Internationaler Frauentag 2022: Wir müssen Denkmuster durchbrechen - DER SPIEGEL
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Steffen Klusmann

meinung •Internationaler Frauentag 2022 Wir müssen Denkmuster durchbrechen

Steffen Klusmann
Von SPIEGEL-Chefredakteur Steffen Klusmann
Frauen sollten in der Berichterstattung des SPIEGEL deutlich mehr Gewicht bekommen – das hatten wir uns vorgenommen. Hat es auch geklappt? Nein. Was wir jetzt tun, um dieses wichtige Ziel zu erreichen.

Liebe Leserinnen und Leser,

vor einem Jahr haben wir uns etwas vorgenommen: Wir wollten, dass in all unseren Beiträgen weibliche Protagonisten so häufig zu Wort kommen, wie es der Realität entspricht: nämlich zu 50 Prozent. Wir wollten Frauen verstärkt als Interview- und Gesprächspartnerinnen zitieren, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen, Juristinnen mehr Gehör schenken, mehr Frauen porträtieren und begleiten.

Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht.

Vorausgegangen war eine Zählung unserer Kollegen aus dem Datenteam, deren Ergebnis uns ernüchtert hat: Eine Auswertung aller Texte, die innerhalb eines Jahres im gedruckten SPIEGEL oder im freien Bereich von SPIEGEL.de erschienen waren, zeigte, dass in 73 Prozent aller Veröffentlichungen Männer erwähnt wurden, in lediglich 37 Prozent Frauen. In 42 Prozent der Texte kamen sogar ausschließlich Männer als Protagonisten oder Experten vor, nur in sechs Prozent aller Artikel waren es ausschließlich Frauen. Diese Zahlen wollten wir verändern, um irgendwann zu einem Verhältnis von 50:50 zu kommen.

Um es ganz direkt zu sagen: Das ist uns nicht gelungen.

Eine erneute Zählung in allen SPIEGEL-Texten, die zwischen dem 1. März 2021 und dem 28. Februar 2022 erschienen sind, zeigt das deutlich: Die Zahl der Veröffentlichungen, in denen Männer erwähnt werden, sank gerade mal um einen Prozentpunkt auf 72 Prozent. Die Zahl der Texte, in denen Frauen erwähnt wurden, ist nur um einen Prozentpunkt auf 38 Prozent gestiegen. Auch die Zahl der Texte, in denen nur Männer erwähnt wurden, sank lediglich um zwei Punkte auf 40 Prozent. Die Zahl der Texte, in denen nur Frauen erwähnt wurden, blieb mit sechs Prozent unverändert.

Wir waren nicht so vermessen zu glauben, dass wir das Verhältnis von Männern und Frauen in unseren Texten innerhalb von einem Jahr auf 50:50 drehen könnten. Aber dass wir so geringe Fortschritte erzielen, hat uns ernüchtert. Zumal in unseren Redaktionskonferenzen immer wieder auf das Thema hingewiesen wird.

Uns ist inzwischen bewusst, dass Appelle allein nicht reichen. Seit Herbst 2021 arbeitet daher ein redaktionelles Team daran, konkrete Maßnahmen umzusetzen:

  1. Wir wollen regelmäßig und im redaktionellen Alltag zählen, wie viele Männer und Frauen in unseren Texten vorkommen. Wir streben, nach dem Vorbild des 50:50-Projekts der BBC, eine Parität bei den Geschlechtern an. Dabei wollen wir nicht bloß zählen, sondern auch berücksichtigen, welche Rolle die Person im Text spielt und ob es eine Alternative gegeben hätte: Ob wir einen Kanzler oder eine Kanzlerin haben, können wir nicht beeinflussen. Aber ob wir über Ärzte oder Ärztinnen, über Juristinnen oder Juristen schreiben, schon.

  2. Wir haben ein Team gegründet, das sich kontinuierlich um Diversitätsthemen kümmert, Ungleichgewichte sichtbar macht und Vorschläge einbringt, wie der SPIEGEL in dieser Hinsicht besser werden kann. Dabei geht es explizit nicht nur um das Geschlecht, sondern auch um andere Aspekte wie sexuelle Orientierung, Migrationsgeschichte oder Hautfarbe.

  3. Der SPIEGEL sucht aktiv nach neuen Expertinnen und baut eine Datenbank auf, in der sachkundige Personen mit ihren Fachgebieten für alle Kolleginnen und Kollegen auffindbar sind.

Ob das funktioniert?

Das wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass wir gelernte Denkmuster durchbrechen müssen, wenn wir die Welt so abbilden wollen, wie wir sie im Jahr 2022 vorfinden: eine Welt, in der Politikerinnen, Unternehmenschefinnen, Wissenschaftlerinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen und Frauen aus allen anderen gesellschaftlichen Bereichen eine Selbstverständlichkeit sind. Und in der unsere Leserinnen und Leser zu Recht erwarten, dass wir ihre Welt realitätsgetreu abbilden.

Wir arbeiten daran.

Herzlichst

Ihr Steffen Klusmann

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass der Anteil an Texten, in denen ausschließlich Männer vorkommen, auf 42 Prozent gesunken ist. Tatsächlich ist er von 42 auf 40 Prozent gesunken. Wir haben die Zahl korrigiert.