Technik: Die Handbremse wird elektronisch - DER SPIEGEL
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Technik Die Handbremse wird elektronisch

Die konventionelle Handbremse dürfte demnächst ausgedient haben. An Stelle des mechanisch betätigten Seilzuges wird ein elektronisch gesteuertes System treten, das auf Knopfdruck funktioniert. Der Sicherheit und dem Komfort zuliebe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ihren Einstand hat die elektronische Parkbremse im vergangenen Herbst im neuen BMW 7er gegeben. Dort ersetzt ein Knopf im Armaturenbrett die bislang verwendete Fußraste. Wer per Tastendruck die Feststellbremse aktiviert, stellt sein Auto stets mit maximaler Bremskraft ab, ohne sich wirklich anstrengen zu müssen.

Das System ist laut BMW so programmiert, dass die Feststellbremse automatisch zupackt, wenn der Schlüssel abgezogen wird, der Fahrer den Wagen bei laufendem Motor verlässt, der Kofferraum geöffnet oder die Motorhaube gehoben wird - so sind die Personen um den Wagen herum optimal geschützt. Auch wer an abschüssiger Stelle parkt, soll laut BMW-Ingenieuren nach dem Einkaufen keine unangenehme Überraschung mehr erleben.

Bei laufendem Motor greift die Parkbremse dabei über die Bordelektronik auf alle vier Bremszylinder zurück. Nur wenn der Wagen endgültig steht, beschränkt sich das System auf die elektromechanische Bremse an der Hinterachse. Dabei muss die Hydraulik im Gegensatz zum Seilzug weder nachgestellt noch gewartet werden, so dass der Kunde auch beim Unterhalt sparen kann.

Doch die neue Generation der Handbremse, die jetzt auch im Lancia-Flaggschiff Thesis, im neuen Renault-Oberklasse-Modell Velsatis sowie im facegelifteten Jaguar S-Type zum Einsatz kommt, hilft dem Fahrer nicht nur beim Abstellen des Wagens. Auch im Stau ist das System von Vorteil. Je nach Programmierung verhindert die intelligente Bremse laut BMW-Sprecher Alfred Broede im Stop-and-go-Verkehr das für Fahrzeuge mit Automatikgetriebe typische Kriechen, so dass der Fahrer bequem den Fuß von allen Pedalen nehmen kann.

Die Presseabteilung von Renault preist ein weiteres Detail: Durch das neue System verliere das gefürchtete Anfahren am Berg seinen Schrecken, weil der Wagen automatisch am Zurückrollen gehindert wird. Noch einen weiteren Vorteil nennen die Entwickler für das System: Wenn die normale Bremsanlage einmal versagen sollte, ermöglicht die elektrische Parkbremse im Notfall bei minimalem Kraftaufwand einen deutlich kürzeren Bremsweg als der Griff zum Handbremshebel.

Für den Fall der Fälle arbeitet auch das neue System mit "doppeltem Boden": Wenn etwa bei leerer Batterie nach einer langen Winternacht der Strom zum Lösen der Handbremse fehlt, hilft dem Fahrer nach Angaben von Renault eine kleine Handkurbel weiter.

Nicht nur der Autofahrer profitiert von dieser neuen Technik, die Fahrzeugentwickler ziehen daraus nach Angaben des Zulieferers Siemens VDO Automotive in Schwalbach ebenfalls ihren Nutzen. Sie gewinnen durch den Einsatz eines frei platzierbaren Druckknopfs an Stelle des großen Hebels wertvollen Bauraum auf dem Mitteltunnel.

Außerdem können etwa bei Vans oder Geländewagen sehr viel variablere Sitzlandschaften mit einem besseren Durchgang von der ersten in die zweite Reihe konstruiert werden, wenn kein Bremshebel aus dem Wagenboden ragt. Für die Designer öffnen sich neue Freiräume, wenn sie den klobigen Hebel einfach ignorieren können. Lösungen wie etwa der zentrale, alles dominierende iDrive-Controller auf der Mittelkonsole des neuen 7ers wären sonst wohl kaum zu verwirklichen gewesen.