Oldtimer-Reifen Schwarze Raritäten
Wulstreifen oder Drahtreifen, Diagonal-, Gürtel- oder Weißwandreifen, mit Schlauch oder schlauchlos? Auf Clinch-Felge, Felge mit Sprengring oder Tiefbettfelge? In welcher Größe und in welcher Maßeinheit, Millimeter oder Zoll? Über diese Fragen denkt man normalerweise beim Anblick eines klassischen Automobils nicht nach. Da steht die Eleganz der Karosserie im Vordergrund, das Schwelgen in Erinnerungen. Doch sobald sich der Oldie in Bewegung setzt, treten die Reifen in Aktion - und damit werden die eingangs angedeuteten Fragen relevant.
"Cadillac Fleetwood" (Baujahr 1930) mit Weißwandreifen: Weißwandreifen kamen in den Fünfzigern groß in Mode, und nahezu sämtliche US-Fabrikate aus dieser Zeit trugen die eleganten Pneus
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Citroen DS: Eleganz auf pechschwarzen Diagonalreifen anno 1955
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Rolls-Royce Murphy aus dem Jahr 1933: Das Unikat hat einen Wert von rund 250.000 Euro
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Die Antworten darauf fällt Laien oft schwer. Denn in der inzwischen mehr als 110-jährigen Geschichte des Automobils gibt eine kaum zu überblickende Vielfalt an Rädern und damit an Felgen-Reifen-Kombinationen. Lediglich für Fahrzeuge, die nach 1980 gebaut worden, ist die Versorgung mit Reifen problemlos gewährleistet. "Für frühere Baujahre wird es schon etwas schwieriger", sagt Valentin Schaal, Geschäftsführer der Münchner Oldtimer Reifen GmbH, die als erste Adresse für klassische Automobilreifen in Deutschland gilt.
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Schaal gründete das Unternehmen in Otterfing bei München vor 20 Jahren und kann nach eigenen Angaben "praktisch jeden Reifen für Autos ab dem Jahre 1888 liefern". Rund 9000 Pneus liegen bei ihm auf Lager, etwa 20.000 Oldie-Reifen verkauft er pro Jahr. Oft jedoch brauchen die Kunden mehr als nur das schwarze Gummi. "Reifen und Felgen gehören zusammen wie Weißwurst und Brez'n", sagt Schaal. Deshalb kommt es bei schwierigen Fällen häufig vor, dass die Kunden ihm den Fahrzeugsschein des Oldtimers schicken und Schaal und sein Team dann Rad, Reifen und die nötigen TÜV-Freigaben besorgen.
Während neue Reifen für sehr alte Fahrzeuge - etwa Vollgummireifen für ausgesuchte Auto-Raritäten - aufwendig in Handarbeit hergestellt werden müssen und entsprechend teuer sind, haben einige Reifenhersteller spezielle Oldie-Serien ins Programm genommen. Fulda zum Beispiel bietet drei Reifen-Baureihen für Oldtimer an, und auch Michelin hat etliche Klassik-Pneus im Angebot. Die Betreuung der Oldie-Kundschaft in Deutschland und Österreich hat die französische Marke übrigens Schaal übertragen.
Am auffälligsten sind Oldie-Reifen dann, wenn sie eine weiße Flanke besitzen. Die sogenannten Weißwandreifen kamen in den Fünfzigern groß in Mode, und nahezu sämtliche US-Fabrikate aus dieser Zeit trugen die eleganten Pneus. Allerings veränderte sich die Breite im Lauf der Jahre von "White Walls" bis hin zu "Pin-Strips" - der weiße Zierring wurde immer dünner, bis er Anfang der Siebziger ganz verschwand. Wie teuer es ist, ein altes Auto mit neuen, aber nach alter Sitte gestalteten Reifen auszustatten, hängt stark von Modell, Größe, Baujahr und der Verfügbarkeit ab. Wer beispielsweise einen VW Käfer, der vor 1960 gebaut wurde, neu bereifen lassen möchte, zahlt für einen schwarzen Diagonalreifen rund 60 Euro. Feine Reifen mit Weißwand für dasselbe Auto kosten pro Stück dagegen 140 Euro.
Dennoch ist das Geld für die korrekte Bereifung eines älteren Fahrzeugs sinnvoll angelegt. Denn vermeintlich günstige Verlegenheitslösungen können sich bei einem Schlauchplatzer in der Kurve oder einem "wandernden" Reifen auf der Felge buchstäblich in Sekundenbruchteilen als krasser Fehlgriff erweisen. Mit erheblichen Folgen, wenn der feine Oldtimer im Straßengraben liegt. "Reifen sind ein Sicherheitsfaktor, deshalb sollten gerade Oldtimer-Besitzer nicht ausgerechnet an dieser Stelle mit dem Sparen anfangen", sagt Schaal.
Er selbst entdeckte die Nische Oldtimer-Reifen übrigens aus Verlegenheit. Denn als er von seinem Vater einen MG NA von 1934 als Examensgeschenk bekam, suchte der gelernte Vulkaniseurmeister und frisch diplomierte Wirtschaftsingenieur händeringend nach den passenden Pneus auf die hübschen 19-Zoll-Speichenräder. Aus dieser Odyssee entstand eine Geschäftsidee. Denn MG-Oldie fährt Schaal heute immer noch. Und außerdem einen Porsche 356 aus dem Jahr 1963. Die korrekten Reifen zu finden, ist jetzt kein Problem mehr.