Interview mit VCD-Reifenexperte "270 km/h? Das ist absurd"
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Der Herbst ist da, die Straßen werden rutschig, überall hört man wieder: Autofahrer, steigt auf Winterreifen um! Erstens ist das teuer und zweitens ist das Wetter nicht überall so winterlich wie etwa in Bayern. Deswegen fahren viele Autobesitzer mit ihren herkömmlichen Reifen weiter. Ist das fahrlässig?
Gerd Lottsiepen: Nicht unbedingt. Selbstverständlich sollten alle auf Winterreifen umsteigen, die viel unterwegs sind, also täglich aufs Auto angewiesen sind und sich zudem in unterschiedlichen Regionen bewegen. Vor allem natürlich auch in Mittelgebirgsregionen, wo man Steigungen zu überwinden hat, kommt man ohne Winterreifen nicht voran. Wer allerdings im Flachland lebt und es sich leisten kann, bei kritischem Wetter mal ein, zwei Tage aufs Auto zu verzichten, kann auch auf Winterreifen verzichten.
SPIEGEL ONLINE: Also geht's auch mit Sommerreifen durch den Winter?
Lottsiepen: Die eindeutig bessere Wahl sind dann schon Ganzjahresreifen, wenn man sich für einen Reifen entscheidet. Es sei denn, man lässt wirklich bei jeder zweifelhaften Wettersituation das Auto stehen, dann muss man kein schlechtes Gewissen wegen der Reifen haben. Das bietet sich zum Beispiel bei Zweitwagen an.
SPIEGEL ONLINE: Bekommt man dann nicht Probleme mit der Versicherung, wenn es mal rummst? Laut einem Urteil soll derjenige, der im Winter mit Sommerreifen unterwegs ist, bei einem Unfall 20 Prozent des Schadens tragen, auch wenn er gar nicht Schuld war.
Lottsiepen: Definitiv nur, wenn man bei kritischem Wetter unterwegs ist, zum Beispiel bei Schnee. Wenn die Straße trocken ist, bekommt man auch mit der Versicherung keine Probleme.
SPIEGEL ONLINE: In Großstädten wie Hamburg oder Berlin hat man ja eher selten richtiges Winterwetter. Allerdings ist hier der Verkehr sehr dicht. Winterreifen oder nicht?
Lottsiepen: Wie gesagt, wer täglich unterwegs ist, sollte schon umrüsten. Allerdings muss ich auch sagen: Wer in Berlin wohnt und arbeitet, da spreche ich aus Erfahrung, kann jederzeit auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Das bietet sich sogar an, denn sobald das Wetter winterlich wird, steht man mit dem Auto ganz sicher im Stau. Außerdem muss man dann morgens auch nicht Eiskratzen, muss in kein furchtbar kaltes Auto einsteigen. Wer bei solchen Wetterlagen das Auto stehen lässt, hat eher noch einen Zugewinn an Komfort. Und man kann auf die Winterreifen verzichten. Das gilt zum Beispiel auch fürs Ruhrgebiet und für alle Ballungsgebiete mit einem guten öffentlichen Nahverkehr.
SPIEGEL ONLINE: Winterreifen werden ja tatsächlich immer sicherer. In der Reifenwerbung wird aber oft das Bild vermittelt, mit dem Modell XY könne man auf zugefrorenen Seen und im tiefen Schnee so sicher fahren wie auf Spaniens Küstenstraßen im Hochsommer. Wird einem da nicht etwas vorgegaukelt?
Lottsiepen: Das ist fatal, was da in mancher Werbung vermittelt wird, dass man mit den richtigen Reifen total sicher fahren könnte. Mit der Geschwindigkeit steigt das Risiko, unabhängig vom Reifen und unabhängig von der Wettersituation. Bei Nässe und bei Schnee schnell zu fahren, ist geradezu unverantwortlich, egal mit welchen Reifen. Aber natürlich bieten Winterreifen eine größere Sicherheit bei Schnee und Matsch, keine Frage.
SPIEGEL ONLINE: Schon im vergangenen Winter hat ein Hersteller einen Winterreifen in der Geschwindigkeitsklasse W auf den Markt gebracht. Mit dem "schnellsten Winterreifen der Welt", so die Werbung, solle man bis zu 270 km/h fahren können.
Lottsiepen: Das ist absolut absurd! 270 km/h ist schon bei trockener Straße im Sommer unverantwortlich. Und natürlich erst recht im Winter, wo man immer mit sich plötzlich ändernden Fahrbahnbedingungen rechnen muss. Da wird den Leuten eine Sicherheit vorgegaukelt, die sie gar nicht haben.
SPIEGEL ONLINE: Der Verkehrsclub Deutschland gibt jedes Jahr eine Ökoliste für Autos heraus, in der neue Fahrzeuge auf ihre Umweltverträglichkeit untersucht wurden. Gibt es so eine Einstufung auch für Reifen? Denn gerade mit Winterreifen steigt zum Beispiel der Spritverbrauch.
Lottsiepen: Das Umweltbundesamt hat jüngst eine Untersuchung veröffentlicht, die kann man auch im Internet abrufen, zur ökologischen Einstufung von Reifen. Daraus ist abzulesen, dass immer mehr Reifen die Qualitätsnormen für das Ökosiegel "Blauer Engel" erreichen. Natürlich haben Winterreifen schon durch ihre Konstruktion immer einen höheren Rollwiderstand und damit einen deutlich höheren Verbrauch, etwa einen halben Liter auf hundert Kilometer. Das lässt sich auch nicht groß ändern, das wird durch Gummimischung und Profil bestimmt.
Beim Lärm allerdings sind die Unterschiede mittlerweile weitgehend verschwunden, da ist viel passiert. Und natürlich hat die Sicherheit bei Reifen Vorrang vor dem Spritverbrauch. Wer bei jedem Wetter mit dem Auto fahren muss, der sollte auch Winterreifen aufziehen, gar keine Frage.
Das Gespräch führte Philip Wesselhöft.