DaimlerChrysler: Banane im Heck - DER SPIEGEL
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DaimlerChrysler Banane im Heck

Rohstoffe der industriellen Gründerzeit erleben eine Wiederentdeckung im modernen Automobilbau: Kokosnuss aus fernen Ländern oder Hanf aus der Heimat. Auf den Philippinen engagiert sich DaimlerChrysler jetzt im Abaca-Anbau. Aus der Bananenpflanze werden besonders reißfeste Fasern gewonnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ob DaimlerChrysler, BMW, General Motors oder Volkswagen - nachwachsende Rohstoffe aus Schwellenländern oder von heimischer Scholle sind eine neue Herausforderung für die Konzernforschungen - und die PR-Strategen. Naturfasern wie Kokos, Sisal oder Ananas aus tropischen Ländern oder robuster Hanf und Flachs aus heimischem Anbau sind heute in den meisten Modellreihen zu finden, wenn auch im Vergleich zu den tonnenschweren Autos nur in winzig kleinen Anteilen.

DaimlerChrysler wirbt mit einem Dschungelbild und der Zeile: "Schau mal, da wächst ein Auto". Aus dem satten Grün von tropischen Bäumen und schlingenden Lianen, so die Botschaft des deutsch-amerikanischen Autokonzerns, sollen umweltfreundliche Automobile mit dem Stern gemacht werden.

Nach Projekten am Amazonas, in Südafrika und Indien eröffnete vergangene Woche der Umweltbevollmächtigte und Leiter der Forschungsdirektion Fahrzeugaufbau und Antrieb der DaimlerChrysler AG, Herbert Kohler ein "Abaca Verarbeitungszentrum" auf der philippinischen Insel Leyte. Abaca, schon bei den spanischen Kolonialherren des südostasiatischen Inselstaates als "Manila-Hanf" geschätzt, steht für die örtliche Textilbanane. Deren gerade gewachsene Staude enthält im Schaft die bis zu zwei Meter lange Faser.

Naturfaser-Bauteil im Außenbereich

Die Reißfestigkeit der nach dem Trocknen weißlich-gelben Langfaser ist um gut 80 Prozent höher als bei anderen Naturfasern. Daraus lassen sich auch anspruchsvollere Bauteile im Automobilbau fertigen, glauben die Ingenieure des Automobilkonzerns im Ulmer Forschungszentrum herausgefunden zu haben. Eingeschlossen in einem Kunststoff, der die Naturfasern vor Verrottung schützt, entwickelten die DaimlerChrysler-Forscher jetzt eine Abdeckung für die Ersatzradmulde im Coupé der A-Klasse. "Zum ersten Mal haben wir jetzt ein Bauteil im Außenbereich des Fahrzeugs aus Naturfasern", sagt DC-Sprecherin Karin Thiemann.

Die Bananenfaser habe eine besonders gute Ökobilanz gegenüber der bislang verwendeten synthetischen Glasfaser. "Bis zu 60 Prozent Energie" könne bei der Produktion eingespart werden. "Das ist ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz", urteilt Umweltbevollmächtigter Kohler.

Die philippinischen Partner sehen in dem Projekt eine Chance für ihre Landsleute: Projektleiterin Paciencia Milan, Professorin an der Leyte State University hofft, durch das Faserprojekt die eigenen Leute satt zu kriegen. Die massive Abholzung der ursprünglichen Wälder auf den Inselgruppen, mit einer Artenvielfalt nahezu wie im südamerikanische Galápagos, hat zu einer verheerenden Erosion der Böden geführt. Nahezu 95 der ursprünglichen Tropenwälder sind auf den Philippinen verschwunden. Die Folge: Bereits Anfang der neunziger Jahre starben rund 8000 Menschen in Erdlawinen, die von tropischen Regengüssen ausgelöst wurden. Das Paradies der smaragdgrünen Inseln im blauen Ozean ertrank in den braun-trüben Fluten der weggeschwemmten Erde.

Das Aufforstungsprojekt für den Automobilbau soll Abhilfe schaffen. In den neuartigen Nutzwäldern, die in Leyte bereits 1500 Hektar bedecken, soll auch die Daimler-Banane ihren Platz finden. In einem Art Stufen-Urwald können zudem weitere Nutzpflanzen von den Tropenbauern aufgezogen werden.

