Verdeckspezialisten: Deutsche Aufmacher - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Verdeckspezialisten Deutsche Aufmacher

Verdeckhersteller verwandeln zweisitzige Roadster in Coupés und offene Viersitzer in wetterunabhängige Ganzjahresautos. Nicht ganz ohne Grund kommen die vier weltweit führenden Spezialisten aus einem Land, in dem es im Schnitt an 170 Tagen im Jahr regnet - aus Deutschland.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Das mag wohl eher daran liegen, dass es hierzulande so viele Premium-Automarken gibt, die einen entsprechend hohen Standard einfordern", vermutet Edscha-Sprecherin Christiane Nadol. Das westfälische Unternehmen entwickelt und fertigt seit 20 Jahren Cabriodächer. Bislang zwar ausschließlich Softtops, aber davon allein im vergangenen Geschäftsjahr 189.000 Stück in weltweit sechs Entwicklungs- und Produktionsstandorten in Deutschland, Slowakei, England, USA und Mexiko mit insgesamt 1000 Mitarbeitern. Mit einer silbergrauen Spezialanfertigung für das aktuelle BMW 3er-Cabrio haben sie Mitte 2004 die Millionengrenze geknackt.

"Mit BMW hat auch alles angefangen", erzählt Nadol. Zu den ersten Produkten zählten die Hauben vom 3er der Baureihe E30 sowie der Z1-Roadster. Aktuell fertigt Edscha die Tops für alle BMW-Cabriomodelle BMW 3er, 6er und Z4 sowie für Aston Martin DB 9 Volante, Smart Roadster, Chrysler PT Cruiser, Volvo C70, Opel Astra und Landrover Freelander. Neun weitere sollen bis zum Jahr 2007 hinzukommen, darunter dann auch die ersten dreiteiligen Klapp-Stahldächer.

Die sogenannten Retractable Hardtops (RHT) sind, neben den klassischen Softtops, eine Spezialität der CTS Fahrzeug-Dachsysteme, seitdem das Unternehmen 1997 mit dem Bau der ersten Vario-Dächer für den Mercedes-Benz SLK begonnen hatte. Die ein Jahr zuvor gegründete GmbH zwischen Daimler-Benz und Porsche wurde inzwischen von den Zuffenhausenern vollständig übernommen und hat ihre Zentrale von Hamburg nach Bietigheim-Bissingen verlagert.

Produziert wird allerdings weiter in Hamburg, Bremen, Korntal-Münchingen bei Stuttgart, Müllheim bei Freiburg sowie in den US-Staaten Michigan und Kentucky. Mit den Verdecksystemen für Mercedes-Benz SL und SLK, Porsche 911 Cabrio und Boxster, Corvette C6 Cabrio und Corvette C6 Targa, Cadillac XLR Roadster, Saab 9-3 Cabrio, Ferrari F360 Spider sowie Peugeot 307 CC erzielten die rund 1100 Mitarbeiter im vergangenen Jahr einen Umsatz von rund 420 Millionen Euro.

Mit weltweit über 6000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 1,4 Milliarden Euro gehört Webasto mit Stammsitz in Stockdorf bei München zu den Großen im Geschäft . Allerdings ist der nach eigenen Angaben "Weltmarktführer für Dachsysteme" kein reiner Verdeckhersteller, sondern entwickelt und vertreibt auch Heiz-, Kühl- und Lüftungssystemen für Pkw, Lkw, Busse, Boote und Reisemobile. In der Auftragsliste der Bayern stehen bislang, neben dem Lamellendach der Mercedes A-Klasse oder dem Panoramadach eines Maybachs, über 50.000 Schiebefaltdächer des Smart Fortwo Cabrio wie auch das Stahlklappdach für Daihatsus Bonsai-Roadster Copen.

Um für den anhaltenden Cabrio-Boom der Zukunft gerüstet zu sein, hat Webasto ein Jointventure mit dem italienischen Karosseriebauer Pininfarina unter dem Namen Open Air Systems (OASYS) gegründet. Erstes sichtbares Produkt ist das Schiebe-Falt-Softtop des Mini Cabrio. Aber auch an mehrteiligen Stahldachkonzepten wird intensiv gearbeitet, wie auf dem Genfer Salon 2004 an der VW-Cabrio-Studie Concept C zu sehen war, dessen Metallklappverdeck sich auf Knopfdruck in fünf Einzelelemente auffächert.

Die Firma, deren Name über Jahrzehnte zum Qualitätsmerkmal geworden ist, wenn es um ausgetüftelte Dach- und Verdeckkonstruktionen geht, ist die Firma Karmann aus Osnabrück. Audi, BMW, Chrysler, Ford, Jaguar, Mercedes, Opel, Renault, Volkswagen - die Liste der Kunden des über 100 Jahre alten Familienunternehmens ist lang. Die der produzierten Cabrio-Modelle noch länger: vom Audi A4 über Chrysler Crossfire Roadster und Mercedes CLK-Klasse bis zum VW New Beetle, um nur die aktuellen Modelle zu nennen.

Aber auch die bisherigen Karmann-Cabrios sind auf den Straßen in aller Welt zu finden. Allein vom Golf Cabrio wurden bis Produktionsende mehr als 600.000 Fahrzeuge ausgeliefert, rund 332.000 waren es beim Käfer Cabrio und knapp 444.000 Exemplare des legendären Karmann Ghia, der einzigen Eigenproduktion der Osnabrücker. Zurzeit arbeiten allein in Deutschland über 8000 Menschen für die Karmann-Gruppe, zu der weitere Tochtergesellschaften in Brasilien, Mexiko, Portugal und den USA gehören.