Reifentest: "Hören Sie das Flattern?" - DER SPIEGEL
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Reifentest "Hören Sie das Flattern?"

Sie fahren wie Michael Schumacher, sie hören wie Indianer, und sie fachsimpeln wie Weinexperten – Reifentester können mehr als Gasgeben und Vollbremsen. SPIEGEL ONLINE saß beim geheimen Winterreifentest des ADAC auf dem Beifahrersitz.
Von Philip Wesselhöft
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Werner Heinzel blickt stur geradeaus. Vollgas, Abbremsen, Rechtskurve, Vollgas, Spurwechsel, Abbremsen. Seit einer halben Stunde geht das so. Ungerührt kurvt der 56-jährige Reifentester des ADAC über eine 1,9 Kilometer lange Asphaltstrecke. Wie ein programmierter Rennwagen auf der Carrerabahn dreht der Audi A4 Avant seine Runden, im immer gleichen Rhythmus, mit Rundenzeiten, die nur um ein, zwei Zehntel von einander abweichen. Dabei aber erzählt Werner Heinzel locker von seiner mittlerweile 30-jährigen Karriere beim ADAC, in der er vom Gelben Engel zum gefragten Testpiloten wurde. Vom Wetter in der Heide, wo ein niedersächsischer Landregen mal eben eine ganze Testreihe auf Tage aufschieben kann. Und vom Mittagessen, das schon im Fahrerlager wartet: Es gibt Schweinebraten. Dabei bemüht sich der Journalist auf dem Beifahrersitz, das Frühstück bei sich zu halten. So ein Vormittag auf dem Testgelände, das ist mal klar, verlangt einen stabilen Magen.

Im Norden von Hannover, am Rande des Dorfes Jeversen, liegt das Contidrom, eine der größten Autoversuchsstrecken Europas. Automobil- und Reifenhersteller testen hier ihre geheimen Prototypen. Jeden April aber ist der ADAC zu Gast und prüft die Winterreifen der kommenden Saison. In großen Montagehallen lagern dann Hunderte Reifen - anonym, nur durch Kürzel kenntlich gemacht, die ein Außenstehender keiner Marke zuordnen könnte. Aber Außenstehende kommen hier so gut wie nicht hinein, die Tests des Automobilclubs sind fast so geheim wie die Versuchsreihen eines neuen Pkw-Modells. Zu groß ist die Gefahr, dass Testergebnisse vor Ende September an die Öffentlichkeit dringen, vor der offiziellen Bekanntgabe, wer durch das Reifenexamen gefallen ist und wer mit Bravour bestanden hat.

Die Reifen werden aber auch aus anderem Grund unkenntlich gemacht, nur wenige im Testteam kennen die Zuordnung. Die Testpiloten selbst sollen gar nicht wissen, mit welchem Modell sie da gerade auf dem 3,8 Kilometer langen Asphalt-Oval durch die Steilkurven jagen. Oder auf dem kleinen Handlingkurs, wo Werner Heinzel die Reifen auf Traktionsverhalten und Spurtreue bei Kurvenfahrten prüft. "Reifentesten ist eine ganz sensible, komplexe Sache", sagt Michael Müller, der ADAC-Cheftester in Sachen Reifen. "Unsere Fahrer müssen tagelang am oberen Limit fahren, ohne dass sich das in den Testergebnissen negativ niederschlägt." Viele haben Rennsporterfahrungen und gelernt, über längere Zeiträume konstant auf hohem Niveau zu fahren. Nur so werden Zeiten gewonnen, die sich miteinander vergleichen lassen und unterm Strich objektive Testergebnisse erzeugen. Deswegen sind gute Testpiloten in der Branche so gefragt wie in der Formel 1. Nur dass das Jobprofil hier fast noch anspruchsvoller ist als in den Rennställen von Ferrari, McLaren Mercedes oder BAR Honda.

Zumindest ist der Job vielseitiger. Neben dem Testprogramm in der niedersächsischen Tiefebene müssen die Piloten auch auf einem Schweizer Gletscher im Engadin Bremstests auf festgefahrenem Neuschnee und Traktionstests am Tiefschneehang absolvieren. Im Sommer dann geht's mit den Reifen aufs blanke Eis - im Eisportzentrum Grefrath nördlich von Mönchengladbach werden in der Halle des Eishockeyclubs Grefrath Panthers Schlidderübungen bei extrem glatter Fahrbahn durchgeführt. Beim Verschleißtest dann fahren vier Fahrzeuge im Konvoi 10.000 Kilometer quer durch Deutschland und Frankreich, alle 2000 Kilometer wird die Profiltiefe gemessen. Auf dem Nürburgring schließlich wird das Handling bei hohen Geschwindigkeiten und in extremen Kurven geprüft. Hier ist die Kunst gefragt, über Tage dieselben Kurven immer exakt gleich anzusteuern und so verwertbare Vergleichsergebnisse herauszufahren.

