Grünenabgeordnete Emilia Fester im Kinder-Interview »Was hältst du vom Schuleschwänzen für den Klimaschutz?«
Dein SPIEGEL: Wieso bist du zu den Grünen gegangen?
Fester: Das habe ich nie wirklich infrage gestellt, ich war einfach Grüne! Schon als Kind habe ich mich für Tierschutz eingesetzt, und mit elf Jahren war ich auf meiner ersten Demo, um gegen Atomkraft zu protestieren. Da fand ich es nur logisch, mich der Grünen Jugend anzuschließen.
Dein SPIEGEL: Nach der Schule hast du in einem Theater gearbeitet. Warum bist du doch noch Politikerin geworden?
Fester: Mir war beides wichtig: Politik und Theater. Als ich 2018 Landessprecherin der Grünen Jugend in Hamburg wurde, hatte ich aber nur noch Zeit für eins. Also musste ich mich entscheiden. Und weil mich Krisen wie der Klimawandel oder die soziale Ungleichheit damals sehr beschäftigten, habe ich die Politik gewählt.
Emilia Fester während einer Rede im Plenarsaal. Wenn sich die Abgeordneten dort zu verschiedenen Themen ihre Meinung sagen, kann es auch mal laut werden. Hitzige Diskussionen gehören zu einer Demokratie dazu.
Foto: Felix Zahn / photothek / picture allianceDein SPIEGEL: Jetzt bist du Bundestagsabgeordnete. Was macht man da den ganzen Tag?
Fester: Wirklich viel reden und sitzen. Zum Beispiel in den blauen Sesseln, die im Plenarsaal stehen. Dort diskutieren wir Abgeordneten über Gesetze und stimmen anschließend über sie ab. Dazu gehört auch, Reden zu halten, in denen man seine Meinung sagt. Außerdem spricht man den ganzen Tag mit vielen Leuten über viele Themen. Es gibt also jede Menge zu tun. Ich arbeite meistens von sieben Uhr morgens bis Mitternacht.
Dein SPIEGEL: Bleibt da noch Zeit für Hobbys?
Fester: Wenig. Im Bundestag finden mindestens 20 Wochen im Jahr die Sitzungswochen statt, in denen alle Abgeordneten nach Berlin kommen. In dieser Zeit bin ich fast rund um die Uhr damit beschäftigt, Politik zu machen. Erst wenn der Bundestag Sommerpause hat, arbeite ich etwas weniger. Dann gehe ich gern ins Theater oder treffe Freundinnen und Freunde zum Spieleabend.
Dein SPIEGEL: Als du im Bundestag angefangen hast, warst du die jüngste Abgeordnete. Wurdest du deswegen anders behandelt?
Fester: Ja, vor allem von den Medien, die hatten ein riesiges Interesse an mir. Auf Social Media bekam ich leider auch viele böse Nachrichten. Anscheinend denken viele Leute, dass es okay ist, mich mit Hass zu überschütten, weil ich eine junge Frau bin. Andere Abgeordnete erleben das auch, aber bei mir war es am Anfang besonders schlimm.
Dein SPIEGEL: Wie gehst du damit um?
Fester: Manchmal beschäftigt mich das, aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich bekomme online auch jede Menge Unterstützung. Außerdem muss man unterscheiden: Als Bundestagsabgeordnete vertrete ich die Gesellschaft. Dass sich alle zu meiner Arbeit äußern und sie auch kritisieren können, gehört zu einer Demokratie dazu. Beleidigungen muss ich mir aber nicht gefallen lassen. Gegen besonders üble gehe ich gerichtlich vor.
Dein SPIEGEL: Hat es auch Vorteile, so jung Bundestagsabgeordnete zu sein?
Fester: Ja, das kann für viele junge Menschen gut sein. Wir haben nämlich ein ziemlich altes Parlament: Das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt bei rund 47 Jahren. Bei vielen politischen Entscheidungen merkt man das. Deswegen ist es super, wenn es hier mehr Leute gibt, die jünger sind. Denn die Politik, die jetzt im Bundestag gemacht wird, ist für die Zukunft meiner und eurer Generation entscheidend.
