Winterreifen-Geschichte Rock'n'Roll-Reifen
Es war kalt. Und windig. Und glatt, verdammt glatt. Links und rechts türmte sich der Schnee in meterhohen Wehen, und die Fahrer umklammerten angespannt ihr Lenkrad. Eigentlich war es eine Irrsinnsidee, zu dieser Jahreszeit über den St. Gotthard zu fahren - im Winter war der 2112 Meter hohe Alpenpass für den normalen Verkehr gesperrt. Nicht jedoch für die kleine Karawane von Testfahrzeugen, die sich an jenem 17. November 1953 die steile Bergstraße hinaufquälte. Die Expedition war erfolgreich: Man gelangte unversehrt über den Schweizer Pass.
Was für Fahrzeugtypen das Alpenabenteuer nach dem Vorbild Hannibals damals geschafft haben, ist nicht überliefert. Die Autos standen auch gar nicht im Mittelpunkt der ungewöhnlichen Testfahrt. An jenem verschneiten Novembertag ging es um die Reifen. Continental hatte mit dem M+S 14 einen der ersten Winterreifen auf den Markt gebracht. Matsch und Schnee - dafür stand und steht bis heute die Abkürzung M+S - sollte das neue Gummiprodukt besser meistern als alle Pneus zuvor. Um das zu beweisen, hatte der Hannoveraner Hersteller seine Reifentester bei extra widrigen Winterbedingungen über den Pass geschickt.
Mit zunehmenden Pferdestärken, schnelleren Autos und steigendem Verkehrsaufkommen war sicheres Fahren im Winter nicht mehr mit den herkömmlichen Reifen garantiert. Auch packte die Menschen in den Zeiten des Wirtschaftswunders das Fernweh: Italien lockte, Frankreich und Spanien, im Winter natürlich besonders die Skiorte in den Alpen. Doch wenn die Familie mit voll gepackten Kleinwagen über schlecht geräumte Straßen gen Süden zuckelte, endete der Urlaub nicht selten schnell im Graben.
Deswegen bastelten seit den frühen fünfziger Jahren nahezu alle Reifenhersteller auch an neuen Winter-tauglichen Reifen. Diese ersten M+S-Modelle hatten allerdings einige Nachteile. Wegen ihres besonders grobstolligen Profils und einer neuen, weicheren Gummimischung stieg wegen des erhöhten Abriebs der Spritverbrauch enorm. Außerdem waren diese ersten Winterpneus extrem laut und damit zunächst eher eine Lärmbelästigung als segenbringende Neuerung. Ein Image, mit dem im Übrigen auch so mancher Rock'n'Roll-Star behaftet war...
Bis sich die Winterreifen endgültig durchsetzen konnten, mussten die Reifeningenieure einige Rückschläge hinnehmen. So ist zum Beispiel auch eine bahnbrechende Entwicklung von Pirelli längst wieder in Vergessenheit geraten. 1959 hatte der Hersteller auf dem Turiner Autosalon eine Weltneuheit vorgestellt, einen Reifen mit austauschbarer Lauffläche: Beim Modell BS3 ließ sich das Sommerprofil abnehmen und ein entsprechender "Wintermantel" aus grobstolligem Gummi anlegen. Für besonders eisige Straßenverhältnisse konnten außerdem Spikes in die Lauffläche gedreht werden.
Auch wenn sich die Wechselmode nicht bewährte - die Idee, mit spitzen Metallnägeln mehr Grip auf Schnee und Eis zu bekommen, wurde erfolgreich weiter verfolgt. Schon 1961 rollten die ersten Winterpneus mit Spikes über die Straßen. Mit zunehmenden Straßenverkehr allerdings wurden diese griffigen Reifen zur Plage: Im Frühjahr sah der Asphalt aus wie ein schlecht versiegelter Parkettboden nach einer Party, auf der die Frauen mit Pfennigabsätzen Twist getanzt hatten. Wegen der starken Straßenschäden wurden Spikes-Reifen 1975 in Deutschland verboten. Weiterhin erlaubt sind sie nur noch in Ländern wie Schweden und Norwegen, die fast den ganzen Winter unter einer geschlossenen Schneedecke liegen.
Schon weil sich die Reifen nicht mehr mit Spikes in den Schnee (und den Asphalt) beißen durften, mussten sich die Entwicklungsabteilungen der Hersteller andere Wege suchen, um Reifen mit möglichst optimalen Wintereigenschaften zu bauen. Ausgeklügelte, griffige Profile ohne allzu hohen Spritverbrauch und mit tolerierbarem Außengeräusch sollten möglichst viele Autofahrer zum Wechsel auf die Winterschlappen bewegen. Seit den neunziger Jahren konnten besonders mit neuen Gummimischungen Erfolge erzielt werden.
Spezielle kältetaugliche Mischungen mit hohem Silica- oder Naturkautschukanteil stellen bereits auf herbstlichen Straßen mit nasser Oberfläche einen möglichst griffigen Kontakt zwischen Gummi und Asphalt her. Jedes Jahr tüfteln die Ingenieure für ihre neuen Produkte abgewandelte Rezepte aus, auch um bei den alljährlichen Winterreifentests der Automobilclubs die Konkurrenz hinter sich zu lassen. Daher werden die Gummi-Rezepte, ähnlich wie bei Coca Cola, wie ein Staatsgeheimnis gehütet.