Am umfangreichsten aber sind die Testreihen im Contidrom: Trockener und vom Regen nasser Asphalt sind im Herbst und Winter doch die beiden üblichen Straßenverhältnisse. Und beides bietet das Testgelände in Hannover, wo die Fahrbahnen kilometerweise künstlich beregnet werden können. Außerdem werden die Reifen hier auf Komfort und Abrollverhalten geprüft - eine Disziplin, die vor allem das geschulte Gehör eines Chefdirigenten oder Apachenhäuptlings verlangt.

Wilhelm Jäger ist so ein feinfühliger Reifentester. Der 49-Jährige brettert seit einer Stunde abwechselnd mit 60 und 80 km/h über eine Reihe von Gullis. Der so genannte Kanaldeckeltest, der die Stoßdämpferqualitäten und auch die Lärmentwicklung der Reifen untersucht, sei eine "sehr schwere Disziplin", sagt Jäger. Es gelte, das "subjektives Empfinden in objektive Testergebnisse zu verwandeln, man will dem Reifen ja gerecht werden". Dafür verbringt der Testpilot viele Wochen des Jahres im Auto und kurvt durch die verschiedensten Testprogramme. Das sensibilisiert für feinste Nuancen im Fahrgeräusch: "Hören Sie das leichte Nachvibrieren? Dieses Flattern?"

Im Kollegenkreis diskutieren die ADAC-Piloten manchmal stundenlang über so ein kaum noch wahrnehmbares Geräusch. Wer den Reifentestern zuhört, fühlt sich an ein Treffen von Weingourmets erinnert. Da wird analysiert, ob der Reifen bei schneller Fahrt singt oder pfeift, beim Spurwechsel heult oder schmatzt, ob es nicht irgendwo dezent wummert oder eher fein flattert. "Der Reifen wird akustisch von uns seziert", sagt Wilhelm Jäger. Der Musikfan - zu Hause steht ein großes Mischpult, an dem der selbsternannte "Altrocker" in der Freizeit an Hardrocksounds feilt - gilt unter den Kollegen als absolute Akustikkoryphäe. Eine Erkältung darf der Dezibelexperte sich daher nicht leisten. 400.000 Euro kostet ein Winterreifentest, ein logistisches Meisterwerk, bei dem kein Missklang das ausgeklügelte Testprogramm unterbrechen soll. "Verstopfte Ohren wären fatal, dann ist Schluss mit der Messerei", sagt Wilhelm Jäger. Deswegen liegt hinten im Auto, trotz relativ warmer Brise, eine dicke Daunenjacke bereit: "Der Wind in der Heide ist nicht zu unterschätzen."

Am Ende des etwa eineinhalbjährigen Testprogramms steht ein Ergebnis, das viele Autofahrer als Empfehlung beim Winterreifenkauf werten. Deshalb wartet vor allem die Reifenbranche nervös wie ein Abiturient auf die Benotung des Test-Gremiums. Pünktlich zum Herbstanfang wurden die Ergebnisse kürzlich veröffentlicht: Getestet worden waren Winterreifen und ein Ganzjahresreifen in der Dimension 165/70 R14T sowie in der Größe 205/55 R16H. Insgesamt acht Reifen erzielten die Bestnote, fünfmal aber wurde auch das Urteil "nicht empfehlenswert ausgesprochen.

"Wer hier gewinnen will, muss einen ausgewogenen Reifen präsentieren", sagt Cheftester Michael Müller. "Reifen dürfen nicht in einer Disziplin Spitze sein, dafür aber in entscheidenden Tests wie der Traktion bei Nässe oder Schnee unten herausfallen. Nur gute Allrounder sind wirklich empfehlenswert." Seit 1974 ist er Reifentester beim ADAC, er könnte stundenlang von zerfetzten Reifen und geplatzten Marketingstrategien erzählen. Dann aber wieder lehnt er sich im Stuhl seines Bürocontainers auf dem Contidrom-Gelände zurück und sagt: "Testen ist kein Spaß, das ist harte Arbeit - und stupide." Deswegen setzt er sich selbst nicht mehr in die Testwagen, er ist in 30 Jahren genug im Kreis gefahren. Nur bei einer Disziplin macht Michael Müller eine Ausnahme. Wenn das ADAC-Team am Nürburgring die Kurventests macht. Die Nordschleife, so Müller, die habe immer ihren Reiz. Egal, mit welchen Reifen.