Dein SPIEGEL
Ein Instrument zu lernen ist mühsam. Warum tun Menschen sich das an? Darum geht es in der neuen Ausgabe des Kinder-Nachrichten-Magazins »Dein SPIEGEL«. Sängerin Zoe Wees spricht über ihre Songs, Redakteur Marco Wedig beschreibt, wie gut seiner Oma Schlager taten, als sie dement wurde. Außerdem im Heft: Ein Land kauft den Sport – warum Saudi-Arabien Milliarden ausgibt, um die besten Athleten der Welt zu verpflichten. »Dein SPIEGEL« gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Dein SPIEGEL: Sollten Kinder auch wählen dürfen?
Fester: Ja, unbedingt! Ich halte die Altersgrenze für ungerecht. Stellt euch vor, es ist Bundestagswahl, und ihr seid 17 Jahre und 360 Tage alt. Ihr dürft dann nicht wählen gehen, selbst wenn ihr unbedingt möchtet. Nur weil ihr ein paar Tage zu jung seid. Das muss sich ändern.
Dein SPIEGEL: Wie denn?
Fester: Ich setze mich für ein Eintragungswahlrecht ein. Das würde bedeuten, dass jeder mitwählen kann, der sich selbstständig zur Wahl anmeldet. Das Alter ist egal. Man muss nur zum Bürgeramt gehen und Bescheid sagen, wer man ist und dass man bei der nächsten Wahl ein Kreuz machen möchte. Ich bin mir sicher, dass das viele Kinder machen würden.
Dein SPIEGEL: Seit Sommer bist du die Vorsitzende der Kinderkommission, der KiKo, des Bundestags. Was macht diese Kommission?
Fester: Die KiKo ist eine Fachgruppe, in der ich zusammen mit fünf anderen Abgeordneten sitze. Wir schauen uns gemeinsam an, was Kindern und Jugendlichen gerade wichtig ist, und leiten das an die großen Sitzungen im Bundestag weiter. So sorgen wir dafür, dass die Politik an die Perspektive junger Menschen denkt, wenn sie Entscheidungen zu Gesetzen trifft.
Dein SPIEGEL: Woher wisst ihr denn, was Kindern gerade wichtig ist?
Fester: Das sagen sie uns selbst. Seit ich Vorsitzende der KiKo bin, kommen Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland zu den Sitzungen, um zu erzählen, was sie von uns Politikerinnen und Politikern erwarten. Oft geht es dabei um Schulthemen oder zum Beispiel um die Frage, warum nicht mehr unternommen wird, um das Klima zu schützen.
Dein SPIEGEL: Dir ist der Klimaschutz ebenfalls wichtig. Wie setzt du dich dafür ein?
Fester: Ich versuche, die Stimmen junger Menschen laut werden zu lassen. Auch die von Klimaaktivisten und Klimaaktivistinnen. Wir haben einige von ihnen zur KiKo eingeladen, damit sie uns ihre Meinung zu dem Thema sagen können.
Im September nahmen 15.000 Menschen an einer Demo von Fridays for Future in Hamburg teil. Auch viele Kinder und Jugendliche machten mit. Sie forderten, dass endlich mehr für den Klimaschutz getan wird.
Foto: Isabella Finholdt / NurPhoto / picture allianceDein SPIEGEL: Was hältst du davon, die Schule zu schwänzen, um auf den Klimaschutz aufmerksam zu machen?
Fester: Organisationen wie Fridays for Future haben etwas Historisches geschafft: Sie haben dafür gesorgt, dass sich alle Parteien zum Klimaschutz äußern mussten. Dank dem Mut junger Menschen ist das Thema in der großen Politik angekommen. Das finde ich großartig.
Dein SPIEGEL: Und was hältst du von den Aktionen der Letzten Generation?
Fester: Ich kann sehr gut verstehen, dass viele Menschen frustriert sind, weil noch nicht genug für den Klimaschutz getan wurde. Aber ich halte es für falsch, deswegen Straßen zu blockieren. Das sorgt nämlich dafür, dass sich die Gesellschaft spaltet. Um der Politik Druck zu machen, wäre es besser, wenn sich die Menschen zusammentun.
Dieses Interview erschien in »Dein SPIEGEL« 11/2023.
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