Dokumentation im SPIEGEL Die Alles-Checker
Wie wirken die Inhaltsstoffe von Sonnencremes?
Wie gehen die Bundesländer mit Meteoriten- und Fossilienfunden um?
Was weiß man über Long Covid?
Und wie finden wir in 70 Millionen zugespielten Dokumenten Belege für Steuerhinterziehung und Korruption?
Willkommen im Alltag der SPIEGEL-Dokumentation! Unsere Abteilung ist darauf trainiert, auf fast jede Frage eine Antwort zu finden. Mit mehr als 50 Kolleginnen und Kollegen unterstützen wir die SPIEGEL-Redaktion – versorgen sie also mit wichtigen Informationen zu Beginn einer Recherche und überprüfen die fertigen Artikel vor Veröffentlichung. Kein anderes Medienhaus in Deutschland leistet sich eine so gut ausgestattete Mannschaft an Faktencheckern.
Das Spezialistentum ist das größte Pfund der »Dok«, wie wir hausintern genannt werden: Hier arbeiten mehr als 50 Juristen, Geschichts- und Islamwissenschaftlerinnen, Sinologinnen und Volkswirte, Soziologen, Medizinerinnen und Geologen, etliche von ihnen sind promoviert. Einige sprechen neben den gängigen westeuropäischen Sprachen auch Russisch, Albanisch, Arabisch oder Persisch.
2000 Regalmeter Leitz-Ordner, Bücher, Zeitschriften
Allein in unserem digitalen Pressearchiv haben wir seit Mitte der Neunzigerjahre mehr als 100 Millionen Dokumente gespeichert; jede Woche kommen rund 100.000 Artikel hinzu, über 200 Publikationen werden regelmäßig ausgewertet. Daneben haben wir weit mehr als 2000 Regalmeter an Leitz-Ordnern, Büchern, Zeitschriften und Mikrofiches archiviert. Neben einer Vielzahl fachspezifischer Datenbanken ist das SPIEGEL-Archiv für uns eine unverzichtbare – und oft genug exklusive – Quelle für Recherchen.
Die sogenannte Verifikation von Artikeln ist unsere Hauptaufgabe: Ein Großteil der für das Digitalangebot SPIEGEL+ und für den gedruckten SPIEGEL verfassten Artikel geht über unsere Tische, wird also »gedokt«, um im Kollegensprech zu bleiben. Wir prüfen die Texte oft Satz für Satz auf sachliche Richtigkeit und Plausibilität und legen heikle Bilder und Grafiken auf den Prüfstand. Das beginnt bei der Schreibweise von Eigennamen und geht über Zahlen, biografische Angaben und die richtige Interpretation von Studien bis hin zur Einordnung von historischen Entwicklungen.
SPIEGEL-Statut, 1949
In einem ausführlichen Übergabegespräch gehen Dokumentarin und Autor dann gemeinsam den Text durch, besprechen Einwände, Zweifel und problematische Passagen und korrigieren Fehler. Diese Gespräche sind oft nicht frei von Spannungen: Denn die Dokumentarin ist die vielleicht schärfste Kritikerin des Redakteurs. Das ist seit Gründung des SPIEGEL so gewollt – Ziel ist die Veröffentlichung inhaltlich möglichst fehlerfreier Artikel und damit die Sicherung der journalistischen Glaubwürdigkeit des SPIEGEL. Schon im SPIEGEL-Statut von 1949, in dem die Redaktion die Grundlagen ihrer Arbeit festhielt, steht: »In Zweifelsfällen ist eher auf eine Information zu verzichten, als Gefahr einer falschen Berichterstattung zu laufen.«
SPIEGEL-Autor Arno Frank beschrieb seine Erfahrung mit der SPIEGEL-Dok in einer Kolumne in der »taz« einmal so: Gedokt zu werden, fühle sich für Redakteurinnen und Redakteure an, »als hätte man Steuerprüfer und Kammerjäger im Haus – bei gleichzeitiger Darmspiegelung«. Danach aber fühle man sich »fantastisch«.
Anlass für Franks augenzwinkernden Vergleich war allerdings das wahrscheinlich dunkelste Kapitel in der Geschichte des SPIEGEL: der Betrugsskandal um den Reporter Claas Relotius. Im Dezember 2018 legte der SPIEGEL offen, dass Relotius seine oft preisgekrönten Stücke in großen Teilen schlicht erfunden hatte und dabei die mehrstufigen Kontrollsysteme des Hauses umgehen konnte.
Vertiefte Prüfung nach dem Stichprobenprinzip
Nicht nur für unsere Abteilung war das der Super-GAU. Als Reaktion darauf haben Redaktion und Dokumentation die journalistischen und redaktionellen Standards überarbeitet und in einem Leitfaden festgehalten. Auch für Reportagen des Reporter-Ressorts gilt bei der Verifikation nun außerdem das Fachprinzip: Jeder Text wird, je nach Thema, nach Möglichkeit von der Spezialistin oder dem Spezialisten im Haus geprüft. Für alle anderen Ressorts galt das schon immer. Die Reportagen aus dem heutigen Reporter-Ressort allerdings wurden vor dem Skandal im Wesentlichen von ein und demselben Dokumentar verifiziert, einem Generalisten.
Außerdem wählen wir per Zufallsprinzip regelmäßig einen frisch veröffentlichten Text aus und unterziehen ihn einer vertieften Prüfung durch einen unabhängigen Kollegen: Kritisch hinterfragt werden in diesem Rahmen insbesondere jene Passagen, bei denen wir normalerweise auf eine saubere Recherche des Autors vertrauen können und müssen. Wenn es notwendig ist, kontaktieren wir dafür auch Fotografen oder Protagonisten – gerade letzteres ist sonst ein Tabu und darf nur in Absprache mit dem Autor geschehen.
Vor allem aber setzten wir uns seit Relotius immer wieder intensiv darüber auseinander, wie wir arbeiten, welche Dinge wir innerhalb der Abteilung unterschiedlich handhaben und warum, wie wir mit Problemen umgehen und welche Fehler uns unterlaufen. Im Vordergrund steht dabei stets, wie wir gemeinsam daraus lernen können.
Der Zeitdruck hat zugenommen, der Anspruch bleibt
Durch die Zusammenlegung von Print- und Onlineredaktion im SPIEGEL hat sich unsere Arbeit verändert; der Zeitdruck hat zugenommen, das ist eine enorme Herausforderung für uns. Denn jeder weiß: Um Sachverhalte angemessen prüfen zu können, braucht man ein Minimum an Zeit. Wir versuchen, beweglicher zu werden; manchmal können wir lediglich einen Schnellcheck machen oder die Hauptthese überprüfen.
Unsere Einstellung zur Arbeit ist jedoch dieselbe geblieben wie zu Gründungszeiten unserer Abteilung: Wir sind diejenigen im Hintergrund, die alles hinterfragen und aufpassen, dass nichts schiefgeht. Und die sich am meisten freuen, wenn am Ende alles wasserfest ist und notfalls auch vor Gericht Bestand hat. Wenn also die Redaktion glänzen kann.