Manipulation Wenn der Tacho rückwärts zählt
Stuttgart - "Die Dunkelziffer in diesem Bereich ist hoch. Es ist jedoch davon auszugehen, dass bei etwa einem Drittel der Gebrauchtfahrzeuge mit elektronischem Tacho manipuliert wurde", sagt Jörg Ahlgrimm, Leiter der Verkehrsunfallanalyse bei der Sachverständigen-Organisation Dekra in Stuttgart.
Während einst bei den mechanischen Wegstreckenzählern das Zerbrechen von Siegeln sowie das mehr oder minder brutale Öffnen des Gehäuses Spuren hinterließ, ist die Sache heute oft schon mit dem Einstöpseln eines speziellen Gerätes erledigt.
Hinzu kommt, dass für derartige Verjüngungskuren verstärkt geworben wird. Mal wird schlicht ein "Tacho-Service" angeboten, mal mit "digitaler Kfz. Einstellung" geworben. Die Suchmaschinen im Internet listen bei der Eingabe entsprechender Kennwörter gleich massenhaft Anbieter auf. "Die Problematik ist größer geworden, seitdem Firmen ihre Dienste so offiziell anbieten", sagt ADAC-Techniker Hubert Paulus in München.
Möglich ist die Manipulation auf elektronischem Wege heute bei den meisten Marken und Modellen. Und die Kosten dafür lassen sich beim Verkauf leicht wieder herausholen. So werden die "Preise für eine Einstellung am Tacho" bisweilen je nach Modell erhoben; sie reichen von 80 Euro bei einem Opel Vectra bis zu 500 Euro bei einem Mercedes SL.
Rechtlich bewegen sich die Anbieter dabei nicht einmal im wirklich illegalen Bereich. "Jeder darf den Tachostand in seinem Auto so verändern, wie er will", sagt Jörg Ahlgrimm von der Dekra. Das gilt jedoch nur, so lange der Wagen im Eigentum des Halters bleibt. "Beim Verkauf muss der tatsächliche Kilometerstand des Fahrzeugs angegeben werden. Geschieht dies nicht, ist es strafbar.
Die Instrumenten-Hersteller sind sich des Problems bewusst. Daher werden vermehrt zusätzliche Sicherungen eingebaut, um Manipulateuren das Handwerk zumindest zu erschweren. "Es gibt verschiedene Abwehrstufen", sagt Johannes Winterhagen, Sprecher des Instrumenten-Hersteller Siemens VDO in Schwalbach/Taunus. So kann der Elektronik der Auftrag mit auf den Weg gegeben werden, derartige Eingriffe zu registrieren - damit sie im Zweifelsfalle beweisbar sind.
Als noch effektiver gilt die "elektronische Mehrfachspeicherung". Dabei hinterlegt die Elektronik die Kilometerzahl nicht nur in dem eigentlichen Messinstrument, vielmehr werden die Daten noch an anderen Plätzen versteckt - wie in der Motorelektronik oder auch im ABS-System. Die tatsächliche Laufleistung lässt sich auf diese Weise auch nach einer Manipulation jederzeit abrufen. Wo genau die Daten-Verstecke bei den jeweiligen Modellen liegen, wird aus gutem Grund geheim gehalten.
Solche Sicherheits-Maßnahmen gibt es derzeit noch vornehmlich bei sehr jungen Modellreihen oder aber in Oberklasse-Fahrzeugen. In der Regel gilt es für Gebrauchtwagenkäufer daher, mit offenen Augen und einer gesunden Portion Misstrauen ans Werk zu gehen - dann besteht zumindest eine Chance, Tricksern auf die Spur zu kommen.
Dekra-Experte Ahlgrimm empfiehlt, grundsätzlich den Kilometerstand mit dem Zustand des Wagens zu vergleichen. So kann der Allgemeinzustand ebenso wie der Zustand der Pedalgummis - besonders des Bremspedals - und Fußmatten einen ersten Eindruck liefern, ob Zahl und Zustand zueinander passen. Weitere Anhaltspunkte liefert laut Hubert Paulus das Scheckheft des Fahrzeugs - hier sind Inspektionen mit den jeweiligen Laufleistungen und den Terminen zu sehen. Erkennbar ist auch, ob die Intervalle sich womöglich auffällig verändert haben. "Wenn kein Scheckheft mehr vorhanden ist, können auch Reparaturrechnungen oder Belege der TÜV-Untersuchungen aufschlussreich sein", sagt Paulus.
Findige Betrüger dürften sich jedoch auch von derartigen Ratschlägen schwerlich aus der Fassung bringen lassen. Denn: "Gefälschte Scheckhefte gibt es auch", so Paulus. Allerdings werde der durchschnittliche Gebrauchtwagenkäufer solchen Dokumenten kaum begegnen: "Diese Fälschungen sind sehr teuer und werden daher auch nur für Hochpreisautos genutzt."