Luftdruck-Kontrollsysteme Wenn der Reifen SMS schickt
Zugegeben, die SMS-Warnung vom Pneu ist eine leicht exotische Lösung aus dem kühlen Norden. Doch elektronische Kontrollsysteme für den Reifenluftdruck gewinnen als Sicherheitsausstattung im Auto immer mehr an Bedeutung. Fahrwerk, Bremsen und deren elektronische Regelsysteme moderner Pkw haben die aktive Fahrsicherheit auf ein vor wenigen Jahren noch undenkbares Niveau gehoben. Auch der Reifen ist inzwischen zum Hightech-Produkt geworden. Trotz seiner zentralen Rolle als einzige Verbindung zwischen Fahrzeug und Fahrbahn wird er jedoch als sicherheitsrelevantes Bauteil am Fahrzeug viel zu wenig beachtet.
So verursachen allein in Deutschland Reifenschäden pro Jahr etwa 6000 Unfälle, von denen etwa die Hälfte einen schwerwiegenden Verlauf nimmt. Ursache eines Reifenplatzers ist dabei erheblich öfter der schleichende Luftverlust als das Eindringen spitzer Fremdkörper in Seitenwand oder Laufstreifen. Denn ein zu niedriger Luftdruck führt zu einer erhöhten Walkarbeit des Pneus und als Folge davon zu einer Überhitzung und Zerstörung des Reifens. Der häufigste Grund für schleichenden Luftverlust ist mangelhafte Wartung, sprich: zu seltene Kontrolle des Reifenluftdrucks.
Die Autoindustrie reagiert auf dieses Problem mit elektronischen Druckkontrollsystemen, die über Sensoren im Ventil permanent Druck und Temperatur jedes einzelnen Rades messen oder über das ABS- beziehungsweise ESP-Steuergerät abweichende Raddrehzahlen registrieren und den Fahrer im Cockpitdisplay vor dem schleichenden Luftverlust warnt. Waren solche Systeme ehemals nur als eine teure Option für Autos der Luxusklasse zu haben war, sind sie inzwischen immer öfter auch in der Bordausrüstung der unteren Klassen zu finden.
Vor allem Frankreichs Autohersteller (Renault, Peugeot, Citroën) tun sich mit der neuen Technik hervor und bieten die automatische Reifendruckkontrolle für ihre neuen Modelle serienmäßig an. Das Problem dabei: Die Franzosen haben sich mit speziellen Ersatzteilen und besonderen Geräten zur Reparatur und Wartung ihres Systems ein Monopol geschaffen. So sind die Kunden gezwungen, bei Problemen zum Vertragshändler zu fahren, selbst bei einer ganz normalen Ummontage oder beim Radwechsel.
Ein weiterer Nachteil im praktischen Betrieb: Weil die Position des Radsensors nicht verändert werden darf, ist der Wechsel der Räder von vorne nach hinten, um den gleichen Abrieb zu erhalten, laut Betriebserlaubnis ausgeschlossen. Am Ende hat der Kunde zwei Reifen mit gutem Profil und zwei Reifen mit schlechtem Profil.
Anders die Firma Beru aus Ludwigsburg, deren Luftdruck-Kontrollsystem von deutschen Herstellern wie BMW oder Audi als Option angeboten wird. Diese Radelektronik ist so konzipiert, dass sie in fast jede Felge eingebaut werden kann. Sie überwacht jedes Rad separat, indem sie im Inneren des Reifens in kurzen Abständen Druck und Temperatur misst und die Werte an ein Steuergerät schickt, das dann entscheidet, ob der Fahrer informiert werden muss. An vergleichbaren Systeme arbeiten auch andere deutsche Zulieferer wie Bosch, Siemens und Continental für die Erst- oder Zusatzausrüstung der großen Autohersteller.
Das große Geschäft mit dem Reifendruck winkt nämlich schon bald jenseits des großen Teichs. Die amerikanische Verkehrssicherheitsbehörde hat entschieden, dass vom 1. November 2003 an alle Neuwagen in den USA mit Systemen zur permanenten Reifendruckkontrolle ausgestattet sein müssen. Und das sind immerhin jährlich zwischen 16 Millionen und 17 Millionen Autos. Bis Oktober 2006 sollen dort zunächst zwei Messsysteme zugelassen werden, die von der Continental-Tochter Teves entwickelt wurden: ein indirektes System, das in Verbindung mit dem ABS anhand der Umdrehungsgeschwindigkeit der Reifen einen Druckverlust registriert. Diese Lösung soll preiswert, aber laut Continental auch weniger exakt sein und Druckabweichungen erst ab etwa 30 Prozent erkennen. Das Deflation Detection System (DDS) ist bereits am Markt und wird zum Beispiel im BMW M3 angeboten.
Wesentlich genauer als das rein auf Software basierende DDS dagegen soll das, mit dem Beru-Prinzip vergleichbare, Tire Pressure Monitoring System (TPMS) sein. Es besteht aus je einem Radmodul mit integriertem Druck- und Temperatursensor und misst Druckabweichungen in jedem einzelnen Rad bereits ab 0,1 bar. Welche Technik sich am Ende auch durchsetzen mag - wenn der größte Automobilmarkt der Welt von Staats wegen mit elektronischen Reifendruck-Kontrollen ausgestattet wird, so glauben Experten und so erwarten die Zulieferer, werden solche Systeme auch im alten Europa schon bald zur serienmäßigen Sicherheitsausrüstung gehören.