Kokosnuss in Kopfstützen

Auf der anderen Seite des Globus leben bereits über 5000 Menschen in der südamerikanischen Amazonas-Region von dem vergleichbaren, entwicklungspolitischen Faserprojekt "Poema - Programa Pobreza e Meio Ambiente na Amazônia". Zur Armutsbekämpfung und Umweltverbesserung hatte die Universität der Provinz Pará bereits 1992 den Automobilkonzern DaimlerChrysler als Partner gewonnen.

Rund eine halbe Million US-Dollar privater und staatlicher Mittel flossen seitdem in die südamerikanische Faserproduktion aus Kokosnüssen. In der Millionenstadt Belém an der Amazonasmündung entstand sogar eine kleine Fabrik für die neuartigen Produkte, die auch von anderen Automobilkonzernen wie Volkswagen do Brasil oder General Motors nachgefragt werden. Ob Kopfstützen für Trucks, Schallisolierungen, Unterbodenschutz oder Rückenpolsterungen für Fahrersitze - in die Autowerke im brasilianischen São Paulo ist längst ein Stück Urwald eingezogen.

Ähnliches passiert im südlichen Afrika. Dort wird aus den dornigen Blättern einer Agavenart die belastbare Sisalfaser gewonnen. In den Automobilfabriken von DaimlerChrysler Südafrika kommen die robusten Produkte ebenfalls zum Einsatz. Und wiederum im nordwestindischen Gujarat erprobt der Konzern die Herstellung neuartiger Diesel-Treibstoffe aus der sogenannten Brechnuss. Die besonders ölhaltigen Früchte der Jatropha-Planzen gelten als zukunftsträchtige Lieferanten eines umweltfreundlichen Kraftstoffes vom Acker. Insbesondere degradierte Flächen der weltweit wachsenden Wüstengebiete können mit der anspruchslosen Jatropha fruchtbar gemacht werden.

Für den Leiter Politik und Außenbeziehungen bei DaimlerChrysler, Michael Inacker, stehen die kontinentübergreifenden Ökoprojekte in einem "globalen Nachhaltigkeitsverbund". Gemessen am weltweiten Konzernumsatz von 140 Milliarden Euro handelt es sich allerdings noch um zarte Pflänzchen auf dem langen Weg zum "Green Car".

Abaca-Anbau als Chance für Bauern

Ganz ohne staatliche Hilfe solle es dabei aber auch auf den Philippinen nicht gehen. So finanziert die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in einer "Public Private Partnership" auch das asiatische Faserprojekt mit. Als wissenschaftlicher Partner betreut die Universität Hohenheim in Baden-Württemberg bereits seit fünf Jahren die Suche nach den optimalen Faserpflanzen. "Das sind echte Hochleistungsfasern", urteilt Projektleiter Werner Mühlbauer.

Sowohl die Sortenwahl, die Setzlingsbetreuung als auch die Pflanzengenetik entscheiden über den Ertrag der neuartigen Industriepflanzungen. Das "Rainforestation-Farming", so die Umweltstiftung Euronatur, bringt den Waldbauern zudem zusätzliche Einnahmequellen. Der philippinische Inselbewohner Marcario Romano besitzt beispielsweise neun Hektar Wald. Der muskulöse Mann steht trotz der Schufterei in seiner kleinen Plantage mit Kokospalmen vor einem existentiellen Problem. Denn die Böden in den Monokulturen verarmen und die schlanken Palmen, die in dem steten Seewind rascheln, werfen nicht mehr genug Früchte ab.

Auf einer Teilfläche hat Romano schon die fächerartigen Abaca-Stauden zwischen die Altbäume gesetzt. In der jetzt eröffneten Verarbeitungsstation für frisch geschlagene Abacafasern bekommt Romano eine für ihn lebensnotwendige Vergütung. Hinzu kommt der Anbau weiterer Nutzpflanzen wie dem Grundnahrungsmittel Maniok oder der für ihren ganz eigenen, stinkenden Geruch bekannten tropischen Großfrucht Durian.

Romano ist zufrieden. Er wird sich in seinem Leben zwar nie einen Wagen mit den Bananenfasern in der Radabdeckung leisten können. Aber der fruchtbare Nutzwald für die mobile Gesellschaft macht den philippinischen Wanderarbeiter ansässig. Ein eigenes Haus hat er sich am Rande seines Waldes schon gebaut. Von dort hat er jeden Tag den Dschungel vor Augen - dazu braucht er keine PR-Anzeige.