VW Scirocco Wüstenwind von Golfes Gnaden
Wolfsburg/Osnabrück - Ende der sechziger Jahre sank langsam aber stetig jener Stern, der Volkswagen groß gemacht hatte - der Käfer war reif für eine Ablösung. In den frühen siebziger Jahren stand dann irgendwann fest, dass die komplett erneuerte Modellpalette die Namen von Winden tragen sollten. Bis heute wehen der Passat, der Golf und der Scirocco.
VW-Designer Giorgio Giugiaro kam mit einem Entwurf der ersten Passat-Karosserie in Wolfsburg so gut an, dass dem Italiener weitere hehre Aufgaben übertragen wurden. Darunter die zu jener Zeit denkbar größte Herausforderung: Er sollte die Form eines Käfer-Nachfolgers entwickeln. Neben dem Kompaktwagen entstand dabei auch ein sportliches Coupé.
Die Namen hatten Manager bei VW bald parat: Ein heißer Wüstenwind wurde gewählt, der Scirocco. Er sollte die Limousine kennzeichnen, während die sportliche Variante Scirocco-Coupé heißen sollte. Irgendwie bekamen die Verantwortlichen dann doch Zweifel, ob sich diese Namensgebung nicht als Windei erweisen würde. Was folgte ist Automobilgeschichte: Der Scirocco wurde zum Golf, das Scirocco Coupé zum einfachen Scirocco.
Vom Band laufen sollte das Coupé bei Karmann in Osnabrück. Am 1. Februar 1974 war es soweit. Was Giugiaro, Karmann und Volkswagen quasi als Golf-Nebenprodukt auf die Räder gestellt hatten, gefiel Testern und Käufern auf Anhieb. Selbst die aus heutiger Sicht eher kantig-biedere Form entsprach vollauf dem Zeitgeschmack. Außerdem gab es zeitgemäße Technik, die VW-Käufern über Jahrzehnte unbekannt war. Dazu gehörten ein modernes Fahrwerk und Scheibenbremsen vorne ebenso wie die wassergekühlten Motoren. Anfangs gab es einen 1,5-Liter Motor mit 85 PS, bald folgte die Basisversion mit 1,1 Liter Hubraum und 50 PS sowie als goldene Mitte der 1,5-Liter mit 70 PS.
Knapp neun Monate nach Produktionsstart feierte Karmann in Osnabrück den 25.000. Scirocco, bis Jahresfrist folgten noch einmal 11.000 Exemplare. Nachdem anfangs in Zeiten der Ölkrise gerade die Verbindung von sportlicher Form und genügsamen, eher schwachen Motoren bei der Kundschaft ankam, sorgte man alsbald dafür, dass der Scirocco auch bei den sportlich Gesinnten beachtet wurde.
Ab Sommer 1975 zeigte der Scirocco mit dem Kürzel GTI, dass er mehr unter der Haube hat, als Laien vermuten. Ein Motor mit 110 PS - aus den Audi-Regalen - bescherte lebhaftes Temperament. Rund 190 Stundenkilometer Spitze und ein Sprint auf Tempo 100 in weniger als zehn Sekunden waren in den siebziger Jahren beachtliche Werte.
Allerdings gilt auch hier, dass das Bessere des Guten Feind ist: Denn wenig später übernahm Volkswagen das Prinzip auch für den Golf, der den drei Buchstaben erst zu jenem Klang verhelfen sollte, die sie heute noch haben. Fortan wurde es ruhiger um den Scirocco. Er entwickelte sich so, wie fast jedes Auto während seiner Produktionszeit. Neben dem üblichen Motor-wechsel-dich-Spiel mit immer wieder anderen Aggregaten gab es natürlich das obligatorische Facelift.
1981 ging dem ersten Wüstenwind dann die Puste aus - der gleichnamige Nachfolger stand bereit und lief wieder bei Karmann von den Bändern. Immerhin rund eine halbe Million Sciroccos waren bis dahin gebaut worden. Dass jenes Auto, dessen ursprünglichen Namen das Coupé trug, es in dieser Zeit auf ein Mehrfaches der Produktionszahl brachten, tut dem Erfolg kaum Abbruch.