Reifen-Tester: Feierabend mit Lapin Kulta - DER SPIEGEL
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Reifen-Tester Feierabend mit Lapin Kulta

In Stellenausschreibungen ist davon nicht die Rede, dennoch gehört es zu den unabdingbaren Voraussetzungen für einen Entwicklungsingenieur in der Reifenindustrie: Er muss die Kälte lieben. Denn Winterreifen werden dort erprobt, wo gerade Winter herrscht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwischen Dezember und März trifft das ganz besonders auf Ivalo in Finnland zu. Der 4000-Einwohner-Ort liegt rund 300 Kilometer nördlich des Polarkreises und rühmt sich, das weltweit nördlichste Testgebiet zu sein. Das Unternehmen "Testworld", das drei große Testgelände in der Gegend betreibt, zählt vor allem Reifenhersteller zu seinen Kunden.

Die Bedingungen sind ideal: Es gibt einen Flugplatz mit mehreren täglichen Verbindungen nach Helsinki, die Temperaturen liegen in der Regel konstant um minus 20 Grad Celsius, und die Gegend ist weitgehend menschenleer. "Testgelände befinden sich meist dort, wo nicht so viele Leute hinwollen", sagt Michelin-Sprecher Jan Hennen. Logisch, denn den Unternehmen liegt viel daran, dass die Test- und Entwicklungsingenieure unbeobachtet arbeiten können.

Am Feierabend, wenn sie Testtrupps der konkurrierenden Hersteller in den Hotels, Restaurants und Kneipen zusammentreffen, gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Es wird über alles gesprochen, nur nicht über den aktuellen Job. Die Geschäftsleute von Ivalo haben sich längst auf Wintergäste der Reifenindustrie eingestellt. "Viele verbringen ihre Freizeit im Holiday Club des Skigebiets Saariselkä", sagt Susan Vuoriario von Testworld. Skifahren, Schwimmen, Hallentennis oder Schneebob-Safaris sind im Angebot - "und Lapin Kulta, das typische Bier in dieser Gegend", sagt Frau Vuoriario. 3,80 Euro kostet ein 0,4-Liter-Glas.

Doch allzu viel Freizeit bleibt den Testgästen ohnehin nicht. Die - meist dunklen - Tage sind verplant mit Vergleichsfahren, Montagearbeiten und dem Auswerten der Testergebnisse. "Manchmal", sagt ein Michelin-Mann, "fällt einem schon die Decke auf den Kopf. Aber wenn die Truppe zusammenpasst, macht die Arbeit richtig Spaß." Zumindest arbeiten die Tester in Nordskandinavien im gewohnten Rhythmus. Bei Wintertests in den Alpen dagegen wird stets nachts gearbeitet, weil nur dann über mehrere Stunden konstante Schneeverhältnisse herrschen, die für brauchbare Messergebnisse unerlässlich sind.

Neben Ivalo gilt vor allem das schwedische Arjeplog als Testmetropole der Auto- und Reifenfirmen. Die dünn besiedeltste Gemeinde Schwedens rühmt sich, "der kälteste und verschwiegendste Ort auf Erden" zu sein, auf einer Fläche so groß wie Holland leben 3300 Menschen. Arjeplog selbst zählt 1800 Einwohner, die unter anderem zehn Hotels und Pensionen, fünf Restaurants, drei Autovermietungen und drei Tankstellen betreiben. Das Geschäft brummt: Dank der Testgäste hat Arjeplog den höchsten Benzinverbrauch pro Kopf in ganz Schweden. Diverse Firmen mit Namen wie "Icemakers" oder "Cartest" kümmern sich um die Präparierung von Teststrecken, die Verpflegung der weit verstreut arbeitenden Testcrews oder die Wartung der Fahrzeuge.

Der sehr spezielle Wirtschaftszweig schlug 1973 erste Wurzeln in Arjeplog. Ein paar Leute von Opel waren damals vor Ort, und ihnen fiel die Landepiste auf dem Hornavan See auf, die sich die Piloten David Sundström, Per-Axel Andersson und Per Dahlberg freigeschoben hatten. Ob man da mal die Bremsen ausprobieren dürfe, fragten die Gäste. Die Flieger nickten. Die Karriere Arjeplogs als Test-Standort hatte begonnen.

Heute kommen pro Saison rund tausend Reifen- und Autotester. Extra für sie erscheint - ausschließlich von Anfang Dezember bis Ende März - die Wochenzeitung "Arjeplog Times" in englischer Sprache. Und in der Schule von Arjeplog wird das ungewöhnliche Fach "Automobil-Technik" unterrichtet.

Außer dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt, haben die Testteams in Arjeplog eigentlich nur eine Sorge: dass plötzlich ein Elch vor dem Auto auftaucht. Die Region ist bekannt für ihren Wildreichtum. Dies spätestens seit dem Fotografen Johan Fjellstrom vor 15 Jahren eine Belichtung gelang, die 36 Elche auf einem Bild zeigt. Das Foto entstand nur ein paar Kilometer außerhalb von Arjeplog - und gilt bis heute als Weltrekord.