge-Brüder auch das "virtuelle Tuning", bei dem zum Verkaufsbeginn des Serienmodells lediglich ein retuschiertes Foto und ein paar Daten vorgelegt werden. Ob dann tatsächlich ein fertiges Tuning-Paket entsteht, machen viele Anbieter vom Echo auf ihre halbfertigen Prototypen abhängig.
Für den Kunden ist aber entscheidend, ob er seinen Wagen bei einem seriösen Tuner veredeln lässt. Denn mit dem Eingriff in die Technik erlischt die Gewährleistungspflicht des Herstellers. Zwar müsse BMW auch nach einem Motortuning weiterhin für einen defekten Scheibenwischer einstehen, sagt BMW-Sprecher Holz. Aber schon bei der Hinterachse könnte es zu ernstlichen Garantiediskussionen kommen - schließlich muss sie die gestiegene Antriebskraft auf die Straße bringen.
Außerdem sollte sich der Kunde beim Kauf eines getunten Wagens darüber klar sein, dass Reparaturen teurer und umständlicher werden könnten. Nicht immer kann die Vertragswerkstatt des Herstellers die neue Technik warten oder in Stand setzen, häufig müssen die Autos deshalb zum Tuner zurück.
Bei der Wahl des Veredlers hilft der Verband Deutscher Automobil Tuner (VDAT) in Düsseldorf. Das wichtigste Kriterium sei dabei das VDAT-Gütesiegel, sagt Geschäftsführer Michael Lauer. Das bekämen nur Tuner, die eine Qualitätssicherung nach der aktuellen ISO-Norm betreiben und ausschließlich TÜV-geprüfte Teile und Dienstleistungen anbieten. Ein weiteres Indiz sind Garantiezeiten. "Wer sich nur an das gesetzlich vorgeschriebene halbe Jahr hält, macht sich verdächtig," sagt Lauer. Denn beim Tuner solle der Kunde gegenüber dem Kauf beim Hersteller zumindest keinen Nachteil haben.
Thomas Geiger