Crashtest: Auch Motorrad-Airbag kann Leben retten - DER SPIEGEL
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Crashtest Auch Motorrad-Airbag kann Leben retten

Während Airbags im Auto schon längst zur Standardausrüstung zählen, sind sie an Zweirädern noch nicht zu sehen. Jetzt hat Honda den ersten Motorrad-Airbag in den Handel gebracht. Der Autoclub ADAC hat den Luxustourer Gold Wing mit und ohne Luftkissen im Crash getestet.
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München – Nicht nur in Autos können Airbags die Fahrer vor tödlichen Folgen eines Unfalls bewahren, sondern auch auf dem Motorrad. "Es ist die Geburtsstunde einer völlig neuen Entwicklung", sagte ADAC-Sprecher Maximilian Maurer bei der Präsentation der Ergebnisse eines Crashtests in München. Der Automobilclub hat in dem Test zwei Honda Gold Wing GL 1800 mit und ohne Airbag verglichen. Der japanische Hersteller hat seinen Luxustourer mit dem weltweit ersten im Handel erhältlichen Motorrad-Airbag ausgerüstet.

Bei dem Crashtest in seinem Technikzentrum im bayerischen Landsberg ließ der ADAC die Reisemotorräder mit 72 km/h gegen ein quer stehendes Auto prallen. Das Ergebnis bei der Maschine mit Airbag übertrifft laut den Testern sogar die Erwartungen in das Schutzsystem: Der sich vor dem Fahrer blitzschnell entfaltende großvolumige Airbag halte Kopf und Oberkörper des Dummys so effektiv zurück, dass ein direkter Kontakt dieser Körperteile mit dem Pkw nicht oder nur in geringem Maß stattfindet.

"Der Fahrer wird durch den Luftsack in seiner Vorwärtsbewegung so stark gebremst, dass der direkte Kontakt mit der Karosserie zwar nicht ausbleibt, aber doch stark abgemildert wird", erklärte der Sprecher. Die Werte seien vom Kopf bis zum Knie so niedrig, dass ein Motorradfahrer in diesem Bereich völlig unverletzt bliebe. Lediglich im Schienbeinbereich gebe es erhöhte Belastungen, die zu Brüchen führen würden.

Ohne Airbag: Genickbruch möglich

Im "krassen Gegensatz" dazu steht laut ADAC das Versuchsergebnis ohne Airbag: Der Dummykopf prallt ungebremst auf das gegnerische Fahrzeug. Die Belastungen im Kopfbereich lägen "weit über den zulässigen Grenzwerten und entsprechen tödlichen Verletzungen". Darüber hinaus werde während des Aufpralls der Nacken extrem weit überdehnt, so dass mit Genickbruch zu rechnen sei.

Das Versuchsmotorrad mit Airbag biete daher bei der gewählten Unfallkonstellation "ein bisher nicht erreichtes Sicherheitsniveau", lautet das Fazit der Tester. Es sei davon auszugehen, dass die Sicherheit auch bei spitzeren Aufprallwinkeln erhalten bleibt. Eine Verletzungsgefahr durch die Airbag-Zündung - wenn sich der Fahrer zum Beispiel direkt über das Modul beugt - besteht laut ADAC nicht.

Die Crash-Testsituation sei eine typische Aufprallsituation etwa bei Vorfahrtsverletzungen und gehört nach ADAC-Angaben zu den häufigsten und gefährlichsten Motorradunfällen. Mit der Einführung des Airbags könne zumindest bei einem Drittel der Unfälle von Motorrädern und Autos sowie Lastwagen das Verletzungsrisiko erheblich gesenkt werden, erklärte Maurer. Es wäre deshalb "aus der Sicht des ADAC wünschenswert, wenn auch andere Hersteller einzelne Modelle mit Airbag anböten", sagte er.

