Spogomi-Weltmeisterschaft in Japan: »Ich fahre zur WM im Müllsammeln« - DER SPIEGEL
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Ungewöhnliche Sportart »Ich fahre zur WM im Müllsammeln«

Finja, 12, tut regelmäßig etwas für die Sauberkeit in ihrem Wohnort Haan bei Düsseldorf. Jetzt vertreten sie und ihr Team Deutschland bei der Spogomi-Weltmeisterschaft in Japan.
Protokoll: Claudia Beckschebe • • aus DEIN SPIEGEL 12/2023

Müllsammeln als Sport – das klingt komisch, aber in Japan gibt es das schon länger. Bis Charlotte, eine Freundin meiner Mutter, vor Kurzem die Idee hatte, sich für einen Spogomi-Wettkampf anzumelden, hatte ich auch noch nie davon gehört. In dem Begriff Spogomi stecken die Wörter »Sport« und »gomi«, das heißt »Abfall« auf Japanisch.

Nach einem einstündigen Spaziergang hat die Truppe säckeweise Abfall gesammelt. Im Gebüsch findet sich manchmal auch Diebesgut – Schmuck oder Brieftaschen. Den geben Finja und ihr Team bei der Polizei ab.

Nach einem einstündigen Spaziergang hat die Truppe säckeweise Abfall gesammelt. Im Gebüsch findet sich manchmal auch Diebesgut – Schmuck oder Brieftaschen. Den geben Finja und ihr Team bei der Polizei ab.

Foto: Sandra Stein / Dein SPIEGEL

Seit 2016 treffen wir, also Charlotte, meine Mama, ich und andere Leute aus der Nachbarschaft, uns regelmäßig zum Müllsammeln in Haan. Das machen wir immer am letzten Mittwoch im Monat. Wir nennen das »Dreck-weg-Spaziergang«. Da geht es aber nicht um Sport, sondern um Umweltschutz. Wir gehen eine Stunde lang spazieren. Wir haben Säcke, Handschuhe und Zangen dabei und sammeln ein, was wir an Müll finden: Zigarettenstummel, Flaschen, Verpackungen. Völlig zerranzte Dinge, die eigentlich auf den Sperrmüll gehören, wie kaputte Gartenstühle. Wir haben sogar mal mitten im Wald das Innere eines Spielautomaten gefunden.

Über die Jahre hat sich der Abfall verändert, den man hier so findet. Als ich kleiner war, haben wir bei unseren Touren besonders viele Glasflaschen gefunden, meistens von alkoholischen Getränken. Heutzutage finden wir mehr Verpackungsmüll. Vor allem zu Corona-Zeiten ist mir aufgefallen, wie sehr der in die Gegend geworfene Müll von Fast Food zugenommen hat. Ich kann nicht nachvollziehen, dass Leute ihren Abfall in die Umwelt werfen. Natürlich sind auch bei uns in Haan öffentliche Mülleimer manchmal so voll, dass man den leeren Cola-Becher nicht mehr hineinbekommt. Aber dann sollte man ihn eben noch so lange mit sich herumtragen, bis es eine Gelegenheit zum Entsorgen gibt.

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Als Charlotte von dem Spogomi-Wettbewerb erzählte, hielt ich das gleich für eine super Idee. Denn ich wusste: Wenn wir gewinnen, dürfen wir zur WM nach Japan fahren! Eine Reise nach Japan ist schon lange mein Traum. Ich mag Animes und japanisches Essen.

Der Wettbewerb fand in Düsseldorf statt, und die Regeln waren leicht verständlich: Drei Leute bilden ein Spogomi-Team. Während des Sammelns darf man sich nie mehr als zehn Meter voneinander entfernen. Man hat eine Stunde Zeit, innerhalb eines abgesteckten Gebiets Müll zu sammeln. Zügig gehen ist erlaubt, rennen aber nicht. Jedes Team wird von einem Schiedsrichter begleitet, der überprüft, dass man sich an diese Vorgaben hält. Es gibt verschiedene Mülltüten: eine durchsich­tige für Zigarettenstummel, eine mit blauer Schrift für Restmüll, eine mit roter Schrift für Plastik. Die Müllsorten geben unterschiedliche Punkte: 100 Gramm Zigarettenreste = 300 Punkte, 100 Gramm Restmüll = 10 Punkte, 100 Gramm Plastikmüll = 20 Punkte.

In Japan ist das sportliche Müllsammeln, Spogomi, schon länger bekannt. In der Hauptstadt Tokio wird am 22. November die Weltmeisterschaft ausgetragen. Finja und ihr Team werden dabei sein.

In Japan ist das sportliche Müllsammeln, Spogomi, schon länger bekannt. In der Hauptstadt Tokio wird am 22. November die Weltmeisterschaft ausgetragen. Finja und ihr Team werden dabei sein.

Foto: Manabu Kato / AP / picture alliance

Zigarettenreste bringen die meisten Punkte, weil sie richtig schädlich für die Umwelt sind. Sie sind aber eben auch klein. Es ist gar nicht so leicht, 100 Gramm davon zu finden.

Bei dem Wettbewerb in Düsseldorf sind um die 20 Teams angetreten. Rund um den Hauptbahnhof war unser Sammelgebiet. Charlotte, Mama und ich haben uns richtig ins Zeug gelegt. Nach 45 Minuten hatten wir schon 12 Mülltüten voll, die waren unglaublich schwer. Die restlichen 15 Minuten haben wir nur noch Zigarettenreste gesammelt, damit wir richtig viele Punkte machen.

Das riesige WM-Ticket, das Finja, ihre Mama Meike und Charlotte (rechts) festhalten, haben sie beim Wettbewerb in Düsseldorf gewonnen.

Das riesige WM-Ticket, das Finja, ihre Mama Meike und Charlotte (rechts) festhalten, haben sie beim Wettbewerb in Düsseldorf gewonnen.

Foto: Sandra Stein / Dein SPIEGEL

Die Strategie ist aufgegangen. Wir haben mit 5382 Punkten für 43,56 Kilogramm Müll gewonnen. Als das verkündet wurde, hat Mama einen Freudenschrei von sich gegeben. Ich konnte es auch kaum glauben. Jetzt fliegen wir wirklich nach Japan. Ende November findet die Spogomi-Weltmeisterschaft in der Hauptstadt Tokio statt. Es kommen Teams aus 20 Ländern. Nach der WM bleiben wir noch ein paar Tage. Die Flugreise ist schließlich richtig weit, das soll sich lohnen. Zum Glück hat die Schule mir freigegeben, denn Ferien sind dann nicht.

Natürlich wäre es schön, einen guten Platz zu machen. Aber ich glaube, die Bewohner von Tokio achten besser auf die Sauberkeit ihrer Stadt als die Leute in Haan. Und wir kennen das Gebiet nicht, das uns zum Sammeln zugewiesen wird. Also, mal sehen. Bei unseren »Dreck-weg-Spaziergängen« arbeiten Mama und Charlotte an ihrer Kondition, ich fühle mich fit genug. Und ich freue mich jetzt einfach riesig auf Japan.

Dieses Protokoll erschien in »Dein SPIEGEL« 12/2023.

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