Online-Handel Winterreifenkauf mit Avatar
Bonn/Hannover - Autofahren wird immer teurer - da nutzen viele Verbraucher alle erdenklichen Sparmöglichkeiten. Um die Kosten im Griff zu behalten, tanken sie bei freien Tankstellen, achten auf eine Sprit sparende Fahrweise und kaufen Zubehör statt im teuren Fachhandel bei billigeren Internetanbietern. Zum Beispiel auch Winterreifen, die zunehmend online vertrieben werden. Experten sehen diese Entwicklung mit Sorge: Sie stellen die Qualität mancher "Online-Reifen" in Frage und befürchten Nachteile bei der Beratung.
So zweifelt etwa die Initiative Pro Winterreifen in Bonn an der Seriosität mancher Online-Reifenanbieter. Oft handele es sich bei den von ihnen beworbenen Schnäppchen um "veraltete Billigware" - also um Reifen, deren Herstellungsdatum bereits einige Jahre zurück liegt und die nun über das Internet "verramscht" würden. Nach Expertenmeinung sollten Reifen aus Sicherheitsgründen aber nicht älter als zehn Jahre sein. Außerdem erhielten Kunden, die online einen Satz Winterreifen bestellen, nicht immer vier einheitliche Fabrikate, was sich nachteilig auf die Fahrsicherheit bei Eis und Schnee auswirkt.
Beim Kauf von Winterreifen sollte daher nach Ansicht der Initiative nicht nur der günstige Preis, sondern vor allem Qualität und Sicherheit entscheiden: "Das Billigste ist nicht immer das Empfehlenswerteste." Dazu kommt, dass Online-Käufer von Winterreifen kaum Kontrollmöglichkeiten haben. So könnten sie die Pneus vorher nicht selbst in Augenschein nehmen, um beispielsweise anhand der so genannten DOT-Nummer das Herstellungsdatum zu überprüfen.
Teurer Service bei mitgebrachten Reifen
"Die Vorbehalte sind durchaus berechtigt", stimmt Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart zu. Zwar seien nicht alle Online-Anbieter von zweifelhaftem Ruf, bei einigen bestehe aber durchaus das Risiko, veraltete Ware angedreht zu bekommen.
Auch bei seriösen Anbietern sieht der ACE-Sprecher Nachteile gegenüber dem Reifenkauf beim Händler vor Ort: Wer etwa die online gekauften Winterräder nicht selbst montieren oder die ohne Felgen gelieferten Reifen aufziehen kann, müsse dafür schließlich doch noch die Dienste einer Werkstatt in Anspruch nehmen. "Der Preis dafür dürfte nicht attraktiv sein", gibt Hillgärtner zu bedenken.
So werde für einzelne Serviceleistungen wie Reifen aufziehen, Auswuchten oder Rädermontage in der Regel mehr berechnet als dafür fällig würde, wenn Reifen und Serviceleistungen beim Händler im Gesamtpaket gekauft werden. Unter diesen Umständen könne sich manches Online-Schnäppchen schon nicht mehr rechnen.
Ein weiteres Problem beim Online-Kauf betrifft die Möglichkeiten der Beratung, worauf Bert Korporal vom TÜV Nord in Hannover hinweist. Viele Autofahrer wüssten gar nicht genau, welche Reifentypen für ihr Fahrzeug erlaubt sind - geschweige denn, was sich hinter den Nummern- und Buchstabenkürzeln für Reifengröße, Geschwindigkeitsklassifikation und Herstellungsdatum verbirgt. In diesem Fall sei eine individuelle Beratung durch einen Fachmann angebracht, sagt der Sachverständige.
Reifensuche per Avatar
Dessen ist man sich zumindest beim Online-Anbieter Reifen.com in Hannover bewusst: "Günstig zu verkaufen, ist das eine - aber der Service darf dabei nicht leiden", sagt Geschäftsführer Olaf Sockel. Auch als Online-Händler müsse man eine gute Beratung bieten. Reifen.com setzt daher auf seinen Webseiten einen virtuellen Berater, einen so genannten Avatar, ein. Er beantwortet Fragen der Kunden und führt sie durch den Shop und seinen Reifenkonfigurator.
In der Datenbank des Konfigurators sind laut Sockel nahezu alle gängigen Fahrzeuge mit den für sie zulässigen Rad-Reifenkombinationen verzeichnet. Ist der passende Reifen gefunden, kann er per Mausklick bestellt werden - die Lieferung erfolgt an die Wunschadresse. Alternativ können sich Online-Kunden laut Sockel auch per Live-Chat oder Telefonhotline an reale Mitarbeiter eines Info-Centers wenden.
Weil Laien oft Verständnisprobleme mit den Reifenbezeichnungen haben, hält TÜV-Experte Korporal mehr von einem solchen "direkten Dialog": "Da sind Nachfragen eher möglich." Olaf Sockel von Reifen.com räumt ein, dass für den Online-Kauf eine gewisse Affinität zum Internet vorhanden sein sollte. Bei Bedenken könnten sich Kunden aber auch an eine der bundesweit 29 Filialen des Unternehmens wenden.
Entscheidung mit Hilfe von Testberichten
Die Qualität der ausgelieferten Reifen werde zumindest bei Reifen.com ständig überprüft. "Mit der Sicherheit der Autofahrer sollte man keine Spielchen treiben", sagt Sockel. Er weist darauf hin, dass Kunden nach dem Fernabsatzgesetz beim Online-Handel grundsätzlich ein Rückgaberecht für die bestellten Waren haben. Reklamationen dieser Art gingen bei Reifen.com aber "gegen Null".
Ob Winterreifen nun online oder offline gekauft werden - Verbraucher sollten sich laut TÜV-Experte Korporal vorher darüber informieren, welche Reifenfabrikate für ihr Auto in Frage kommen und welche gute oder schlechte Eigenschaften besitzen. Dazu eigneten sich unter anderem unabhängige Testberichte. Auf keinen Fall sollten sie "die Katze im Sack kaufen, nur weil ein Angebot günstig erscheint."
Von Felix Rehwald, gms