Schutzengel für Brummis: Auf sicherem Abstand - DER SPIEGEL
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Schutzengel für Brummis Auf sicherem Abstand

Im Gegensatz zum Pkw sind Fahrerassistenzsysteme beim Lkw noch die Ausnahme. Dabei könnten auch Pkw-Fahrer von einer Aufrüstung der Brummis profitieren, denn als Unfallgegner sind die Folgen für sie deutlich schwerer als für die Lkw-Insassen. Elektronische Helfer sind ein Schwerpunkt der IAA.
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München/Stuttgart - Die Nutzfahrzeughersteller und ihre Zulieferer stecken in der Zwickmühle: Auf der einen Seite rechnet die Europäische Union bis zum Jahr 2030 mit einem Anstieg des Güterverkehrs um 75 Prozent. Auf der anderen Seite soll die Zahl der Unfalltoten im Straßenverkehr bis 2010 auf der Basis von 2001 um die Hälfte sinken.

Zwar ist der Lkw nach Analysen von Mercedes in Stuttgart am Unfallgeschehen weniger stark beteiligt, als man meinen mag. Doch weist die amtliche Statistik für das Jahr 2004 in Deutschland mehr als 40.000 Unfälle mit Personenschäden aus, an denen Brummis beteiligt waren. Dabei wurden insgesamt knapp 50.000 Menschen verletzt und rund 1300 getötet. Um diese Zahlen weiter zu senken, werden nun ähnlich wie beim Pkw auch Lastwagen mit zahlreichen elektronischen Assistenz- und Sicherheitssystemen aufgerüstet.

Die elektronischen Schutzengel, die auch ein Schwerpunkt auf der Internationalen Automobilausstellung für Nutzfahrzeuge (21. bis 28.September) in Hannover sein werden, haben nach einer aktuellen Studie der Allianz Versicherung in München das Potenzial, die Zahl bestimmter Unfalltypen um bis zu 70 Prozent zu senken. Davon profitieren nicht nur Nutzfahrzeuge: "Aufgrund der großen Masse von Lkw sind die Folgen für die Unfallgegner deutlich schwerer als für die Lkw-Insassen", so ein Mercedes-Sprecher. Sowohl das Risiko einer Verletzung als auch das Risiko, bei einem Unfall mit Lkw-Beteiligung getötet zu werden, sei für die Gegner etwa viermal so hoch.

Selbständig in die Eisen

Dominiert wird die Statistik insbesondere auf Autobahnen von Auffahrunfällen, auf die etwa jeder zweite Personenschaden entfällt. Abhilfe verspricht ein Abstandsregeltempomat, wie er etwa bei MAN und Mercedes angeboten wird. Dieses System hält nach Angaben von MAN in München automatisch einen konstanten Abstand zum Vordermann und beschleunigt oder bremst selbständig auf das jeweilige Wunschtempo.

Wären alle Laster mit einem solchen System ausgestattet, könnten 24 Prozent aller schweren Lkw-Unfälle vermieden werden, hat die Allianz in ihrer Studie ermittelt. "Bezogen auf die Autobahn, liegt die Vermeidbarkeit sogar bei rund 70 Prozent", sagt Johann Gwehenberger, Leiter der Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik. Mercedes hat dieses System nun zum "Active Break Assist" weiterentwickelt, der in diesem Sommer in Serie gegangen ist. Er soll bei drohenden Auffahrunfällen selbstständig eine Notbremsung einleiten und die Karambolage so verhindern oder zumindest entschärfen. Mit derselben Technologie will das Unternehmen bis spätestens 2010 auch einen Stau-Assistenten auf den Markt bringen, der den Lkw selbstständig durch den Stop-and-go-Verkehr bringt.

Nach Angaben von Gwehenberger hilft die Elektronik auch gegen Unfälle, die durch unfreiwilliges Abkommen von der Fahrbahn - zum Beispiel bei Unaufmerksamkeit oder Übermüdung - passieren. Wenn eine ebenfalls bei vielen Herstellern bereits verfügbare Videokamera die Fahrspur kontrolliert und die Trucker bei Abweichungen etwa mit einem Nagelbandrattern zur Korrektur auffordert, könnten laut Gwehenberger rund die Hälfte dieser Unfälle vermieden werden. Im nächsten Entwicklungsschritt sollen die Systeme nach Angaben von Mercedes und MAN das Fahrzeug durch Bremseingriffe auch selbständig wieder auf Kurs bringen können.

Nur 6 Prozent der LkW mit Assistenzsystem

Zudem arbeiten die Hersteller für den Spurwechsel auf der Autobahn und vor allem für den Verkehr in den Städten an Sensoren, die das Fahrzeugumfeld kontrollieren sollen. Weil ein Lastwagen viel mehr und viel größere tote Winkel hat als ein Pkw, kommt es immer wieder zu Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern.

Auch das im Pkw als wichtigster Lebensretter nach dem Sicherheitsgurt gefeierte elektronische Stabilitätssystem (ESP) kann im Lkw einen Beitrag zur Verkehrssicherheit leisten, zeigten die Stuttgarter Sachverständigenorganisation Dekra und die Schweizer Winterthur-Versicherung kürzlich bei einem Crashtest in Wildhaus. Einen flächendeckenden Einsatz vorausgesetzt, könnte die Zahl der Unfälle mit Lkw und Kleintransportern um 9 bis 20 Prozent gesenkt werden.

Im Gegensatz zum Pkw sind Fahrerassistenzsysteme jedoch beim Lkw noch die Ausnahme, kritisieren die Experten. Nach ihren Angaben sind bislang nur sechs Prozent der neu zugelassenen Fahrzeuge mit derartigen Nothelfern ausgestattet. Das sei darauf zurückzuführen, dass im Transportgewerbe "der Wirtschaftlichkeit gegenüber der Sicherheit häufig Priorität eingeräumt wird", klagen die Experten.

"Für uns steht außer Frage, dass dem Thema Verkehrssicherheit und dem sicheren Warentransport eine hohe Priorität eingeräumt werden muss", entgegnet darauf Karlheinz Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) in Frankfurt/Main. Doch dürften dem Anwender durch die Einführung neuer Technologien keine Nachteile entstehen.

Außerdem zieht er den "oft vorbehaltlos propagierten Sicherheitsgewinn" solcher Systeme in Zweifel: "Es ist unbestritten, dass aktive und passive Assistenzsysteme zur Erhöhung der Sicherheit stetig an Bedeutung gewinnen werden", so Schmidt. Doch die Technik allein könne keine Unfälle verhindern. Erst wenn der Fahrer die durch sie erhaltenen Informationen entsprechend umsetzt, sei er sicher unterwegs.

Von Thomas Geiger, gms

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