Reifendesign Blaue Bremsspur
Seit der Erfindung des Gummis sind Autos auf runden, schwarzen Reifen unterwegs, Dunlop sei Dank. Der irische Tierarzt John Boyd Dunlop hatte 1887 den ersten Gummischlauchreifen erfunden, für das Dreirad seines Sohnes. Und auch das war nur möglich, weil 50 Jahre zuvor im Hause des amerikanischen Erfinders Charles Goodyear ein mit Schwefel versetzter Kautschukklumpen aus Versehen auf eine heiße Herdplatte gefallen war. Das Gemisch verbrannte nicht, sondern wurde vielmehr elastisch und weich, eben zu Gummi. Das damals zufällig entdeckte Verfahren der Vulkanisierung wird bis heute in der Gummiindustrie angewandt.
Damit die Reifen beim Bremsen nicht bröseln wie Radiergummis, wird dem Gummi ein bindender Füllstoff zugesetzt, der das Material geschmeidig und straßentauglich macht. Früher wurde dafür Ruß benutzt - deswegen waren Reifen immer schwarz. Heute nehmen die Köche der Reifengummiküchen lieber Silica, farblose Kieselsäure. Also könnten Autoreifen theoretisch auch bunt sein, dem Gummi müssten nur entsprechende Farbstoffe beigemischt werden. Doch irgendwie will sich die Idee von ferrariroten oder himmelblauen Pneus nicht so recht durchsetzen.
Michelin hatte es vor etwa zehn Jahren versucht und grüne wie blaue Reifen auf den Markt gebracht. Doch niemand wollte mit den bunten Rundlingen auf der Straße gesehen werden, der französische Hersteller kassierte die gewagten Designerreifen wieder ein. "Das war ein Flop", gibt Michelin-Sprecher Thomas Becki zu. "Dafür gibt es einfach keinen Markt". Als Grund wird bei Michelin vermutet, dass die farbigen Reifen zu schnell abgenutzt und alt aussahen. "Im Neuzustand wirken bunte Reifen sexy, nach den ersten tausend Kilometern nicht mehr unbedingt", so Becki.
Ähnliche Erfahrungen hat man bei Nokian gemacht. Der finnische Reifenhersteller experimentiert zwar eifrig mit Farben, doch bislang konnte sich kein bunter Pneu im Langzeittest bewähren. "Ein bißchen Pinseln reicht halt nicht", sagt Nokian-Sprecher Falk Köhler. "Es ist schon eine Kunst, einen Reifen auch nach 50.000 Kilometern noch knallrot aussehen zu lassen." Die komplette Lauffläche und die Seiten müssten so durchgefärbt werden, dass auch der natürliche Abrieb dem Outfit nichts anhaben kann. Und das ist technisch noch nicht hundertprozentig zu schaffen. Deshalb bringt Nokian erst einmal vorsichtig Farbe ins Spiel. Der neue Highspeedreifen Nokian Z, der für Geschwindigkeiten bis zu 270 km/h ausgelegt ist, rollt jetzt mit zwei Silberstreifen an den Start, die in die Profillinien gelegt wurden. "Das passt gut zur schicken Alufelge", freut sich Falk Köhler. Und hält auch bei aberwitzigen Geschwindigkeiten.
Beim Profil wird schon länger aufs Aussehen geachtet. Vredestein brachte vor zwei Jahren einen vom italienischen Starautodesigner Giugiaro entworfenen Designerreifen auf den Markt. Wie Adern eines Blattes schlängeln sich die Rillen des Ultrac durchs Gummi. Das Design-Profil hat nichts mehr gemein mit dem üblichen Muster-Mix aus Längs-, Quer- und Zickzackrillen. "Geschmeidig und aggressiv" sollte die Linienführung sein, eben "Bio-Design", wie Giugiaros Reifendesigner Nicola Guelfo das exzentrische Muster nennt.
Fast alle großen Hersteller bieten mittlerweile Produkte mit besonders eigenwilligen Profilen an. Das Hannoveraner Unternehmen Continental zum Beispiel hat ein eigenes Design-Labor eingerichtet, um den neuen Generationen der Gummi-Pneus ein markanteres Gesicht zu verleihen. Chefentwickler Peter Bogenschütz, Leiter der Abteilung "Product Styling", weiß, dass Reifen mehr bringen müssen als Autos zum Beispiel sicher durchs Aquaplaning zu manövrieren: "Der Markt ist für viele Endverbraucher unübersichtlich", erklärt der Continental-Experte. Also wird am Design gefeilt: "Qualitätsanmutung und optische Wirkung spielen eine immer größere Rolle", sagt Bogenschütz. Neben allen technischen Rahmenbedingungen gebe es einen "großen Gestaltungsspielraum für Designer". Vor allem beim Profil.
Und bei der Farbe? Erst vor kurzem versuchte sich Michelin ein zweites Mal an bunten Reifen. Diesmal allerdings ausschließlich auf dem amerikanischen Markt, und auch nicht mit komplett durchgefärbten Reifen. Die neuen Pneus hatten lediglich dezente, bunte Streifen auf der Lauffläche, doch auch das zog nicht beim Endverbraucher. "Die Farbe der Reifen ist offenbar kein wichtiges Differenzierungskriterium für Autofahrer", zieht Thomas Becki von Michelin ein Fazit aus dem Pilotprojekt. Obwohl einige Fahrer die Designbemühungen der Franzosen durchaus zu schätzen wussten. Gangmitglieder aus Los Angeles zogen sich reihenweise die bunten Streifenreifen auf ihre Schlitten, um so offenbar ihr Terrain zu markieren und ihre Gangzugehörigkeit zu demonstrieren. Das wiederum rief den Bürgermeister von Los Angeles auf den Plan, die Reifen wurden letztlich wieder vom Markt genommen.
Aus diesen Erfahrungen hat man bei Michelin gelernt. Jetzt wird über die Tochtergesellschaft Michelin Lifestyle ein Reifenreinigungsmittel vertrieben, mit dem das Gummi der herkömmlichen Reifen schön glänzend und vor allem schön schwarz bleibt. Das Pflegeset "Tire Care", so ist zu hören, verkaufe sich vorzüglich.