Sicherheitspneus: "Wenn man darauf schießt, ist ein Loch drin" - DER SPIEGEL
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Sicherheitspneus "Wenn man darauf schießt, ist ein Loch drin"

Ob Staatspräsident oder Superstar, Bankpräsident oder Bagdad-Besucher – wer wichtig ist oder sich bedroht fühlt, lässt sich in gepanzerten Autos chauffieren. Doch was nützt die stabilste Stahlkarosse, wenn die Reifen platt sind? Ein Bonner Unternehmen stattet Sonderfahrzeuge mit speziellen Sicherheitspneus aus.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei Asbeck Armoring kennt man sich aus mit Waffen. Und mit ihren Wirkungen. Ob Revolver oder Gewehr, Magnum 44 oder Kalaschnikow - ein Auto, das die Werkstatt der Bonner Firma verlässt, muss Beschuss standhalten. Je nach Schutzklasse - "B4" etwa bietet Sicherheit bei Pistolen- und Revolverschüssen, "B6" wehrt Kugeln aus Militärgewehren ab - werden die Fahrzeuge mit unterschiedlich starken Stahlkarosserien und Panzerverglasungen versehen. Meist sind es Modelle der Mercedes S- oder G-Klasse, die mit dem zentimeterdicken Schutzstahl gepanzert werden. Viele Wagen wandern in den osteuropäischen Raum, wo Sicherheit im Straßenverkehr mitunter eine andere Bedeutung hat. Doch auch die Vereinten Nationen ordern die so genannten Sonderschutzfahrzeugen aus Bonn. Wer prominent genug, bedroht oder einfach nur ein wenig paranoid ist, schwört auf die in Handarbeit montierten gepanzerten Fahrzeuge.

Rund eine Tonne Zusatzgewicht wiegt diese Sonderausstattung. Allein eine Tür aus fingerdickem Spezialstahl bringt schnell 130 Kilogramm auf die Wage und kann nur mit zusätzlichen Hydraulikzylindern geöffnet und geschlossen werden. Die 60-Kilogramm-Seitenscheiben werden in der Regel gar nicht mehr bewegt - nur wenn der Kunde es wünscht, wird ein extra starker Fensterheber eingebaut. Außerdem bekommen die Panzer-Limousinen eine spezielle Feuerlöschanlage, gepanzerte Benzinleitungen und Tanks, eine Gegensprechanlage, elektrische Gardinen und auf Wunsch ein integriertes Blaulicht eingebaut. Und spezielle Notlaufreifen. Denn die mehr als drei Tonnen schweren Schutzautos müssen nicht nur etwa dem Kugelhagel eines Überfallkommandos in Bagdad standhalten, die müssen auch möglichst schnell Land gewinnen können. Und was nützt die beste Panzerung, wenn der attackierte Wagen mit zerfetzen Reifen nicht mehr vom Fleck kommt und in der Falle sitzt?

"Run Trec" heißt der Reifen, mit dem die Fahrzeuge bei Asbeck Armoring vom Hof rollen. Das Geheimnis des Panzerwagen-Reifens ist vor allem ein besonders verstärkter Gummiring, auf dem der Reifen sich bei Druckverlust "abstützt". Selbst wenn alle vier Reifen keine Luft mehr haben, fährt das Fahrzeug mit so einem Notlaufsystem auf den Felgen wie auf Stützrädern noch etwa 15 bis 50 Kilometer weit. Doch das ist meist gar nicht nötig. "Im Prinzip muss man nur aus dem unmittelbar gefährlichen Szenario wegkommen", sagt Geschäftsführer Asbeck. "Die James-Bond-Nummer, dass jemand nach der ersten Attacke noch hinterherfährt und weiter schießt, die gibt's nicht." Der "Run Trec" wird von dem Bonner Spezialausrüster eigenhändig konstruiert. "Das ist ein totales Nischenprodukt", sagt Überfall-Experte Marc Asbeck.

Doch aus Stahl gepanzert kann auch ein Spezialreifen nicht sein. Trotz Notlaufeigenschaften sind die Pneus die sensibelsten Punkte eines gut geschützten Automobils. "Ein Reifen ist immer mit Luft gefüllt", sagt Continental-Sprecher Klaus Engelhart. "Und wenn man darauf schießt, ist erst einmal ein Loch drin." Zwar stellt das Hannoveraner Unternehmen keine Reifen für Panzerwagen her, doch auch die Notlaufreifen für handelsübliche Sportwagen, schwere Limousinen und Vans funktionieren nach dem Stützradprinzip. Ein so genannter ContiSupportRing (CSR) ist ein Metallring mit einer flexiblen Lagerung, der direkt auf die Felge montiert ist. So soll auch ohne Luft die Weiterfahrt mit maximal 80 km/h möglich sein. Überfall- und Waffentests allerdings wurde das Notlaufsystem noch nicht unterzogen.

Deshalb sind gepanzerte Autos meist mit speziellen, direkt vom Fahrzeug-Umrüster gefertigten Spezialreifen unterwegs. In Deutschland sind nach Einschätzung von Experten etwa 550 bis 600 gepanzerte Sonderschutzfahrzeuge zugelassen, von der Staatskarosse des Bundeskanzlers über den Fuhrpark des Bundeskriminalamtes bis zur Luxuslimousine des sich bedroht fühlenden Popstars. Doch für Laien sind die Wagen von normal ausgestatteten Modellen kaum zu unterscheiden. Nur wenn man bei den Reifen genau hinsieht, ist vielleicht zu erkennen, dass das Gummi wegen des verstärkten Innenlebens ein wenig auf der Felge zu schweben scheint. Doch wer guckt schon auf die Reifen, wenn der Kanzler vorfährt?