17-jährige Freestyle-Skifahrerin Muriel Mohr: Ein menschlicher Korkenzieher - DER SPIEGEL
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17-jährige Freestyle-Skifahrerin Ein menschlicher Korkenzieher

Muriel Mohr ist eine der besten Freestyle-Skifahrerinnen der Welt. Hier erzählt sie, was ihren Sport so spannend macht, welcher ihr Lieblingstrick ist – und wie man mit gebrochener Ferse Ski fahren kann.
Aufgezeichnet von Jonas Kraus • • aus DEIN SPIEGEL 1/2024

»Zum ersten Mal stand ich mit zwei oder drei Jahren auf Skiern. Da bin ich eher auf den Babypisten gefahren. Erst als ich etwas älter war, bin ich mit meinem Vater immer mal wieder neben der Piste gefahren und habe gemerkt, wie viel Spaß mir kleine Tricks und Sprünge machen.

So richtig klick gemacht hat es dann bei mir, als ich neun Jahre alt war. Meine Eltern haben mich im Camp eines Reiseveranstalters angemeldet. Dort sind wir in einem Snowpark mit Schanzen und Hindernissen gefahren.

Ich mag das Individuelle an dem Sport. Anders als beim Alpinski müssen wir nicht zwischen Stangen hindurchfahren und versuchen, die Bestzeit zu erreichen. Stattdessen denken wir uns Tricks und Kombinationen aus. Jede Fahrt durch den Park ist anders.

Meine Lieblingsdisziplin ist Slopestyle, da fahren wir durch eine Art Skatepark, aber auf Schnee. Während eines Wettkampfs muss ich lange aufmerksam bleiben, damit jeder Sprung und jeder Trick sitzen. Ich habe zwölf Jahre Ballett gemacht, das ist eine perfekte Vorbereitung fürs Freestyle-Skifahren. In beiden Disziplinen kommt es auf Konzentration und Körperspannung an.

Das ist Freestyle-Skiing

Freestyle-Skifahrende zeigen in ihren Wettkämpfen spektakuläre und anspruchsvolle Sprünge oder gleiten auf kreative Weise über Hindernisse. Die Zeit ist meist zweitrangig, wichtiger sind Geschicklichkeit und eine saubere Technik. Fünf Freestyle-Disziplinen sind mittlerweile olympisch:

Slopestyle

Bei dieser Disziplin fahren die Athletinnen und Athleten durch eine Art Hindernis-Parcours. Sie springen über Schanzen, sogenannte Kicker. Außerdem rutschen sie über Jibs, das sind Hindernisse, die an Treppen­geländer erinnern.

Big Air

Hier geht es um den perfekten Sprung: Die Teilnehmenden nehmen einen langen Anlauf und fliegen dann hoch und weit durch die Luft. Dabei machen sie Schrauben oder drehen sich kopfüber.

Halfpipe

Eine Halfpipe ist eine halbe Röhre aus Schnee und Eis. Im Wettkampf zeigen die Fahrenden darin Sprünge, fahren vorwärts und rückwärts die Halfpipe hoch.

Moguls

Da flitzen die Free­skier eine steile Buckelpiste hinab und zeigen zwei Sprünge.

Ski Cross

Hier treten vier Athletinnen und Athleten gleichzeitig gegeneinander an und fahren durch eine Strecke mit steilen Kurven und vielen Wellen.

Schon mit 15 Jahren durfte ich zum ersten Mal im Weltcup ran. Da stand ich am Start neben den besten Athletinnen der Welt. Das war schon komisch. Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Wir sind eine große Gemeinschaft und freuen uns, wenn einer Konkurrentin ein guter Lauf gelingt.

Mein erster Weltcup in der Schweiz lief allerdings nicht nach Plan. Vor den Wettkämpfen üben wir immer unsere Tricks. Dabei bin ich bei der Landung gestürzt und habe mir die Ferse gebrochen. Ich bin an dem Tag zwar noch einmal gefahren. Aber danach musste ich aufhören und den Wettkampf auslassen, weil die Schmerzen zu groß wurden.

