Jubiläum: Alfa Romeo und Giulia - DER SPIEGEL
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Jubiläum Alfa Romeo und Giulia

An einem Mittwoch in Monza ist Julchen erwachsen geworden. An jenem 27. Juni 1962 präsentierte Alfa Romeo den Nachfolger des Erfolgsmodells Giulietta ("Julchen") - und das sollte fortan als Giulia ("Julia") die Herzen sportlicher Fahrer höher schlagen lassen.
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Dass der auf den ersten Blick eher gewöhnungsbedürftige Viertürer zu einer der großen Legenden der Autowelt werden würde, konnte vor 40 Jahren niemand ahnen. Doch Giulia ist unvergessen.

Im Grunde nahm Alfa Romeos Giulia jene Idee vorweg, mit der Volkswagen ein gutes Jahrzehnt später beim Golf GTI Erfolg hatte: die Verbindung eines kompakten, familientauglichen Autos mit sportlicher Kraft.

Giulia hatte Beeindruckendes zu bieten: Ein Auto, das bis zu sechs Personen Platz bot und dabei Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 160 Stundenkilometern erreichte, war am Anfang der sechziger Jahre eine Ausnahme. Giulia machte den wirklichen Sportwagen Konkurrenz und war zugleich in der Lage, brav die Familie zu transportieren.

Hinzu kam, dass die schroff wirkende Karosserie ein kleines Meisterwerk in Sachen Aerodynamik war. Schließlich hatte Alfa-Entwicklungsleiter Orazio Satta Puliga viel Aufwand betrieben, um die Windschlüpfrigkeit des Neuen zu optimieren. Dazu wurde der Wagen allerdings nicht in einen Windkanal gerollt - vielmehr behalf man sich mit Techniken, von denen manche heute geradezu vorsintflutlich wirkt.

So versah das Entwicklerteam identische Fahrgestelle mit unterschiedlichen Versuchskarosserien. Diese Testmobile wurden laut der Zeitschrift "Oldtimer Markt" auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt, danach sollten sie ohne Motorkraft weiter rollen. Die simple Logik der Aerodynamiker: Wer am weitesten rollt, der hat die windschnittigste Form. So entstand ein Design, das mit vielen Details den Luftwiderstand positiv beeinflusste. Die kleine Kante am Dachende oberhalb des Heckfensters hatte ebenso ihren Zweck wie das charakteristisch kantige Heck.

Als die 92 PS starke Giulia TI - die Abkürzung stand für "Tourismo Internazionale" - 1963 in Deutschland gerade bei den Händlern ankam, lud Alfa Romeo die Fachleute schon zur nächsten Premiere nach Monza. Diesmal wurde keine neue Baureihe präsentiert, vielmehr wollte Alfa zeigen, wie viel sportliches Potenzial in Giulia steckte: TI Super hieß das Auto, das fortan auf den Rennstrecken für Furore sorgte.

Nicht nur der auf 112 PS erstarkte Motor machte die Limousine dabei zum Rennwagen. Hinzu kamen Details wie hintere Seitenscheiben aus Plexiglas, Leichtmetallfelgen, ein Schalthebel auf dem Mitteltunnel statt am Lenkrad und Einzelsitze anstelle der vorderen Sitzbank.

In der Folge wurde die Baureihe durch immer neue Versionen ergänzt. So folgte ebenfalls 1963 ein Modell mit 1,3-Liter-Motor und 78 PS als Abrundung nach unten. Äußerlich war die "kleine" Giulia daran zu erkennen, dass statt der Doppelscheinwerfer einfache Leuchten im Grill saßen - das Doppelscheinwerfergrill wurde daraufhin zum beliebten Ersatzteil. Im Folgejahr wurde die Palette nach oben abgerundet, indem das Prinzip der 501 Mal gebauten Rennversion TI Super zum ebenso starken wie noblen Topmodell Super gewandelt wurde. Neben einem 98 PS starken Motor gab es dabei reichlichen Chromschmuck und größere Heckleuchten sowie Stoßstangen aus Edelstahl.

Inzwischen war die Giulia das, was von ihr erwartet wurde - ein Verkaufserfolg. Und das war auch nötig, schließlich stand das Modell auch für einen Wechsel in der Unternehmensgeschichte. Bis Ende der vierziger Jahre war Alfa Romeo alles andere als ein Massenproduzent gewesen und hatte vielmehr Kleinserien im Luxusbereich aufgelegt. Nach und nach aber wurden die Programme geändert und erschwingliche Fahrzeuge in größerer Zahl gebaut. Die Giulia sollte nun endgültig den Wandel zum Großserienhersteller vollenden - und das gelang ihr.

Allerdings schien Alfa Romeo das Wort Großserie in einer Beziehung missverstanden zu haben. Alfa baute nicht nur die Fahrzeuge in großer Zahl - auch die Menge der Modellbezeichnungen wuchs und wuchs, so dass heute wohl nur noch Eingeweihte wissen, was es in Sachen Giulia so alles gibt. So kam zur Giulia 1300 im Jahre 1966 noch die Giulia 1300 TI, die 82 statt 78 PS leistete. 1970 wiederum erschien eine Giulia Super 1300, die neben einer weiteren Leistungsspitze auf 89 PS nun auch das Doppelscheinwerfergrill bekam.

Umgekehrt wurde schon 1969 eine Giulia 1600 S als abgespeckte Ausführung der stärker motorisierten Giulias angeboten - die ursprüngliche Giulia TI war bereits 1967 komplett aus dem Angebot verschwunden.

Im Laufe der Wechselspielchen kam die Giulia langsam in die Jahre. Und wie es in der Autowelt so üblich ist, verpassten die Designer dem Wagen ein gründliches Facelift. Allerdings bügelten sie dabei nicht nur "Altersfalten", sondern auch Charakterzüge weg. Die fortan Nuova genannten Modelle verloren die bis dahin typische Einbuchtung im Heck, die Motorhaube zeigte sich merklich geglättet, und die Doppelscheinwerfer hatten nun nicht mehr verschiedene Größen.

Giulia-Enthusiasten sehen die Modernisierung bis heute eher als Rück- denn als Fortschritt. Doch es gab auch manche Verbesserung. Der Innenraum erschien aufgeräumter, und auch die Geräuschdämmung zeugte von den Fortschritten. Was sich aber nicht änderte, war die typische "Froschhaltung" der Fahrer, die immer noch mit abgewinkelten Beinen hinter dem Lenkrad saßen.

Und wie ein Schlag ins Gesicht erschien manchem sportlichen Fahrer ein Schritt, den Alfa während der Ölkrise vornahm. Ausgerechnet in die Limousine setzten sie 1976 einen Dieselmotor. Der mühte sich zwar, mit 55 PS rumorend das Auto ans Ziel zu bringen - doch mehr als 138 Stundenkilometer waren unmöglich.

Doch die Zeit der Giulia lief ohnehin langsam ab - 1978 beendete Romeo die Beziehung. Während die Marke in den folgenden Jahren in eine tiefe Krise rutschte, die schließlich zur Übernahme durch den Fiat-Konzern führte, kann sich die Giulia bis heute an einem Legendenstatus erfreuen, der keine Alterserscheinungen zeigt.

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