Kawasaki: "Motorrad-Airbags sind kein Thema"

Doch das ist vorerst nicht zu erwarten. Motorrad-Airbags seien zurzeit kein Thema, sagt etwa Kawasaki-Sprecher Andreas Seiler in Friedrichsdorf (Baden-Württemberg). Auch BMW in München will kein passives Schutzsystem anbieten. "Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass eine Serieneinführung derzeit nicht sinnvoll ist", heißt es. BMW wolle sich auf die Verbesserung der aktiven Sicherheit konzentrieren.

Achim Kuschefski, Leiter des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen, geht jedoch davon aus, dass es andere Firmen früher oder später Honda nachmachen werden: "Es wird mit Sicherheit weitere Entwicklungen geben. Wir sind gerade erst am Anfang." Es dürfte jedoch noch Jahre dauern, bis sich die Technologie etabliert hat - das sei bei der Airbag-Technik im Auto nicht anders gewesen.

Alexander Berg, Leiter der Dekra-Unfallforschung in Stuttgart, rechnet auch aus einem anderen Grund mit einer langsamen Entwicklung. So sei die Airbag-Technologie bei Motorrädern weitaus komplizierter umzusetzen als im Auto. Dort sitzen die Insassen meist in ähnlichen Positionen. Ein Motorradfahrer sitze jedoch mal mehr, mal weniger aufrecht auf seiner Maschine. Die Airbag-Entwickler müssten zum Beispiel ausschließen, dass ein vornüber gebeugter Fahrer vom Airbag "angeschossen" und vom Motorrad geworfen wird. Berg hält die Technologie daher vor allem bei Tourenmotorrädern für geeignet: "Man braucht Platz zwischen den Armen und eine aufrechte Sitzhaltung. Für Rennmaschinen wird es wahrscheinlich nie einen Airbag geben."

Rampe, die übers Autodach leitet

Ifz-Leiter Kuschefski verweist auf ähnliche Probleme bei den so genannten Naked Bikes ohne Verkleidung: "Ein Airbag entfaltet sich nur im oberen Bereich des Lenkers. Bei einem Crash würde sich der Fahrer unten regelrecht um den Lenker wickeln." Zudem müssten die Tanks vieler Motorräder anders konstruiert werden, damit sich der Airbag unterbringen lässt. Nicht alle Maschinen böten ähnlich gute Voraussetzungen wie der große Luxustourer von Honda. Möglicherweise ließen sich diese Probleme mit anderen Airbag-Konstruktionen umgehen.

Die Dekra hatte das bereits mit einem Airbag-Prototypen für kleine Motorräder versucht. Anders als beim Honda-System, das den Fahrer mit einem großen Luftkissen zurückhält, wählten die Unfallforscher laut Alexander Berg einen anderen Ansatz: Ein kleineres Luftkissen sollte beim Aufprall zwar auch möglichst viel Energie abbauen. Gleichzeitig sollte es aber wie eine Rampe dienen, über die der Fahrer über das Autodach geleitet wird. "Gewisse Belastungen haben Sie dabei zwar immer noch", sagt Berg. "Sie haben aber gute Chancen, das zu überleben." Schließlich wird damit vermieden, dass der Motorradfahrer mit dem Kopf gegen die verletzungskritische Dachkante prallt.

Neben dem Sicherheitsvorteil ziehen die Forscher aus den Airbag-Tests daher laut Berg auch folgende Erkenntnis: "Ein solches System ist nicht für jedes Motorrad das Maß aller Dinge. Daher tun sich die Hersteller auch so schwer, das in Serie zu bringen."

Airbag-Vorreiter Honda will die Technologie jedenfalls weiter verfolgen - mache die Vorgehensweise aber auch von der Marktakzeptanz abhängig, sagt Honda-Sprecherin Kerstin Martens in Offenbach. Damit dürfte es laut ifz-Leiter Kuschefski kein Problem geben: "Ich glaube schon, dass das angenommen wird. Wenn es auf dem Markt ist, dann wird es gekauft." Die Honda Gold Wing mit Airbag gibt es in den USA bereits seit Juli. In Europa soll das System auf Wunsch vom Herbst an zu haben sein.

Allein im vergangenen Jahr starben auf Deutschlands Straßen 875 Biker, das war ein Anstieg von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

abl/gms/AP

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