Dein SPIEGEL: Was essen wir morgen?
Foto: Dein SPIEGEL

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Nach sechs Wochen war die Ferse verheilt, und ich stand wieder auf den Skiern. Auch wenn diese Verletzung glimpflich ausgegangen ist, weiß ich: Es ist wichtig, mit Respekt an die Sache ranzugehen. Ein kleiner Fehler kann in einem Sturz enden. Aber Angst habe ich keine. Das finde ich auch wichtig, denn mit Angst verkrampft man.

Meine ersten Welt­cuppunkte habe ich in Georgien geholt, als meine Ferse wieder heil war. Es war damals sehr windig, was ein Problem für uns ist. Vor allem in der Luft will man nicht von einer Böe erwischt werden. Letztlich ging alles gut aus, und ich wurde Vierte im Slopestyle. An allen Weltcups kann ich leider nicht teil­nehmen, denn in erster Linie bin ich Schülerin. Ich gehe in die zwölfte Klasse, im Mai mache ich das Abitur. Zum Glück habe ich den besten Schuldirektor, den es gibt. Ich bekomme oft eine Schulbefreiung bewilligt und werde jederzeit unterstützt. Aber natürlich bin ich nicht nur auf dem Berg. Wettkämpfe in den USA oder in China muss ich wegen der Schule noch auslassen. Nach dem Abitur möchte ich aber auch dort antreten.

Muriel macht in der Luft Saltos und Schrauben, vorwärts und rückwärts. Bei ihrem Lieblingstrick dreht sie sich zweieinhalbmal um die eigene Achse.

Muriel macht in der Luft Saltos und Schrauben, vorwärts und rückwärts. Bei ihrem Lieblingstrick dreht sie sich zweieinhalbmal um die eigene Achse.

Foto: Patrick Steiner / GEPA pictures / IMAGO

Im vergangenen August bin ich während der Ferien nach Neuseeland geflogen, zur Weltmeisterschaft der Junioren. Raus aus dem deutschen Sommer, rein in den neuseeländischen Winter. Dort wurde ich Junioren-Weltmeisterin im Slopestyle und landete im Big Air auf Platz sechs. Nicht nur sportlich war der Ausflug eine beein­druckende Erfahrung. Ich wollte schon immer mal nach Neuseeland, das ist ein so spannendes Land.

Meine Eltern waren nicht dabei, haben aber den Wettkampf mitten in der Nacht im Livestream verfolgt. Stattdessen war ich mal wieder vor allem mit Jungs unterwegs. Das bin ich gewohnt, leider machen unseren Sport nur wenige Mädchen und Frauen.

Das Besondere an Freestyle-Ski ist der »Twin Tip«. Die Spitzen der Ski sind vorne und hinten nach oben gebogen. Das erleichtert vor allem das Rückwärtsfahren.

Das Besondere an Freestyle-Ski ist der »Twin Tip«. Die Spitzen der Ski sind vorne und hinten nach oben gebogen. Das erleichtert vor allem das Rückwärtsfahren.

Foto: Sandra Singh / Dein SPIEGEL

Früher habe ich mir gewünscht, dass mehr Mädels dabei sind. Aber ich verstehe mich auch mit den Jungs. Manche haben mich am Anfang unterschätzt – aber das ist mittlerweile vorbei. Die wissen, was ich kann.

Mein Lieblingstrick ist der »Switch Bio 9 Tail«. Dabei fahre ich rückwärts auf die Schanze zu, schaue über die linke Schulter und springe dann weg. Dann drehe ich mich zweieinhalbmal um die eigene Achse und lande vorwärts. In der Luft sieht die Bewegung aus wie ein Korkenzieher.

Womöglich zeige ich den Trick auch im Januar bei den Olympischen Jugendspielen in Südkorea. Dort will ich weit vorne landen. Genau wie bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Italien. Dort teilzunehmen ist mein großer Traum. Unser Sport ist in Deutschland ziemlich klein und unbekannt. Ich bin mir sicher: Das ändert sich, wenn mal eine oder einer von uns einen großen Erfolg feiert.

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Dieses Protokoll erschien in »Dein SPIEGEL« 1/2024.

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